Jahresbilanz

Dieter Zetsche bringt Daimler auf Hochtouren

Die Mercedes-Werke sind ausgelastet. Und doch will Daimler weiter wachsen. Das muss der Konzern auch – denn die Aktionäre sind nicht zufrieden.

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Das Auftreten der Vertriebsleute war ungewöhnlich - zumindest in diesen Wochen. Sie drängelten. Hartnäckig und massiv. "Wir brauchen Autos", hieß es aus fast allen Regionen. "Mal kam ein Regionalleiter und wollte 20.000 Mercedes, dann meldete ein anderer Bedarf von 45.000 Einheiten", erinnert sich ein Daimler-Vorstand.

Das war im März 2010. Damals stand die Automobilbranche noch unter dem Schock der Krise, auch die Stuttgarter ließen kurzarbeiten, in manchen Werken liefen die Bänder gerade mal noch an zwei oder drei Tagen. Im Konzernvorstand rätselte man: Wo kommt diese plötzliche Nachfrage her. Ist das mehr als ein Strohfeuer? Es würde überlegt, analysiert, gezaudert - aber nicht lange. "Im April haben wir die Produktion voll hochgefahren, etwas schneller als die Konkurrenz. Heute sind alle Kapazitäten ausgelastet. Wir können in keinem Werk, egal ob in Südafrika oder den USA, auch nur einen einzigen Mercedes mehr bauen als derzeit", sagt der Spitzenmanager.

2010 war nach langer Durststrecke wieder ein Spitzenjahr für den Daimler-Konzern. Drei Mal hatte Vorstandschef Dieter Zetsche in den vergangenen Monaten die Prognose nach oben geschraubt, in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena verkündete er nun einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 7,3 Mrd. Euro - nach einen Verlust im vorangegangenen Geschäftsjahr von 1,5 Mrd. Euro. Der Konzernumsatz stieg um 24 Prozent auf 97,8 Mrd. Euro.

Daimler verdient wieder in allen Sparten Geld, mit im Pkw-Geschäft, mit den schweren Lastwagen, den leichten Nutzfahrzeugen und den Finanzdienstleitungen. "Vor zwölf Monaten habe ich an dieser Stelle versprochen, dass wir mit hohen Drehmoment aus der Krise kommen. Und ich habe Wort gehalten", sagte Zetsche auf der Bilanzpressekonferenz. Zugpferd der Stuttgarter war erneut die Pkw-Sparte. 1,28 Mio. Mercedes hat Daimler 2010 ausgeliefert, ein Wert, der in der Unternehmensgeschichte erst ein Mal übertroffen wurde. Das Ebit von Mercedes-Benz Cars betrug 4,7 Mrd. Euro.

Anleger und Analysten reagierten dennoch wenig begeistert. Dass der Gewinn deutlich über sieben Mrd. Euro liegen wird, war erwartet worden. Bei der Umsatzrendite hatten Analysten allerdings mit einer neun vor dem Komma gerechnet. Erzielt wurden bei Mercedes-Benz-Cars 8,7 Prozent. "Das ist keine Katastrophe, aber doch eine ziemliche Enttäuschung", sagte ein Händler in Frankfurt. Allerdings stehen die schärften Konkurrenten der Stuttgarter nicht besser da: BMW kam in den ersten drei Quartalen 2010 auf 7,2 Prozent Umsatzrendite. Die Volkswagen-Tochter Audi, die samt seines Mutterkonzerns noch keine Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vorgelegt hat, hatte sich für 2010 eine Umsatzrendite von über acht Prozent vorgenommen.

Die Anleger beruhigte das nicht, auch nicht, dass der Konzern für seine Aktionäre diesmal Gaben im Gepäck hatte: Nachdem sie 2009 leer ausgegangen waren, sollen sie für 2010 wieder eine Dividende erhalten. Pro Anteilschein plant Daimler nach eigenen Angaben 1,85 Euro zu zahlen. Eindruck machte das alles am Ende wenig, kaum waren die Zahlen verkündet, rauschte die Daimler-Aktie nach unten und war bis zum frühen Nachmittag Verlierer im Dax. Zeitweise verlor das Papier mehr als vier Prozent.

Doch der Kurs dürfte sich bald erholen, insgesamt sehen Analysten und Autoexperten den Daimler-Konzern allen Schwachstellen zum Trotz gut aufgestellt. "Daimler profitiert wie die gesamte Branche vom Ende der Krise und der steigenden Nachfrage. Der Erfolg der Stuttgarter liegt unter anderem darin, dass es ihnen gelingt, ihre Mercedes-Modellen zu hohen Preisen zu verkaufen", sagt Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB. Nach einer Studie der CAR Universität Duisburg-Essen hat Daimler in Deutschland für einen Neuwagen in den ersten drei Quartalen im Durchschnitt 38.533 Euro erzielt, 1810 Euro mehr als in Vorjahreszeitraum. BMW kam auf 37.865 Euro, Audi auf 36.655 Euro. "Allerdings ist Daimler im Boommarkt China zu schwach aufgestellt und hinkt beispielsweise Audi hinterher", so Schwope.

"Daimler ist in China zu spät gestartet und konnte den Rückstand bis heute nicht aufholen", sagt Autoprofessor Stefan Bratzel vom Center of Automotive. Auch auf anderen kommenden Märkten wie Indien ist Daimler nicht in der Pool-Position. Und noch einen weiteren Schwachpunkt macht Bratzel aus: das Kleinwagengeschäft: Die Konzentration auf Premiumautos wird auf Dauer nicht reichen. Daimler ist im internationalen Vergleich ein kleiner Player und muss in den Volumen- also Kleinwagenmarkt vorstoßen. Schon weil Elektroautos mehrheitlich kleinere Modelle sein werden", sagt Bratzel.

Jürgen Pieper, Analyst beim Bankhaus Metzler hält Daimler für einen der "führenden und am besten geführten Automobilhersteller der Welt". Aber die Gefahr ist groß, dass Daimler von Audi und BMW abgehängt wird. BMW hat zurzeit die besseren Produkte, liegt bei Zukunftstechniken vorn und hat sein Markenprofil geschärft. Und Audi profitiert davon, Teil des Volkswagenkonzerns zu sein. Was die Kennzahlen der Pkw-Sparte angeht, liegt Daimler noch vor den beiden Konkurrenten, abgesehen von den Absatzzahlen, dort führt BMW. "Doch in wenigen Jahren wird Audi leicht vorn liegen", so Pieper.

Damit das nicht so kommt, hat Zetsche Daimler ein ehrgeiziges Wachstumsprogramm verpasst. "Wir wollen in den kommenden Jahren in allen Geschäftsfeldern kräftig zulegen." Bei den Mercedes-Pkw sollen 2015 rund 1,5 Mio. Einheiten verkauft werden. Bei Daimler Trucks will Zetsche schon 2013 über eine halbe Mio. Lkw verkaufen, nach 355.000 im vergangenen Jahr. Die Arbeitsproduktivität soll erhöht, der Kostenblock weiter gesenkt werden. Und die Umsatzrendite der Pkw-Sparte liegt 2013 bei zehn Prozent. Das ist zumindest der Plan.