Damit Strom aus regenerativen Quellen auch in Zukunft den Verbraucher erreicht, müssen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren neue Höchstspannungsleitungen in einer Größenordnung zwischen 1700 und 3600 Kilometern gebaut werden. Das ist das zentrale Ergebnis der „Netzstudie II“ der Deutschen Energieagentur (dena). Die Deutsche Energieagentur ist ein Kompetenzzentrum, das zu 50 Prozent von der Bundesregierung getragen wird.
Die Zahlen spiegeln die rasante Entwicklung beim Ausbau der erneuerbaren Energien wider: Noch vor fünf Jahren hatte die dena lediglich den Bau von 850 Kilometern neuer Trassen für nötig befunden. Gebaut wurden seither davon allerdings nur rund 90 Kilometer, der Rest wird durch Bürgerproteste blockiert.
In der neuen Netzstudie wurden Varianten durchgerechnet, wie der Windstrom von Norddeutschland zu den Verbrauchszentren in Süddeutschland geleitet werden kann, wenn der Ökostrom-Anteil wie politisch gewünscht auf 39 Prozent im Jahr 2020 steigt. „Die Studie liefert über die reine Ermittlung des Netzausbaubedarfs hinaus eine verlässliche Strategie für die Optimierung des gesamten Energiesystems in Deutschland“, sagte dena-Chef Stephan Kohler. „Kein anderes Land verfügt über eine solch umfassende und systemorientierte Roadmap für die Erreichung des regenerativen Energiezeitalters.“
Werden herkömmliche Freileitungen mit 380 Kilovolt verwendet, müssten Trassen über 3600 Kilometer neu hinzugebaut werden, heißt es in der Studie. Die Investitionskosten hierfür lägen bei 9,8 Mrd. Euro. Einschließlich der Betriebskosten ergäben sich daraus über die Lebensdauer des Netzes jährliche Kosten von 946 Mio. Euro. Allerdings gebe es auch neue technische Möglichkeiten, die Kapazität von Stromtrassen zu erhöhen, etwa durch den Einsatz von sogenannten Hochtemperaturleiterseilen. In diesem Fall müssten zwar nur 1700 Kilometer neu hinzugebaut werden. Doch die Investitionskosten wären mit 17 Mrd. Euro weitaus höher, weil auch die Masten des bereits bestehenden Leitungsnetzes über 5700 Kilometer umgerüstet und erhöht werden müssten. Einschließlich der Betriebskosten stiege die Belastung der Verbraucher damit auf 1,617 Euro jährlich über die gesamte Nutzungsdauer hinweg.
Noch teurer wäre es, die Stromleitungen unterirdisch zu verlegen, wie dies von vielen Bürgerinitiativen gefordert wird, die sich gegen den Bau von Freileitungen aussprechen. Erdverlegte Gleichspannungstrassen reduzierten den benötigten Netzausbau nur geringfügig auf 3400 Kilometer, erhöhten die Kosten aber gleichzeitig auf 22 bis 29 Mrd. Euro – oder 1,9 Mrd. Euro pro Jahr. Zudem gebe es zahlreiche technische und umweltpolitische Kriterien beim Erdkabel zu beachten. Bei jeder neu zu bauenden Trasse werde es deshalb je nach örtlichen Gegebenheiten eine Mischung aus verschiedenen Technologien geben müssen, sagte Kohler.
Weil die Kosten des Netzausbaus auf alle Verbraucher umgelegt werden, ergeben sich keine starken Auswirkungen auf den Strompreis. Selbst bei der teuersten untersuchten Variante, dem Bau von Hochtemperatur-Leitungen, würden die Netznutzungsentgelte für Haushaltskunden nur um 0,5 Cent auf 6,3 Cent pro Kilowattstunde steigen. Allerdings beziehen sich diese Kosten nur auf das Höchstspannungsnetz. Ausbaukosten des regionalen Verteilnetzes seien darin noch nicht enthalten.
Die „dena Netzstudie II“ wird von einem Konsortium mit 17 Mitgliedern getragen, darunter der Bundesverband Windenergie, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, den Bundeswirtschafts- und Umweltministerium sowie den großen Netzbetreibern.





