Geldinstitute

Bankräuber bevorzugen italienische Banken

Beinahe die Hälfte aller Banküberfälle innerhalb der EU betreffen italienische Geldinstitute. Dafür gibt es mehrere plausible Gründe.

Bei der Marktkapitalisierung erreichen italienische Banken in Europa einen eher bescheidenen neunten Rang. Führend sind die Institute südlich der Alpen aber bei einer anderen Kenngröße - nirgendwo in der EU werden öfter Banken überfallen als in Italien.

Nahezu die Hälfte aller Banküberfälle in der Europäischen Union fanden im letzten Jahr in Italien statt, wie aus einer Studie der Bankenvereinigung FIBA hervor geht. Das kritische Fazit der Branchenexperten lautet: Italienische Banken halten zu hohe Bargeldsummen in zu vielen Filialen bereit.

Den Daten zufolge gab es 2009 in Italien insgesamt 1.744 Banküberfälle - das entspricht grob dem Sechsfachen der Zahl dieser Delikte in Deutschland und gar dem 20-fachen in Großbritannien. 36,8 Mill. Euro wurden damit unfreiwillig am Bankschalter in die Hände von Kriminellen gegeben, wie der Bankenverband ABI berechnete.

“Je weniger Bargeld in unseren Filialen liegt, desto weniger Überfälle wird es auch geben”, sagte Pierfrancesco Gaggi, der bei der ABI für Infrastruktur verantwortlich ist, in in Rom. Dem stimmt Alessandro Spaggiari von der FIBA ausdrücklich zu. Zahlreiche kleine Filialen in ruhigen Wohngebieten ohne sichtbare Polizeipräsenz erleichterten den potenziellen Bankräubern die Auswahl und senkten das Risiko, erwischt zu werden.

Zum Vergleich: Marktführer Intesa Sanpaolo SpA betreibt derzeit 5921 Filialen in Italien, das sind mehr als doppelt so viele wie die BNP Paribas SA in Frankreich und 1.000 mehr als Banco Santander SA im spanischen Heimatmarkt betreibt. Während Santander aber die zweitgrößte Bank Europas ist und BNP auf Platz drei, belegt Intesa Sanpaolo den 14. Platz europäischer Banken.

Die 700 Mill. Euro, die bei italienischen Banken für Sicherheitstechnik pro Jahr aufgewendet werden, erreichen oft nicht die kleineren und kleinsten Filialen, beklagt Spaggiari. Die eher geringen Bargeldmengen in diesen Bankfilialen rechtfertigten in den Augen der Verantwortlichen oft keine bessere Ausstattung mit Kamerasystemen oder Alarmanlagen, sagt er.

Genau das passt aber den Spitzbuben bestens und erklärt die außerordentlich hohe nationale Bankraubsquote in Italien. Meistens handelt es sich um Blitzattacken mit kleiner Beute von weniger als 15.000 Euro, wie die ABI berichtet. Die Täter seien in den überwiegenden Fällen Amateure oder Gelegenheitskriminelle und oft mit nicht mehr als einem Messer bewaffnet.

Mutter mit Säugling überfällt vier Banken an einem Tag

Symptomatisch für diese Tätergruppe ist etwa der Fall einer 41-jährigen Mutter, die an einem Tag im Mai drei Banken in der norditalienischen Metropole Turin erfolgreich ausraubte. Ihr siebenmonatiger Säugling schlief jeweils im Fluchtwagen. “Ich habe keinen geregelten Job”, klagte sie den Polizeibeamten, die sie beim vierten Bankraub des Tages festnehmen konnten. Sie habe keinen Ausweg mehr gewusst und sei mit dem Kleinkind finanziell nicht über die Runden gekommen.

Solche Leute würden oft von der ökonomischen Realität in die Enge getrieben und reagierten immer mehr mit kriminellen Taten, sagt Mario Furlan von der gemeinnützigen Mailänder Organisation CityAngel, die sich für Obdachlose und Arme einsetzt. In manchen unterprivilegierten Stadtteilen gelte ein Bankraub mittlerweile nicht einmal als kriminell, sagte Furlan. In Italien beträgt die Arbeitslosenquote neun Prozent und auch die Konjunkturerholung nach der Finanzkrise setzte hier vergleichsweise zögerlich ein.

Die Bankenvereinigung ABI hat noch eine weitere Strategie gegen die zu hohen Bargeldbestände in Kleinfilialen im Köcher. Die Italiener zählen in Europa zu den Schlusslichtern beim bargeldlosen Zahlungsverkehr. Die italienische Vorliebe für Bares solle einer verstärkten Nutzung von Kreditkarten und anderen bargeldlosen Zahlungen weichen, stellen sich die Banken vor. Mit 66 bargeldlosen Zahlungen pro Jahr erreichen die Italiener kaum ein Drittel des Durchschnitts in der Eurozone, wie aus einer Studie der Zentralbank jüngst hervor ging.