So viel dürfte klar sein: Der Aufsichtsrat von Karstadt wird ab jetzt nicht mehr die langweilige Abnickerrunde von einst sein, das den Vorstand einfach machen ließ. Mit der Wahl von Rewe-Chef Alain Caparros (54) zum Vorsitzenden zieht jetzt ein weiterer Manager in das Kontrollgremium der Warenhauskette ein, der genau weiß, was er will – und das auch durchzusetzen gewohnt ist. Viel zu lange war im Aufsichtsrat von Karstadt beziehungsweise seiner Muttergesellschaft Arcandor nicht wirklich um die besten Lösungen gerungen oder gar gestritten worden. Der Vorstand hatte leichtes Spiel. Das hat den Absturz in die Insolvenz im Juni 2009 zumindest beschleunigt.
Beim Neustart des Unternehmens dürfte Caparros – vom neuen Eigentümer Nicolas Berggruen geholt – eine höchst lebhafte Rolle im Kontrollgremium spielen und für die Manager unbequem werden – sonst hätte der ehrgeizige Franzose mit dem großen Ego den Job wohl kaum angenommen. Allein: Er ist zwar einer der profiliertesten Einzelhandelsmanager in Deutschland, aber kein Warenhausexperte. Doch immerhin führt er bereits den Aufsichtsrat des Schweizer Textilhändlers Charles Vögele – und Textilien bilden auch bei Karstadt die größte Warengruppe. Zudem betreibt seine Rewe die Lebensmittelabteilungen in den Warenhäusern über ein Gemeinschaftsunternehmen mit Karstadt und führte „Perfetto“ in die schwarzen Zahlen. Vor allem über diese Verbindung kennt er Karstadt.
Der Franzose – verheiratet, drei Kinder – ist vor allem Lebensmittelhändler. Nach dem Karrierestart beim Kosmetikkonzern Yves Rocher wechselte er 1994 zu Aldi. Für den Discounter leitete er das Frankreich-Geschäft. Weiter ging es zum Gastronomiedienstleister Aldis Service Plus und zur Schweizer Bon Appetit Group. Als die 2004 von der Rewe übernommen wurde, landete der energiegeladene Betriebswirt prompt in der Kölner Chefetage. Bei Deutschlands zweitgrößtem Lebensmittelhändler war er etwa für den Discounter Penny und das Auslandsgeschäft zuständig.
Dabei waren es stürmische Zeiten damals bei der Rewe, nachdem Dauerchef Hans Reischl im Streit abgetreten und in den Aufsichtsrat von Karstadt-Quelle gewechselt war. Mehrere Nachfolger hielten sich jeweils nur ein paar Monate. Es war die Rede von „Heckenschützen“, die die neuen Chefs der Reihe nach abschossen. Doch Hobbysegler Caparros trotzte allen Stürmen. 2006 war er es dann, der den damaligen Chef Achim Egner wegen angeblicher Alleingänge herausforderte – und gewann. Seither ist er die Nummer eins in der Kölner Domstraße.
„Caparros kennt sich mit den Spielchen um Macht und Einfluss sehr gut aus. Das wird er bei Karstadt brauchen“, glaubt ein Beobachter. Caparros hat die Rewe gegen Widerstände umstrukturiert – sogar beim Einkauf. Dennoch brachte er Ruhe in das durch die vielen Führungswechsel verunsicherte Unternehmen, hatte wirtschaftlichen Erfolg und festigte seine Position, was durchaus nicht jeder erwartet hatte. Das erkennen selbst Konkurrenten an.
Caparros wird – ähnlich wie Berggruen – die Fähigkeit nachgesagt, bei einer Präsentation oder einem Konzept sofort die Schwachstellen zu finden und die richtigen Fragen zu stellen. „Seine Handelserfahrungen und seine strategische Kompetenz sind für das Unternehmen außerordentlich wichtig“, sagte Berggruen über Caparros.
Der Mann hat zudem einen guten Draht zu Margret Mönig-Raane, der stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft Ver.di. Das könnte für die kommenden Umstrukturierungen innerhalb des Unternehmens wichtig werden.
Caparros kann Mitarbeitern vertrauen. Doch wenn sie das Vertrauen missbrauchen oder nicht die gewünschten Ergebnisse bringen, macht er kurzen Prozess. Dann kann sich der einst Hochgelobte einen neuen Job suchen. Zumeist ist der Chef nett und charmant, manchmal witzig, oft ungeduldig. Mit seinen gelegentlichen Temperamentsausbrüchen und Sticheleien vor versammelter Mannschaft allerdings kommt nicht jeder klar.
„Jetzt setzen wir gemeinsam mit großer Energie den Weg fort, die Weichen für den dauerhaften Erfolg der Karstadt-Warenhäuser richtig zu stellen“, verkündete Caparros nach der Wahl. Dazu gilt es, zunächst einen neuen Vorstandschef zu finden, der den Übergangsboss Thomas Fox 2011 ablösen wird. Die Suche läuft auf Hochtouren – Caparros soll sich darin zunächst zu wenig eingebunden gefühlt haben. Auch beim – noch weitgehend rätselhaften – Karstadt-Konzept und dessen finanzieller Unterfütterung dürfte Caparros jetzt vehement seine Forderungen anmelden.
Chef der Rewe und Aufsichtsratschef bei Karstadt – was kann für einen Handelsmanager dann noch kommen? Im Markt munkelt man, Caparros wolle irgendwann Chef der Metro, des größten deutschen Handelskonzerns, werden. Jener Metro, die sich gern die besten Karstadt-Häuser einverleiben würde.



