Ausbildung

Für Lehrlinge liegt der rote Teppich aus

In diesem Jahr sind Auszubildende knapp, nicht die Lehrstellen – 50.000 Plätze könnten unbesetzt bleiben.

Foto: Marcus Höhn

„Dramatisch“ – so nennt Bäckermeister Peter Dreißig die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. „Selbst in Traumberufen wie Kfz-Mechaniker für die Jungen oder Friseurin für die Mädchen finden die Betriebe keinen Nachwuchs mehr“, sagt Dreißig, der Präsident der Handwerkskammer Cottbus in Brandenburg ist. Wenn selbst in den angesagten Modeberufen Ausbildungsplätze leer bleiben, dann sieht es für Bäcker erst recht düster aus. „Wir kriegen fast gar keine mehr“, so Dreißig.

20 Lehrlinge sucht der Bäckermeister, der an rund hundert Standorten zwischen Bautzen und Frankfurt im östlichen Brandenburg vertreten ist, in diesem Jahr: Lageristen, Lebensmittelfachverkäufer, Bäcker, Konditoren und Bürokaufleute. Bislang hat er drei Stellen besetzen können. Und bis zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres am 1. September sind es nur noch sechs Wochen.

In nur wenigen Jahren hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt komplett gedreht. Nicht die Lehrstellen sind in diesem Jahr knapp, es fehlen die Bewerber. Und das nicht nur im Osten. Die meisten freien Lehrstellen gibt es in Hamburg und Stuttgart, Rekorde melden auch München, Wiesbaden und Schleswig-Holstein. Lehrling verzweifelt gesucht: ob Fleischer oder Bäcker, ob in Restaurants und Hotels, bei Kurierfahrern oder Werkzeugmechanikern – in all diesen Berufen kommen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf einen Interessenten zehn freie Ausbildungsplätze. Für Jugendliche war die Chance, eine Lehrstelle zu finden, lange nicht mehr so gut wie in diesem Jahr.

Bundesagentur fordert Flexibilität

Das bedeute aber nicht, dass jeder Jugendliche in seiner Region und in seinem Wunschberuf eine Ausbildungsstelle bekomme, sagte BA-Vorstand Raimund Becker Morgenpost Online. „Daher appelliere ich an Bewerber, sich nicht auf einen Beruf oder Ort zu konzentrieren, sondern sich Alternativen zu überlegen und mobil zu sein.“

Die Unternehmen müssen den Lehrlingen nun den roten Teppich ausrollen, um ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern. „Die demografische Trendwende schlägt voll auf dem Ausbildungsmarkt durch“, sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann. Doch die sinkende Zahl der Schulabgänger ist nicht das einzige Problem der Betriebe. Immer lauter wird die Klage über das fehlende Schulwissen der Berufsanfänger. „Neben dem Demografiefaktor ist die mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger ein großes Problem bei der Stellenbesetzung“, bestätigt Driftmann. „Wir rechnen am Ende mit mehr als 50.000 Stellen, die unbesetzt bleiben, weil geeignete Bewerber fehlen.“

Nicht nur kleine Bäckermeister im Osten, auch große Vorzeigekonzerne im Westen der Republik bekommen den jähen Wandel am Ausbildungsmarkt zu spüren. Der Chemieriese BASF in Ludwigshafen meldete in dieser Woche noch 140 Stellen für den Ausbildungsstart am 1. September. In den vergangenen Jahren konnte das Unternehmen aus über 16.000 Bewerbungen auswählen. Jetzt registriert BASF erstmals rückläufige Bewerberzahlen. Für die Suche nach neuen Talenten hat der Konzern jetzt eigens eine neue Ausbildungskampagne entwickelt.

Große Not in Ostdeutschland

Am größten ist die Lehrlingsnot indes im Osten. Nach der Wende vor 20 Jahren brach die Geburtenrate im Osten ein, viele Arbeitnehmer wanderten in den Westen ab. Heute fehlen junge Leute in den Betrieben. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Erstmals in einem Juni gibt es in dem Land mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten in Deutschland mehr Lehrstellen als Bewerber. 9800 Ausbildungsplätzen standen 8176 Interessenten gegenüber.

Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) fordert schon ein Umdenken der Jugendlichen: „Ihr könnt euren Weg im eigenen Land gehen.“ Die Zeiten, in denen sich die Schulabgänger aus dem Osten eine Lehrstelle im Westen suchen mussten, sind vorbei.

In Ostdeutschland hat sich die Zahl der Schulabgänger binnen sieben Jahren nahezu halbiert. Eine ähnliche Entwicklung steht auch dem Westen bevor, wenn auch nicht mit dieser Wucht. Bis 2020 fällt bundesweit jeder fünfte Schulabgänger und damit potenzielle Ausbildungsplatzbewerber weg. Das werde zu einem massiven Wettbewerb um Fachkräfte zwischen den Wirtschaftsbereichen führen, sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), voraus. „Angesichts der demografischen Entwicklung können wir auf keinen Jugendlichen verzichten“, ist Schwannecke überzeugt, auch nicht auf das Fünftel der Risikoschüler, die nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können. Deutschland könne in eine fatale Situation geraten, warnt Schwannecke, „nämlich Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit aufgrund von Bildungsdefiziten“.

Nach einer Umfrage des DIHK beklagt die Hälfte der Unternehmen bei ihren Azubis Mängel in Mathematik, sogar 54 Prozent sind es bei den Sprachkompetenzen in Deutsch. Aber auch mit Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit und Disziplin der Bewerber ist nahezu jedes zweite Unternehmen nicht zufrieden. Doch angesichts der sinkenden Schülerzahlen müssen die Unternehmen ihre Ansprüche zurücknehmen. Mehr als die Hälfte aller Betriebe organisiert schon heute Nachhilfe für seine Azubis. „Die Unternehmen werden immer mehr zu Reparaturbetrieben“, klagt DIHK-Präsident Driftmann. BA-Vorstand Becker fordert die Arbeitgeber auf, „im eigenen Interesse umzudenken“ und auch Jugendlichen eine Chance zu geben, „die vielleicht noch nicht ganz ihren Anforderungen entsprechen“.

Die Politik zeigt sich von den Klagen aus der Wirtschaft alarmiert. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) setzt auf eine verstärkte individuelle Förderung der Jugendlichen mit Schwierigkeiten. Dabei will sie früher ansetzen, nicht erst wenn die Jugendlichen die Schule verlassen. „Mehr Praxis ist wirkungsvoller als mehr Schule und Unterricht“, sagt sie. „Das wird auch die Zahl derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, weiter senken.“ Berufslotsen sollen die jungen Leute bei der Suche nach einer Lehrstelle und im ersten Ausbildungsjahr begleiten. „Jugendliche aus schwierigen familiären Verhältnissen haben ja oft niemanden, der ihnen beim schwierigen Übergang von der Schule in den Beruf hilft“, sagte Schavan.

Für eine verstärkte Berufsorientierung plädieren auch die Betriebe. „Zu oft erfolgt sie auf den letzten Drücker, zu oberflächlich wird sich informiert, zu gering ist die Kenntnis der eigenen Stärken und Schwächen“, klagt Schwannecke. Jede fünfte Lehre wird abgebrochen. Die Hälfte davon führt der Handwerkssekretär auf mangelnde Berufsorientierung zurück.

2011 dürfen Osteuropäer kommen

Bäckermeister Dreißig bleibt trotz Lehrlingsnot optimistisch. Gegen den Bewerbermangel hat er sein eigenes Rezept. Er hofft auf den Mai 2011, wenn endgültig die Grenze für osteuropäische Arbeitnehmer fällt. Dann kann er auch junge Polen als Azubis einstellen. Die Arbeitsagenturen sind skeptisch: „Das wird wahrscheinlich nicht die erhoffte Lösung des Problems bringen“, meint BA-Vorstand Becker. Schließlich mache sich der demografische Wandel auch in Osteuropa bemerkbar. Dazu habe sich auch die wirtschaftliche Lage, insbesondere in Polen, positiv entwickelt. Die Jugendlichen hätten damit Perspektiven im eigenen Land. „Außerdem sind fundierte deutsche Sprachkenntnisse für eine Ausbildung in Deutschland immer noch unentbehrlich.“

Auch Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske (SPD) dämpft hohe Erwartungen, den Nachwuchsmangel mit Osteuropäern zu beheben: „Man wartet nicht auf uns. Polen hat selbst ein Fachkräfteproblem.“ Man müsse aufpassen, „dass wir nicht zu einer Party einladen, zu der keiner kommt“.