Rote Backsteingebäude säumen die Fußgängerzone, sauber gefegte Bürgersteige, ein paar Kirchen, Wirtshäuser in denen das Rauchen noch gestattet ist und rechtschaffene Menschen. Dülmen in Nordrhein-Westfalen, zwischen Essen und Münster, ist mit seinen knapp 47 000 Einwohnern überschaubar gemütlich. Das kleine Städtchen im Kreis Coesfeld ist aber auch ein Ort, an dem Träume wahr gemacht werden. Doch dazu später mehr.
"Zu Wiesmann bitte", so die Ansage an den Taxifahrer an diesem kalten Wintermorgen. "Wiesmann?", fragt der Fahrer, mustert den Fahrgast im Rückspiegel "holen sie ihren Wagen ab?" "Schön wärs", lautet die Antwort. "Da reicht das Gehalt eines Journalisten nicht aus." Für diesen Traum müsste man Lotterie spielen. Nicht nur der Fahrgast träumt von einem Auto von Wiesmann. Als der Fahrer seine Tour per Funk an die Zentrale meldet, lassen Kommentare nicht lange auf sich warten. "In diesem Jahr bekommst Du nicht schon wieder einen neuen Wagen", flachst ein Kollege. Die weibliche Stimme aus der Funkzentrale bittet doch den Kollegen, dass er ihr auch ein Fahrzeug mitbringen möge, wenn er schon mal da sei.
De jure ist Wiesmann eine GmbH & Co. KG, de facto eine Traumfabrik, oder aber wie sie sich selber beschreiben, eine "Manufaktur der Individualisten". Hier werden in Handarbeit Roadster und GT gefertigt. Träume auf vier Rädern. Und hier soll einer der größten Wünsche von Christian von Schneidemesser in Erfüllung gehen.
Christian von Schneidemesser wird ein Lebenstraum erfüllt
Die Aktion der Nordwestdeutschen Klassenlotterie (NKL) "Lebenstraum" in Medienkooperation mit Morgenpost Online und die Zusammenarbeit mit der Automobilmanufaktur Wiesmann bieten dem 65-jährigen Ingenieur ein Praktikum über den Zeitraum von zwei Wochen. Ziel der Lebenstraum-Aktion ist es, Menschen, die mindestens 55 Jahre alt sind, mit einem Schnupperpraktikum späte Einblicke in den Wunschberuf von einst zu bieten.
"Ich war schon in frühester Jugend an Mopeds, Motorrädern und Autos interessiert", erzählt von Schneidemesser. "Zum 16. Geburtstag hatte ich ein Moped und mit 18 hatte ich mein erstes Auto. Das war ein Lloyd 400."
Es hat eine Motorradphase in von Schneidemessers Leben gegeben, in der er Motorräder aufgemöbelt hat und Motocross-Rennen gefahren ist. Aber auch mit Autos konnte es ihm nicht schnell genug gehen. "In jungen Jahren habe ich in Bonn gelebt und da war ich mit Freunden oft am Nürburgring", sagt er. "Dort haben wir mit alten VWs unsere Runden gedreht." Nach seinem Maschinenbaustudium ist von Schneidemesser 1967 in die USA gegangen und hat versucht, eine Arbeitsstelle in der Autorennsportbranche zu bekommen. "Ich wollte schon etwas Besonderes in der Autobranche machen und nicht in der Massenproduktion landen." Doch ohne Berufserfahrungen sei das in Amerika nur ein Traum geblieben. Also hat der junge Ingenieur 1967 in den Vereinigten Staaten in der Konservendosenindustrie begonnen. Mit Unterbrechung war er fünf Jahre in den Staaten, besuchte natürlich auch das legendäre Autorennen "Indianapolis 500" und fuhr mit seiner Frau in einem Campmobil durch Mittel- und Südamerika. Zurück in Deutschland arbeitete er als Konstruktionsleiter im Sondermaschinenbau. Er entwickelte Hochregalbedienelemente. In diesem Bereich konstruierte er auch Kommissionierroboter, die ihren Einsatz unter anderem in Krankenhausapotheken finden. Das seien kleine Regalbediengeräte, erklärt er. Viele Jahre seines Berufslebens war von Schneidemesser auch selbstständig. "Ab einem gewissen Zeitpunkt bin ich einfach nicht mehr auf die Idee gekommen, in die Autoindustrie zu gehen", sagt von Schneidemesser. "Ich hatte einen sehr interessanten Beruf."
"Ich bin nie Allerweltautos gefahren"
Die Liebe zu Autos aber sollte ihn ein Leben lang begleiten. "Ich bin nie Allerweltautos gefahren, es waren immer spezielle Fahrzeuge", sagt er. Sein Traumwagen sei immer sein Citroen DS gewesen. In seiner Garage, in der er regelmäßig bastelt, steht auch ein Alfa Spider Baujahr 1991. Als Familienwagen nutzt er einen Audi A2. "Ich hatte auch noch sehr lange ein Motorrad, aber das habe ich verkauft. Es war irgendwann nicht mehr diese Freiheit auf dem Motorrad, wie ich sie früher gewohnt war."
Dank der Nordwestdeutschen Klassenlotterie hat von Schneidemesser nun doch noch einen "Abstecher" in die Automobilbranche machen können. "Ich hatte von der Aktion in der Morgenpost Online gelesen und wollte auch hin schreiben, aber dann ist es in Vergessenheit geraten", erzählt er. Erst nachdem er die Zeitung ein zweites Mal in den Händen hatte, schickte er eine Bewerbung. "Ich war wirklich erstaunt, dass ich zum Bewerbertag eingeladen wurde." Kurz darauf bekam er einen Brief mit der Einladung zum Praktikum. Mehr als 40 Jahre später, wenige Monate nachdem Schneidemesser in den Ruhestand gegangen ist, steht er bei Wiesmann und baut an einem der spektakulärsten Autos, die es auf dem deutschen Markt gibt. In einem Ranking von Luxusgütern "Made in Germany" erstellt von einer Münchner Markenagentur, ist Wiesmann direkt von null auf Platz sieben gelandet. Auf den vorderen Plätzen sind Namen wie Maybach, Bulthaupt und Glashütte verzeichnet.
Bereits die Manufaktur lässt Ungewöhnliches erahnen. Auf dem Gebäude des Unternehmens "klebt" ein überdimensional großer Gecko. Die kleine Echse findet sich als Markenzeichen auf dem verchromten Kühlergrill der exklusiven Edel-Sportwagen wieder und auch auf Uhren, Jacken und Taschen der Wiesmann-Kollektion. Der Gecko wurde von den Brüdern Friedhelm und Martin Wiesmann als Firmensymbol gewählt, da die Roadster und GT förmlich "auf der Straße kleben". Der Gecko saugt sich ebenfalls auf allen Untergründen fest und bewegt sich dennoch geschmeidig, wieselflink und mit großer Präzision.
In 350 Arbeitsstunden entsteht ein echtes Unikat
Es ist Frühstückspause in der Manufaktur. Die sonnendurchflutete Werkshalle ist menschenleer. Von der Galerie aus hat der Besucher einen Ein- und Überblick über die einzelnen Herstellungsschritte der Sportwagen. Einzelne unfertige Modelle stehen verlassen in dem Werk und belegen eindrucksvoll, wie viel Arbeitsschritte nötig sind, um diese Traumautos zu bauen. Jedes dieser Fahrzeuge wird von Hand gefertigt. Roboter und Montagebänder sucht man vergeblich. In rund 350 Arbeitsstunden entsteht ein echtes Unikat. Nahezu alle notwendigen Komponenten werden selbst hergestellt. Rund um die moderne Halle sind zahlreiche Werkstätten angeordnet. Alles hell und verglast, jeder Herstellungsschritt kann verfolgt werden. "Wir haben Kunden, die regelmäßig zu uns kommen und zusehen, wie ihr Auto gebaut wird", sagt Jan Molitor, zuständig für das Marketing bei Wiesmann. "Die Manufaktur vereint alle Kernkompetenzen wie Design- und Fahrzeugentwicklung, Metallbe- und verarbeitung, Formenbau, Lederverarbeitung und Verdeckherstellung im eigenen Haus."
Zeit für einen Rundgang. Los geht's in der Abteilung, in der die Rahmen, Tanks und Auspuffanlagen gebaut werden. Nur eine Tür weiter werden die Karosserieteile geformt und bearbeitet. Mittlerweile ist auch die Frühstückspause vorüber. Die Arbeitsräume füllen sich mit Leben. Nur freundliche und entspannte Gesichter. Fabrikarbeit sieht anders aus. Alle Mitarbeiter tragen dunkelblaue Sweatshirts mit dem Wiesmann-Schriftzug und weiße Hemden darunter. In der Vormontage treffen wir Praktikant von Schneidemesser wieder. Er fertigt unter Anleitung Klima- und Heizsysteme. "Es ist schon eine tolle Sache, an einem so schönen Produkt mitzubauen", sagt er. In den noch vor ihm liegenden Tagen wird er alle Produktionsschritte durchlaufen. In den Räumen auf der gegenüberliegenden Seite der Halle werden die Kabelbäume für die Autos gelegt. "Das dauert ungefähr drei Tage", erklärt Molitor. Die Elektrik wird komplett in der Manufaktur entwickelt und die erforderlichen Kabelbäume passend zu der vom Kunden ausgesuchten Ausstattung angefertigt. In der gesamten Produktionsgeschichte der Manufaktur habe es noch keine zwei identischen Kabelbäume gegeben. Gleich nebenan ist die Sattlerei. Die sei zur Erfüllung individueller Kundenwünsche absolut notwendig.
500 PS, von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden – das Herz schlägt höher
Zum Beispiel wird jedes Lenkrad in Handarbeit mit genau dem Leder bezogen, für das sich der Kunde entschieden hat. Ebenso werden die Lederauskleidung des Innenraums und das Stoffverdeck der Roadster in sorgfältiger Handarbeit gefertigt. In die Sportwagen werden Motoren von BMW und Antriebskomponenten von namhaften deutschen Herstellern eingebaut. So ist beispielsweise der Wiesmann GT MF5, der in diesen Tagen Weltpremiere feiert, mit einer Fünf-Liter-Maschine mit zehn Zylindern motorisiert. Etwas mehr als 500 PS bringen den GT auf eine Höchstgeschwindigkeit von 310 km/h und beschleunigen von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden.
"Probefahrt?", fragt Molitor. Er hätte auch fragen können, ob der Papst katholisch sei. Er holt den Schlüssel für einen weißen Roadster MF3. Nur wenige Minuten später "klebt" der Wagen regelrecht auf der Straße, beschleunigt atemberaubend und betört mit kraftvollem Sound. "Warum kann ich nicht mit diesem Wagen zurück nach Berlin fahren, sondern muss in den Zug steigen?", fragt man sich da. Mindestens 100 000 Gründe sprechen für die Bahn, denn die Wagen kosten ab 100 000 Euro aufwärts. Der GT MF5 etwa schlägt mit 179 800 Euro zu Buche. Etwa 900 Wiesmann-Sportwagen sind derzeit weltweit unterwegs. 2007 wurden knapp 200 Roadster und GT verkauft. Tendenz steigend.
Sportwagen – Symbiose aus klassischem Design und Technologie
"Es werden nur Wagen auf Kundenwunsch gebaut", so Molitor. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte, als die Brüder Martin (Dipl. Ing.) und Friedhelm Wiesmann (Dipl. Kfm.) 1985 die Motor Show in Essen besuchten. Dort beschlossen sie angesichts der vielen neuen und alten Sportwagen, die dort zu sehen waren, einen Roadster mit faszinierender nostalgischer Form aber zeitgemäßer Technik zu bauen, als Symbiose von klassischem Design und moderner Technologie. Sie wollten sich damit ihren Jugendtraum verwirklichen.
Auch Christian von Schneidemesser ist mit der NKL-Aktion ein Jugendtraum erfüllt worden. Nach seinem aktiven Berufsleben konnte er Einblicke in die Sportwagenbranche gewinnen. "Ich konnte ohne Druck der Arbeitswelt an einem wunderschönen Produkt mitarbeiten", sagt er.
Heute und morgen wird die neue Manufaktur eröffnet und auch der GT MF5 wird den Gästen präsentiert. Das wird in Dülmen gleich mit einem ganzen Wochenende der offenen Tür gefeiert. Wer träumen möchte, ist herzlich eingeladen.





