Es läuft wieder bei der Deutschen Bahn. Nach zahlreichen Ausfällen und stundenlangen Verspätungen an den Feiertagen habe sich die Situation entspannt, sagte eine Unternehmenssprecherin: „Nahezu alle Strecken sind befahrbar. Es kommt nur noch zu einzelnen Ausfällen oder Verspätungen.“ Zudem sei der Andrang von Reisenden seit Heiligabend zurückgegangen. Diejenigen, die sich über Weihnachten in die Züge wagten, können allerdings künftig Geschichten erzählen, die als Anekdoten für die Enkel an langen Winterwinterabenden taugen. Die Mitarbeiter von "Morgenpost Online“ und ihre Familien schildern hier ihre kuriosesten Bahn-Erlebnisse.

Bremen, zwei Tage vor Heiligabend

„Habe den Zug der Metronom-Bahn nach Bremerhaven verpasst, nehme den nächsten – werde mit einer Stunde Verspätung mein Ziel erreichen, aber was ist das schon auf der Strecke von Berlin? Der Zug kommt pünktlich, doch nach wenigen Minuten hält er in Bremen-Burg. Eine Lautsprecherstimme kündigt halbverständlich an, dass der Zug dort nun 60 Minuten halten wird. Schaffner und Zugführer ratlos. Gleisbruch heißt es, zwischen Lübberstedt und Stubben. Also die einzige Verbindung Richtung Bremerhaven bis nach Cuxhaven. Hier geht nichts mehr, bedeutet uns der Fahrer kurz darauf. ,Hier kommen jetzt Busse.’ Wann? Schulterzucken: Alle steigen aus.

Am Parallelgleis hält der nächste Regionalexpress. Rund 200 Leute stehen schon nach 45 Minuten auf dem Gleis, treten in der Kälte von einem Fuß auf den anderen. Es ist 14.30 Uhr. Dann brüllt jemand. „Sammeltaxi, acht Leute, jeder zehn Euro. Will jemand mit nach Bremerhaven?“ Ich reiße den Arm hoch, kurz darauf werfe ich mein Gepäck in den Kleinbus. Ankunft in Bremerhaven 16 Uhr. Zweieinhalb Stunden später als erwartet. Die Lokalzeitung schreibt am folgenden Tag, die letzten Fahrgäste seien erst gegen Abend abtransportiert worden.“

Berlin, Tag vor Heiligabend

„Der ICE von Berlin nach Dortmund fährt pünktlich, aber er ist brechend voll. Am Hauptbahnhof stürmt eine Menge den Zug. Mit Koffern schwer wie überladene Umzugskartons zwängen sich Lässige, Große, sehr Kleine, Alte, und Familien hinein. Jetzt strömen Leute von vorn zum Wagen 21, hinter mir kommen sie aus dem Wagen 21 und ein ganz cleverer Passagier baut seinen Koffer direkt an der Tür als Hindernisparcour auf, um sich mit seinem Reservierungsschein davonzumachen. Alles steht. Für eine ganze Weile gibt es kein Vor und kein Zurück, bis ein Erster seinen Koffer stoisch und mit Ochsenkraft über die Blockade zieht. Ich bekomme einen Anruf. ,Deine bestellten Päckchen sind doch noch angekommen’, sagt Lena. Damit habe ich nicht mehr gerechnet. Der DHL-Mann hat ganz klar gesagt, das wird vorm Fest nichts mehr. Also bin ich schweren Herzens ohne Geschenke los. Jetzt will ich raus aus dem Zug, nach Hause die Päckchen für die Familie holen und einen Zug später fahren. Nächster Halt laut Fahrplan ist Spandau, da steige ich aus. Da kommt eine Lautsprecherdurchsage. ,Wir halten heute nicht in Spandau. Nächster Halt Hannover’.“

Berlin, Heiligabend

„Der ICE Berlin Richtung Amsterdam um 8:37 ist pünktlich, laut Anzeige. Die Realität ist allerdings eine andere, denn es ist kein Zug da. Gegen 10:30 Uhr die erste Verspätungsansage: zehn Minuten. Der Bahnsteig brechend voll. Dann Verspätungen addiert im Zehnminutentakt. Nach 50 Minuten rollt der Zug ein und wird gestürmt. Die Wagenfolge ist falsch angezeigt, Stau in allen Waggongängen. Normale Fahrt bis Stendal. Raumklima kühl. Der Zug bleibt erst ohne weitere Information durch das Zugpersonal stehen. Nach 40 Minuten dürfen sich 1000 Menschen ein Freigetränk im Bistro abholen und die Türen werden für die Raucher geöffnet. Frischluft im Zug. Dann wird die Weiterfahrt angekündigt. Der Zug rollte 500 Meter in zehn Minuten, bleibt stehen, dann wird angesagt, der Zug sei kaputt.

Stendal, Heiligabend

„Eben wird gemeldet, der vor uns liegende Streckenabschnitt sei komplett gesperrt. Die Weiterfahrt im IC 148 von Berlin nach Osnabrück verzögere sich um unbestimmte Zeit. Heiligabend also in Stendal. Eine Stunde später heißt es, die Strecke sei wieder frei. Nutzt nur nichts, denn es folgt die Durchsage: ‚Unser Zug kann die Fahrt aus eigener Kraft nicht mehr fortsetzen.’ 40 Minuten später heißt es, eine Weiterfahrt sei nicht vorgesehen. Erste Familiendramen, eine Mutter verliert die Nerven und lässt Mann sowie Kinder zurück. Wir steigen um: Eine ganze IC-Ladung Bahnopfer versucht, in zwei (!) Tuckerbahnwaggons zurück in die Zivilisation zu kommen. Um 13.05 Uhr dann ein ,außerplanmäßiger Halt’ in der Wildnis kurz vor Wolfsburg.

Allgemein hysterisches Gelächter. Ankunft Oebisfelde. Die Zugbegleiter verlassen unangekündigt den Zug. Wilde Gerüchte. Die Hälfte unserer Mithäftlinge stürzt hinterher zu einem gegenüber wartenden Zug. Wir auch. Bei der Einfahrt auf Gleis 10 in Hannover wechselt die Anzeige am Gleis alle paar Sekunden, springt auf Zielbahnhof Magdeburg, Frankfurt, Berlin. Eine Durchsage gibt es nicht, am Zug selbst nichts angeschlagen. Zugisch Roulette also. Gut, dass in der Gleisaufsichtsbude acht Bahnbeamte auf Arbeit warten. Ankunft am Zielort Ibbenbüren schließlich gegen 18 Uhr, also fünfeinhalb Stunden zu spät.“

Berlin, Heiligabend

„Kurz vor 17 Uhr soll es direkt von der Schicht in Berlin per ICE und Regionalexpress über Köln nach Jülich gehen, zum Fest mit der Familie. Doch auf den Schienen herrscht Chaos, ich sitze vor dem Nachrichtenticker, bekomme alles praktisch in Echtzeit mit. Die Verspätungen der Züge summierten sich, zumal wegen starken Schneetreibens auch der Regionalverkehr in Nordrhein-Westfalen stockte. Es ist klar: Wenn ich heute noch abfahre, schaffe ich es nicht mehr ins Rheinland. Ich sage die Reise ab. Neffe, Nichte und Mutter traurig, Vater und Bruder stocksauer auf die Bahn. Für mich ist es das kleinere Übel: statt auf freier Strecke stehenzubleiben oder die Heilige Nacht in irgendeiner westfälischen Bahnhofsmission oder Eckkneipe zubringen zu müssen. Ich ging – auf Heiligabend zu Hause war ich nicht vorbereitet – mutterseelenallein in ein griechisches Lokal. Deutsche Restaurants hatten fast alle geschlossen, schließlich feiert man Heiligabend mit der Familie.“

Dessau, erster Feiertag

„Komme pünktlich am Hauptbahnhof in Dessau an. Viertelstunde bis zum Anschlusszug nach Berlin. Dann auf der Anzeigetafel der erste Verspätungshinweis: Die Abfahrt verzögert sich um 10 Minuten. Doch nichts passiert, die Zeit vergeht. Alle warten auf die erlösende Durchsage – doch sie kommt nicht. Was alle unruhig macht: Die Anzeigetafel ist ausgegangen. Und auch die Lautsprecher bleiben stumm. Treffe zwei Bahnmitarbeiter und spreche sie an. ,Der Zug nach Berlin? Der ist schon abgefahren’, sagt die Frau in DB-Uniform. Und es ist ihr sichtlich peinlich. Der Zug startete pünktlich – von einem anderen Gleis. Ein Bahn-Angestellter checkt sein GPS-Gerät, tippt die Nummer des Zuges ein und sagt: ,Ja, 18724 rollt.’ Irgendwo in Sachsen-Anhalt – und ist ziemlich leer. Die Menschen sind fassungslos und sauer. Einige fangen an zu weinen. Der nächste Regionalexpress fuhr zwei Stunden später. Pünktlich. Von Gleis 6.“

Freiburg, zweiter Feiertag

„Der erste Zug trifft mit 25 Minuten Verspätung in Freiburg ein, erreicht Mannheim mit einer Stunde Verspätung. Anschlusszug fährt mit 30 Minuten Verspätung und halber Länge ein, so dass logischerweise auch nur die Hälfte an zweiter Klasse Abteile zur Verfügung stehen. Warum der ,Doppelzug’ gekappt wurde, erfährt auf dem Bahnsteig niemand. Die Konsequenzen sind allerdings erheblich: Dicht gedrängt geht es Richtung Frankfurt Flughafen. Die Situation auf den Stehplätzen wird nicht besser, als der Schaffner eine Frau mit ihrem doch recht mächtigen Hund auffordert, schnellstens den Gang zu verlassen: ,Sie blockieren den Fluchtweg für den Zugführer’. Eine jüngere Frau aus der Schweiz – sie ist in Zürich losgefahren – kann sich nur noch wundern: „In Basel hatte ich zwei Minuten Verspätung – jetzt sind es eineinhalb Stunden und Frankfurt noch nicht erreicht…“

Wittlich, zweiter Feiertag

„6:37 Stunden brauche ich für die Fahrt nach Berlin üblicherweise, diesmal sind es 8:15 Stunden. Der Grund: Mehrere ICEs zwischen Köln und Berlin wurden gestrichen. Dann müssen wir warten, die Weichen sind vereist. Im Zug drängeln sich die Menschen, alle reden durcheinander, jeder wirklich jeder will die Bahn-Anekdoten ihres Lebens erzählen und tut das auch. ,1997 verpasste ich meine Anschlusszug in Münster, …’. Allerdings waren einige von Ihnen auch seit 6 Uhr morgens unterwegs.“

Bordesholm, zweiter Feiertag

„Um 7.32 Uhr geht es los. Ein vereistes Monster nähert sich, wild schlagen Funken an der eisigen Oberleitung. Sechs Minuten Verspätung werden gern in Kauf genommen, weil es im Doppelstockzug warm und leer ist. Und auch, weil der Regionalexpress überhaupt erschienen ist. Fahrkartenkontrolle der heiteren Art: Alle Online-Bucher haben Glück, Lesegerät des Schaffners defekt. Allein das Vorzeigen eines Blatt Papiers reicht dem gut gelaunten und freundlichen Uniformierten. Die Verdopplung der Verspätung bis Hamburg Hbf. – halb so wild. Warum? Immerhin schockt die Anzeige in der Wandelhalle mit 50 Minuten später nach Köln oder 45 nach Frankfurt. Dass der Eurocity nach Budapest seit einer Stunde überfällig ist, nachdem er laut Ansage schon auf Gleis elf und acht stand und dann doch noch in Altona wegen defekter Tür verharrte – all dies macht das pünktliche Einfahren des ICE nach Leipzig via Berlin gegen 9.08 Uhr zum Hochgenuss.

Weniger die defekte und verschmutzte Kaffeemaschine im Bordbistro, die erst nach 30 Minuten dünnen Kaffee herausröchelt. Gut, dass man Münzen dabei hatte, denn Wechselgeld beim gastronomischen Personal ist leider nicht vorhanden. 20 Minuten Verspätung in Berlin und die Aussicht auf ein warmes Büro lassen auch gut zwei Stunden Fahrt im kühlen Waggon mit dünnem Kaffee verschmerzen. Ankunft Berlin: 11.02 Uhr.“

Um die Mittagszeit kommt die Ansage, dass Richtung Hannover gar nichts mehr geht und der nächste Zug nach Berlin in 90 Minuten abfahren wird. Schlage mich nach Wittenberge durch, um über Hamburg ins Emsland zu gelangen. Strecke: Schwerin, Hamburg, Bremen, Osnabrück. Dieser Zug hat in Zehnminutenschritten Verspätung. Einziger warmer Raum, trotz des stillgelegten stattlichen Bahnhofgebäudes, ist ein Container mit Getränkeausschank. Aussage des gefragten Bahnpersonals: ,Wir wissen auch nix, aber das Chaos soll überall groß sein.’ Rückkehr mit dem Regionalexpress nach Berlin Hauptbahnhof gegen 16 Uhr. Lange Schlangen beim Servicepoint von Bahnkunden, die sich die Verspätungen quittieren lassen oder Hotelgutscheine brauchen.“

WON