Umweltaktivisten

Warum Greenpeace auf den Reichstag kletterte

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Uta Keseling und René Gribnitz

Foto: dpa / dpa/DPA

Reichstagsbesteigung, Atommüll in Berlin - mit spektakulären Aktionen ist die Umweltschutzorganisation Greenpeace in den vergangenen Wochen in der Hauptstadt in Erscheinung getreten. Morgenpost Online sprach mit dem Berliner Greenpeace-Lobbyisten Tobias Münchmeyer über den Sinn solcher Aktionen.

Morgenpost Online: Herr Münchmeyer, vor gut zwei Wochen ist Greenpeace auf den Reichstag geklettert, das Wahrzeichen unserer Demokratie. Warum haben Sie das gemacht?

Tobias Münchmeyer: Wir haben mit der Aktion zum Ausdruck gebracht, dass sich eine breite demokratische Mehrheit der Menschen in Deutschland - wie durch unsere Meinungsumfrage belegt - eine Zukunft ohne Atomkraft wünscht. Bei der Wahl am 27. September wird nicht nur über die neue Zusammensetzung des Bundestags entschieden. Die Wahl entscheidet über die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland. Atomkraft: ja oder nein. Um das deutlich zu machen, sind die Aktivisten auf den Reichstag gestiegen.

Morgenpost Online: Haben Sie wirklich das Gebäude beschädigt?

Tobias Münchmeyer: Nein. Natürlich nicht. Die Aktivisten haben weder Haken in das Gebäude geschlagen, noch haben sie das Gebäude sonst in irgendeiner Weise beschädigt.

Morgenpost Online: Die Aktion hat eine Debatte über die Sicherheit im Gebäude des deutschen Parlaments ausgelöst.

Tobias Münchmeyer: Das war nicht beabsichtigt. Der Reichstag ist die Urstätte der Demokratie in Deutschland und somit ein guter Ort, um auf unseren Protest gegen die Atomkraft aufmerksam zu machen. Ein Parlamentsgebäude sollte ein offenes Gebäude sein, ein Haus der Argumente. Bei anderen Aktionen ist die Sicherheitsdebatte durchaus beabsichtigt, etwa bei Atomkraftwerken. Dort geht es auch darum, zu warnen: Was ist, wenn Terroristen eindringen? Wir brauchen den Atomausstieg auch, um das schlimmste denkbare Szenario zu verhindern - einen Angriff durch Flugzeuge auf ein Atomkraftwerk etwa wie am 11. September 2001 in New York.

Morgenpost Online: Und wie sind Ihre Leute nun in den Reichstag gelangt? Hatten Sie drinnen Unterstützer, wie vermutet wurde?

Tobias Münchmeyer: Nein.

Morgenpost Online: Wie kalkulieren Sie das Risiko ihrer Aktionen - für Aktivisten wie für Unbeteiligte?

Tobias Münchmeyer: Die Sicherheit steht immer an oberster Stelle. Es ist fast noch nie zu Verletzungen bei Greenpeace-Aktionen gekommen.

Morgenpost Online: Aber spielen Sie nicht mit der Angst der Menschen, wenn Sie, wie im Juni dieses Jahres, Behälter mit radioaktivem Inhalt durch Berlin fahren lassen?

Tobias Münchmeyer: Nein. Wir sind zwar mit einer Reihe leerer Metallfässer angereist - und mit zweien, die es in sich hatten. Diese hatten aber einen mehrere hundert Kilo schweren Mantel aus Beton und Stahl, damit es keine Strahlungen geben konnte.

Morgenpost Online: Und was war in den Fässern?

Tobias Münchmeyer: Nur Walderde. Allerdings aus einem Wald 50 Kilometer außerhalb der Sperrzone um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Dort herrschen immer noch extrem erhöhte Strahlungen. Es war ein Protest gegen die Politik der Bundeskanzlerin und der Stromkonzerne, die damals zu ihrem Jahrestreffen einluden.

Morgenpost Online: Wen wollen Sie erreichen?

Tobias Münchmeyer: Alle. Es ist uns wichtig, dass wir absolut gewaltfrei sind und auch so wahrgenommen werden. Uns kommt es auf die richtige Mischung zwischen wissenschaftlich fundierten Argumenten und Aktionen an, die Umweltzerstörung physisch oder symbolisch verhindern. Dabei sind solche Aktionen nur eine von vielen Seiten. Unsere wissenschaftlichen Studien und Gutachten zum Beispiel stoßen auf große Resonanz in den Medien, ebenso unsere Konzepte und Entwicklungen, wie beispielsweise der FCKW-freie Kühlschrank.

Morgenpost Online: Mit Erfolg?

Tobias Münchmeyer: Wir haben viel für die Umwelt bewegen können. Und: Unsere Mitgliederzahlen steigen stetig. Hinter Greenpeace stehen mehr Mitglieder als hinter SPD oder CDU.

Morgenpost Online: Sind Ihre Mitglieder immer noch die "Ökos" von einst oder sind sie frustriert von der aktuellen Politik?

Tobias Münchmeyer: Unsere Fördermitglieder kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, es gibt viele Junge, aber auch viele aus der Gruppe der "50 plus". Sie kommen aus allen politischen Lagern. Oft wird ja gesagt, Greenpeace sei die Aktivistengruppe der Grünen - ich würde fast sagen, das Gegenteil ist der Fall. Auch eine gewisse Parteienverdrossenheit mag ein Motiv sein, sich für Greenpeace zu engagieren. Nur die wenigsten treten spontan ein, weil ihnen eine bestimmte Aktion gefallen hat.

Morgenpost Online: Wer finanziert Greenpeace?

Tobias Münchmeyer: Die Mitglieder. Die Höhe des Beitrags können sie selbst bestimmen - es geht bei fünf Euro los. Fast alle Beiträge kommen aus solch "kleinen" Spenden. Wir haben keine Großspender. Spenden von Unternehmen, politischen Stiftungen, geschweige denn Parteien oder Ministerien sind per Satzung ausgeschlossen.

Morgenpost Online: Woher kommt die Renaissance der Anti-Atom-Bewegung?

Tobias Münchmeyer: Ich glaube nicht, dass die Bewegung je weg war. Es ist ja eine ganze Generation, die diesen Atomausstieg mit ihren Protesten seit den 80er Jahren persönlich erzwungen hat. Viele haben wohl nur gedacht, sie müssten nicht mehr so aktiv sein, weil der Ausstieg quasi beschlossen war. Und dann gibt es viele junge Leute, die zwar Tschernobyl nicht persönlich erlebt haben, die aber die Argumente gegen die Atomkraft überzeugen.

Morgenpost Online: Hat Sie diese riesige Anti-Atom-Demonstration überrascht, als kürzlich Zehntausende Menschen mit mehr als 300 Traktoren durch Berlin ans Brandenburger Tor gezogen sind?

Tobias Münchmeyer: Ja, wir waren überwältigt von der Zahl der vielen Menschen, die kamen. Und das, obwohl es keinen prominenten Redner gab, keine prominente Band, die da auftrat. Die Organisatoren hatten sich bewusst von Parteien ferngehalten. Dass es wieder ein steigendes Interesse an solchen Protesten gibt und dass es sich auch in Zeiten der Bundestagswahl zeigen würde, davon bin ich ausgegangen. Beim Thema Klimaschutz zum Beispiel sind die Unterschiede der Parteien nur graduell, aber bei Atomkraft oder Gentechnik können sich die Parteien sehr voneinander abgrenzen. Das nutzen sie natürlich - und geben so auch den Themen selbst mehr Gewicht.

Morgenpost Online: Wie reagieren Stromkonzerne und Politiker auf die Proteste von Greenpeace?

Tobias Münchmeyer: Sie reagieren meist nicht direkt, aber wir registrieren, wie sie die Köpfe einziehen. Zum Thema Atomkraft sprechen die Vorstände nur noch selten öffentlich. Ausnahme war vielleicht diese hilflose Pro-Atom-Aktion in Biblis Anfang September, wo RWE und Stromkonzerne 1500 Auszubildende für die Zukunft der Kernenergie demonstrieren ließen. Die mediale Reaktion war eher bescheiden. Roland Koch hat dort gesprochen, aber es kommt immer seltener vor, dass Politiker öffentlich ausdrücklich bekennen, sie seien für Atomkraft. Sie wissen inzwischen, dass sie damit keine Menschen gewinnen.

Morgenpost Online: Woran erkennen Sie das?

Tobias Münchmeyer: Wir erkennen es am Verhalten der Politiker. Vor einem Jahr glaubte zum Beispiel Volker Kauder, CDU-Fraktionschef im Bundestag, er habe einen Stimmungswandel ausgemacht: Die Deutschen seien wieder offen für die Atomkraft. Das wäre ein mögliches Wahlkampfthema für die CDU gewesen. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla ging sogar so weit, Atomkraft als Ökoenergie zu bezeichnen. Als dann aber verschiedene Störfälle in französischen Atomkraftwerken auftraten, die verstörenden Bilder aus dem Atommülllager Asse dazukamen - und als die Anti-Castor-Proteste weit aktiver und "jugendlicher" daherkamen als erwartet, da hat man von solchen Aussagen wieder Abstand genommen.

Morgenpost Online: Was hat Sie persönlich von Greenpeace überzeugt?

Tobias Münchmeyer: Ich habe ein Jahr beruflich in Kiew verbracht. Meine Frau stammt aus der Ukraine. Als sie 16 war, musste sie das Land verlassen, weil ihre Eltern es für nicht verantwortbar hielten, dass sie dort groß wurde. Ich habe die Folgen von Tschernobyl hautnah erlebt, war viermal in der "Zone", wo es passiert ist. Es war schockierend. Seitdem will ich mich einsetzen, dass so etwas Ähnliches bei uns nicht passiert. Es macht mich wütend, dass es Unternehmen gibt, die viel Geld mit den alten Meilern verdienen und uns dafür so einem Risiko aussetzen.