Grüne Woche

Lebensmittelbranche kämpft um ihren Ruf

Sorgenlos schlemmen – dafür steht die Berliner Grüne Woche. Doch Dioxin im Fleisch vermiest den Genuss: Verbraucher sind verunsichert, Bauern und Industrie leiden unter Umsatzeinbrüchen und die Politik versucht, den Schaden zu begrenzen. Die Branche muss das Vertrauen der Verbraucher wiedergewinnen.

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In Niedersachsen ist möglicherweise mit Dioxin verseuchtes Schweinefleisch in den Handel gekommen.

Video: Reuters
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Es ist wie ein Déjà-vu: Kurz vor der Internationalen Grünen Woche erschüttert ein Lebensmittelskandal die Republik. Die Verbraucher sind verunsichert, Landwirtschaft und Ernährungsindustrie leiden unter schmerzlichen Umsatzeinbrüchen und sprechen von Millionenverlusten – und die Politik versucht, so gut es geht, den Schaden zu begrenzen. So ist es jetzt mit dem Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter. Und so war es schon vor zehn Jahren, als die Angst vor dem Rinderwahnsinn das komplette Land erfasst hatte.

Damals – Renate Künast (Grüne) war als Bundesagrarministerin gerade frisch in Amt und Würden – stand die Grüne Woche ganz im Zeichen von BSE. Und mit Künast verkündete am Rande der Messe erstmals eine Städterin den Bauern, wie es in der Landwirtschaft weitergehen soll. Mehr Ökolandbau, mehr Verbraucherschutz war ihre Devise. Und die Bauern bemühten sich sogleich, verloren gegangenes Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Selten war die Grüne Woche so im Gespräch. In Scharen strömten die Menschen zu den Messehallen unter dem Funkturm – trotz der BSE-Krise. Oder gerade deswegen? Die Angst vor dem Rinderwahnsinn jedenfalls schien dem Besuch einen besonderen Nervenkitzel zu verleihen.

In diesem Jahr nun ist die Situation ähnlich. Am 21. Januar startet die Grüne Woche – und wieder dürfte sie ganz im Zeichen eines Skandals stehen. Bei der Messe Berlin jedenfalls, dem Veranstalter der jährlich stattfindenden Branchenschau, rechnet man fest damit, dass die Dioxinfunde in Futtermitteln, Hühnereiern und Schweinefleisch das dominierende Thema sein werden. „Sämtliche Experten sind vor Ort und werden die Grüne Woche als Plattform nutzen, um den großen Informationsbedarf der Verbraucher zu bedienen“, sagt ein Sprecher voraus.

Bei Podiumsdiskussionen zum Beispiel wird das Thema derzeit fest eingeplant. Zudem dürften sich alle nur irgendwie Beteiligten bei den obligatorischen Rundgängen und Pressekonferenzen dazu äußern. Folgen für die Aussteller dagegen befürchtet man bei der Messegesellschaft nicht. Schließlich seien einzelne – derzeit möglicherweise gesperrte Höfe – als Einzelaussteller nicht vertreten.

Das Treffen der Agrarwirtschaft dürfte also dafür sorgen, dass der Dioxin-Skandal weiterhin ein großes Thema bleibt. Ausgelöst hatte ihn ein Unternehmen aus Schleswig-Holstein, das dioxinbelastetes Industriefett an Futtermittelhersteller verkauft hat. Infolgedessen mussten bundesweit mehr als 4700 Höfe vorsorglich gesperrt werden. Inzwischen hat sich die Zahl auf 412 verringert, wie Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) berichtete. Die Politikerin lobte die „gute Zusammenarbeit mit den Ländern in der Krise“ und kündigte an, die gesamte Futtermittelkette überprüfen zu wollen. In der kommenden Woche will sie sich daher mit ihren Länderkollegen zu einer Dioxin-Sondersitzung treffen und über die politischen Folgen beraten.

Beim Deutschen Bauernverband (DBV) hofft man, dass die Sitzung der Ausgangspunkt für deutlich verstärkte Futtermittelkontrollen ist. Denn die Landwirte gehören zu den Hauptleidtragenden in der Dioxin-Affäre. Verbandspräsident Gerd Sonnleitner bezifferte den Schaden unlängst auf 40 bis 60 Millionen Euro – pro Woche. Zum einen handelt es sich dabei um Einnahmenausfälle durch die Sperren, zum anderen müssen die Bauern einem Verbandssprecher zufolge auch für die Dioxin-Kontrollen aufkommen. Und noch ist nicht klar, ob sie für die Ausgaben von bis zu 1000 Euro pro Probe auch entschädigt werden.

Ebenfalls stark betroffen ist die Lebensmittelindustrie. Zumal etliche Länder wie Südkorea und China mittlerweile einen Importstopp für Schweinefleisch und Eierspeisen aus Deutschland verhängt haben. Wie hoch der Schaden für die verarbeitenden Betriebe ist, vermag der Branchenverband BVE nicht zu sagen.

Die gesamte Lebensmittelkette ist inzwischen so komplex und eng verzahnt, dass ein relativ kleiner Fehler eine Riesenwirkung für die gesamte Branche hat. Die Unternehmer fragen sich aber nicht erst seit dem Dioxin-Skandal, was sie tun können, um zu verhindern, dass ein Problem so stark durchschlägt. Dabei geht es vor allem um Vertrauen. „Verbrauchervertrauen wird auf der Grünen Woche ein großes Thema sein“, sagt Peter Wachter von der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft.

Die Politik müsste in dieser Frage eigentlich geübt sein. Schließlich gab es zwischen den BSE- und den Dioxin-Funden schon etliche andere Lebensmittelprobleme etwa durch Nitrofen, das Gammelfleisch oder Schweine- und Vogelgrippe.

Ferkel in einem Betrieb bei Dresden: Dioxinverseuchtes Futter haben offenbar nicht nur Hühner, sondern auch Schweine gefressen AP/Matthias Rietschel