Verkehrs- und Fahrgastverbände haben massive Kritik am Zustand des deutschen Bahnnetzes geübt und deutlich höhere Investitionen in die Schienenwege gefordert. „Wir brauchen jährlich fünf Mrd. Euro an Investitionen in das Netz“, sagte der Geschäftsführer des Bündnisses Allianz pro Schiene, Dirk Flege. „Die tatsächliche Summe für dieses Jahr liegt bei 4,3 Milliarden Euro.“
Nach Berechnungen des Bahnlobby-Verbandes wurden im vergangenen Jahr 47 Euro pro Kopf in das Schienennetz investiert. „Damit liegt die Bundesrepublik im Vergleich mit anderen Ländern der EU weit abgeschlagen auf einem der hintersten Plätze. Selbst Italien investiert deutlich mehr in seine Trassen“, so Flege.
Der Vorsitzende der Bahngewerkschaft GDBA, Klaus-Dieter Hommel, erklärte, es sei „beschämend, dass Deutschland gemessen am Brutto-Inlandsprodukt kaum mehr in die Schienen-Infrastruktur investiert als die Türkei“. Er warnte: „Wenn die Investitionen weiterhin auf dem im internationalen Vergleich niedrigen Niveau bleiben, verliert die Bahn als Verkehrsmittel an Attraktivität.“
Nach Angaben von Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, ist der Zustand der Schienenwege stellenweise kritisch: „Man hat sich lange auf bestimmte Paradestrecken konzentriert. Aber auf Nebenverbindungen, vor allem wenn Autobahnen in der Nähe gebaut wurden, ist seit den 50er- oder 60er-Jahren zum Teil kaum etwas passiert.“
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Niedersachsen führt als Beispiel die Bahnstrecken Richtung neue Länder an, die vielfach immer noch an der ehemaligen innerdeutschen Grenze endeten: „Der Ost-West-Schienenverkehr ist zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall nicht vollständig wiedervereinigt“, sagte der VCD-Vizechef in Niedersachsen, Hans-Christian Friedrichs.
Die Folge von Schäden im Netz sind Bauarbeiten und damit sogenannte Langsamfahrstellen. „Im Ergebnis müssen die Bahnkunden dadurch längere Fahrzeiten in Kauf nehmen, beziehungsweise in vielen Fällen mit Verspätungen leben“, sagte Naumann. Nach Angaben der Deutschen Bahn liegt die Quote pünktlicher Züge derzeit bei 90 Prozent – darin sind aber die überwiegend zuverlässigen S-Bahnen mit eingerechnet.
Die Zahlen für die Pünktlichkeit der Fernzüge hält die Bahn seit Jahren unter Verschluss. Nach Informationen von Morgenpost Online liegt die Pünktlichkeits-Quote derzeit bei knapp 83 Prozent. „Die Zielmarke von 85 Prozent wurde verfehlt“, hieß es in Bahnkreisen.
Die Kritik der Verbände entzündet sich vor dem Hintergrund der verkehrspolitischen Pläne von Union und FDP. Im Entwurf des Koalitionsvertrages wollen die Parteien eine getrennte Finanzierung der Verkehrswege: Einnahmen aus dem Straßenverkehr, wie die Lkw-Maut, sollen Straßenbau finanzieren, Trassenerlöse den Schienenausbau. Die Bahnlobbyisten fürchten, damit werde die Schienenbranche schlechter gestellt.
Das Problem ist umso brisanter, da das deutsche Schienennetz chronisch überlastet ist: „Ich mache mir große Sorgen um die Kapazität des Schienennetzes. Bereits heute bestehen deutliche Engpässe auf Strecken und vor allem an Knotenpunkten. Diese müssen beseitigt werden, wenn nicht das Wachstum des Güterverkehr – immerhin rund 45 Prozent von 2000 bis 2008 – verhindert werden soll“, sagte Hartmut Gasser, Sprecher des Netzbeirates der Bahn, gegenüber Morgenpost Online. Der Beirat schlage hierfür einen Fonds von 200 Mio. Euro vor. „Es muss jetzt gehandelt werden, weil Baumaßnahmen ohnehin langwierig sind“, forderte Gasser.
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