Börsen-Bericht

Schwarz-Gelb schiebt Aktien der Stromkonzerne an

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Daniel Eckert und Holger Zschäpitz

Die Aktienmärkte haben ziemlich nüchtern auf den Wahlausgang reagiert. Der Dax legte bis zum Mittag nur um 0,8 Prozent zu, Analysten glauben nicht an ein Kursfeuerwerk. Allerdings gibt es einzelne Aktien, die kräftig profitiert haben. Morgenpost Online zeigt die Gewinner und Verlierer bei Schwarz-Gelb.

Börsianer sind undankbare Wesen. Da beschert ihnen das Wahlvolk die Koalition ihrer Wünsche und die wirtschaftsfreundlichen Liberalen erzielen in Deutschland gar ihr bestes Ergebnis seit 1924. Dennoch bleibt der Freudensprung beim Dax aus. Zwar konnte das deutsche Börsenbarometer als einziger Index in Europa einen Zuwachs verbuchen, doch blieb das Plus mit 0,8 Prozent am Mittag relativ bescheiden.

Allein 30 der 40 Punkte, die der Index zulegte, gingen auf das Konto der am Montag gefragten Versorger-Aktien. E.on und RWE können als Betreiber von Kernkraftwerken auf eine Verlängerung der Reaktor-Laufzeiten hoffen. Damit verbessern sich die Gewinnaussichten für die Konzerne deutlich. Einen kleinen Teil zu dem Dax-Plus trugen auch Finanzwerte wie die Allianz oder Commerzbank bei. Ausgeprägter waren die Reaktion bei den Nebenwerten: die Aktien des süddeutschen Versorgers EnBW schnellten in der Spitz um 14,4 Prozent nach oben. Auf der Verliererseite standen Solarwerte wie Conergy oder Q-Cells, die eine Beschneidung ihrer Subventionen befürchten müssen. Das Minus bei diesen Aktien betrug bis zu sechs Prozent.

„Die Marktreaktion auf den FDP-Sieg ist im Großen und Ganzen mäßig“, sagt Andreas Hürkamp, Chefstratege bei der Commerzbank in Frankfurt. Die Marktteilnehmer wüssten, dass sich Schwarz-Gelb nicht den Folgen der Finanzkrise entziehen kann: „Da stehen eher Schuldenabbau, mehr Regulierungen und höhere Steuern auf der Agenda.“

Ähnlich sieht es Martin Lueck, Ökonom bei der Schweizer Großbank UBS: „Die Manövriermöglichkeiten der neuen Koalition sind kleiner als viele denken.“ Einmal an der Regierung würden die Liberalen feststellen, dass für größere Steuersenkungen kein Spielraum vorhanden sei, durchgreifende Arbeitsmarktreformen würden am Widerstand der Union scheitern.

Freundlich, wenngleich nicht euphorisch reagierte auch der Bondmarkt: Deutsche Staatsanleihen verbuchten am Montagvormittag leichte Gewinne. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe (die sich gegenläufig zu den Kursen entwickelt) rutschte auf 3,22 Prozent. Die Kapitalmarkt-Akteure trauen einer bürgerlichen Regierung einen solideren Umgang mit den Staatsfinanzen zu.

Trotz des Siegs der als wirtschaftsfreundlich geltenden „Tigerenten-Koalition“ äußern sich viele langjährige Beobachter der Kapitalmärkte skeptisch: „Die jetzige Regierung dürfte nur ein Zwischenspiel sein. Bei der nächsten Bundestagswahl in vier Jahren erwarte ich einen Wechsel zu Rot-Rot-Grün“, sagt Erwin Grandinger, Politischer Analyst bei der EPM Group in Berlin. Seit Jahrzehnten erodiere die politische Mitte in Deutschland, und zuletzt habe die Linke deutlich an öffentlichem Einfluss gewonnen. Als Folge dieser ideologischen Verschiebung könne es dann zu einer Kapitalflucht kommen.

Nicht so pessimistisch ist Christian Kahler von DZ Bank. „Die ersten Tage und Wochen nach dem Urnengang bringen meistens eine Marktschwäche“, sagt der Analyst. Erst in den darauffolgenden Monaten und Jahren mache sich ein Wechsel bemerkbar. Kahler hat ausgerechnet, dass der Dax in Zeiten mit CDU-geführter Regierung 50 Prozent zulegen konnte, während der Aktienmarkt unter sozialdemokratischen Kanzlern mehr oder weniger auf der Stelle trat.

„Kurzfristig sind die Auswirkungen der Bundestagswahl beschränkt, doch verbessert die Pro-Wachstumspolitik von Union und FDP die Perspektiven der deutschen Wirtschaft“, sagt Holger Schmieding, Chefökonom bei Bank of America Merrill Lynch.