Im Wettstreit um den größten Militärauftrag der Geschichte Indiens hat die heiße Phase begonnen: Am Wochenende landeten zwei amerikanische Kampfjets vom Typ F/A-18 zu einem intensiven, knapp zehnmonatigen Test auf dem indischen Luftwaffenstützpunkt in Bangalore. Neben den Amerikanern schicken auch Russen und Schweden Maschinen ins Rennen, und auch die EADS-Tochter Eurofighter macht sich Hoffnungen: mit ihrem Modell Typhoon. Es geht um viel, denn bis spätestens zum Jahr 2015 will die Indian Air Force (IAF) ihre veralteten MiG-21 aus russischer Produktion durch 126 moderne Mehrzweckjets ersetzen. Auftragswert: etwa elf Mrd. US-Dollar.
Das Eurofighter-Konsortium braucht den Auftrag dringend. In Europa stockt angesichts knapper Haushalte die Beschaffung der dritte Tranche der Eurofighter. Zwar hatten die beteiligten Länder Großbritannien, Deutschland, Italien und Spanien zuletzt weitere 112 Jets bestellt, geplant waren einst aber doppelt so viele. Indien soll Entlastung bringen, doch die Ausgangsposition von EADS ist nicht einfach: So modern und leistungsfähig der Eurofighter auch ist, so teuer ist er auch. „Wenn die Inder das günstigste Flugzeug kaufen wollen, haben wir wohl keine Chance“, sagte der Leiter des Geschäftsbereichs Military Air Systems, Bernhard Gerwert, Morgenpost Online.
Die USA treten mit ihren in zahlreichen Kampfeinsätzen erprobten Modellen F-16 (Lockheed Martin) und F/A-18 (Boeing) an. Zwar hatten beide Modelle ihren Erstflug bereits Mitte der 70er-Jahre und sind am Ende ihrer Lebensdauer, doch die Jets sind ausgereift und kostengünstig. Zudem bauen die USA politischen Druck auf: Sie hatten den lange Zeit geächteten Atomwaffenstaat Indien im vergangenen Jahr durch ein Abkommen über die zivile Nutzung von Atomkraft wieder auf die große internationale Bühne zurückgeholt, und nun erwarten sie Entgegenkommen.
Auch der russische Hersteller MiG ist in einer exzellenten Ausgangsposition. Bisher haben die indischen Streitkräfte ihre Technik fast ausschließlich aus Russland bezogen. Das leistungsstarke, kaum zwei Jahre alte Modell MiG-35 ist somit in weiten Teilen kompatibel zu der existierenden Flotte indischer Jets. Einziger Nachteil: Die russischen Flugzeuge sind wartungsintensiv. Über die Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren könnten die Gesamtkosten deshalb sogar die der Boeing F-18 übersteigen.
Ein weiterer Anbieter, die französische Dassault Aviation, gilt in der Ausschreibung hingegen nur als Lückenfüller. Auch zwanzig Jahre nach dem Erstflug des Kampfjets Rafale hat Dassault noch kein einziges Exemplar ins Ausland verkauft.
Um seine Chancen zu verbessern, hat EADS Indien eine erweiterte Partnerschaft angeboten. Zudem sei ein umfangreicher Technologietransfer denkbar. „Neben der Lizenzproduktion in Indien sind wir an einer engen Kooperation interessiert“, sagte Geschäftsbereichsleiter Gerwert. Sofort träumte die indische Presse von einer gleichberechtigten Partnerschaft des Landes im Eurofighter-Konsortium, die weit über die bloße Lizenzproduktion hinausgeht. Doch Gerwert relativierte das: „Indien wäre in die Weiterentwicklung des Jets eingebunden, in die Anpassung an neue Herausforderungen.“ Dieses gelte etwa für ein neues Radarsystem oder Modifikationen für andere Einsatzgebiete. Es sei aber nicht geplant, die heutige Herstellung neu aufzuteilen.
Bereits im Frühjahr hatte EADS mit dem indischen Ingenieurskonzern Larsen & Toubro ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau von Militärelektronik gegründet, was Gerwert als Ausdruck echter Partnerschaft sieht. „Wenn die USA über Technologie-Transfer und Partnerschaften sprechen, dann meinen sie die 30 Jahre alte Technik einer F-16. Wir hingegen wollen Technik für zukünftige Aufgaben entwickeln“, sagte Gerwert. Zudem beschränkten die USA den Export der in Lizenz gebauten Flugzeuge.
Rückgrat der indischen Luftverteidigung sind noch immer die MiG-21-Jets aus den späten 50er-Jahre. Trotz zahlreicher Aufrüstungen ist Indiens Schlagkraft zuletzt immer weiter zurückgefallen, insbesondere im Vergleich zum langjährigen Konfliktpartner Pakistan. Dessen Luftwaffe fliegt zu einem Großteil mit amerikanischen F-16-Jets, die ihren indischen Gegenstücken weit überlegen sind. Der Kauf von 126 neuen Kampfjets soll die jahrzehntelange Vernachlässigung der IAF nun beenden.
Die Entscheidung fällt in den kommenden drei bis fünf Jahren. Zunächst absolvieren alle Jets zweiwöchige Testflüge bei der IAF in Bangalore, auf dem Wüstenstützpunkt Jaisalmer und im knapp 6000 Meter hoch gelegenen Leh. Sie sind bis Mai kommenden Jahres abgeschlossen, die Auswertung wird weitere vier Monate dauern. Danach gibt die IAF eine Empfehlung für die politische Entscheidung.
Als Geheimtipp gilt mittlerweile das schwedische Kampfflugzeug Saab Gripen: Der leichte, einmotorige Jet erfüllt alle geforderten Spezifikationen, ist wartungsarm, landet auch auf schlechten Pisten und ist das kostengünstigste Modell im Wettbewerb. „Wenn das Verteidigungsministerium sich an seine eigenen Regeln hält und nicht rumtrickst, muss die Gripen gewinnen“, zitierte der „Business Standard“ einen indischen Militärexperten.




