Landwirtschaft

Kirschen sind in diesem Jahr knapp - und teuer

Die Wetterkapriolen in und anderen Ländern haben die Kirschernte in diesem Jahr dezimiert. Marmelade, Joghurt, Torte - das alles wird damit nun teurer.

Konrad Linkenheil kann so schnell nichts die Laune verderben. Doch momentan macht sich der gebürtige Rheinländer Sorgen, große Sorgen sogar. „Ich bin seit 40 Jahren im Geschäft, aber ein so schlechtes Erntejahr wie dieses habe ich noch nicht erlebt“, sagt der 57-jährige Geschäftsführer der Spreewaldkonserve Golden GmbH. Obst- und Gemüsekonserven stellt die traditionsreiche Firma her, die Linkenheil gemeinsam mit seiner Schwester betreibt: die berühmte Spreewaldgurke genauso wie Gläser mit Apfelmus, Pflaumenkompott oder ganzen Kirschen. Damit die Ware reibungslos vom Band laufen kann, ist Linkenheil darauf angewiesen, dass genug gute Rohware auf sein Fabrikgelände im Brandenburgischen rollt. Doch genau das ist in diesem Jahr ein Problem für die Industrie – vom Fruchtsafthersteller bis hin zur Konservenfabrik.

Düstere Ernteprognosen

Grund dafür sind die Wetterkapriolen in Deutschland und anderen wichtigen Anbauländern. Erst war der Frühling völlig verregnet, dann der Juli viel zu heiß. Und schließlich gab es Überschwemmungen in den großen Anbauregionen Polens, Ungarns und Tschechiens. Bei etlichen Obst- und Gemüsesorten sind die Erntemengen dadurch stark dezimiert worden. Mit am schlimmsten aber hat es die Sauerkirsche getroffen, ausgerechnet. Denn die säuerliche Steinfrucht ist wichtiger Bestandteil für viele industriell hergestellte Produkte, angefangen bei Marmelade und Joghurt bis hin zur Schwarzwälderkirschtorte.

Die Ernteschätzung des Statistischen Bundesamtes fällt daher so düster aus wie lange nicht mehr: Einen Einbruch von fast 37 Prozent sagen die Statistiker für dieses Jahr voraus. Und im Gegensatz zu sonstigen Jahren gibt es keinen Ersatz, nirgendwo. „Wenn gute Kirschen fehlen, können Sie sich die nicht einfach anderswo besorgen“, sagt Linkenheil. Kirschen seien nur begrenzt lagerfähig, allzu weite Transportwege vertrage die Frucht nicht. Und ein Glas Schattenmorellen bestehe nun mal im Wesentlichen aus Sauerkirschen, die eine erstklassige Qualität haben müssten: „Da kann man nicht auf schlechtere Ware oder irgendwelche Aromen und Zusatzstoffe zurückgreifen. Das würde der Verbraucher zu recht sofort beanstanden.“

Stattdessen wird es wohl darauf hinauslaufen, dass bestimmte Produkte in diesem Jahr nicht in der gewohnten Menge hergestellt werden können. „Wir haben unsere Kunden bereits aufgefordert, auf Sauerkirschen zu verzichten“, sagt zum Beispiel Karl-Heinz Johnen, der Geschäftsführer von Süßwarenhersteller Zentis. Die Rheinländer sind hierzulande einer der größten Produzenten von Fruchtzubereitungen, die unter anderem für Konfitüre oder Joghurt gebraucht werden. Anbieter, die Johnens Rat nicht befolgen können, müssen sich auf kräftige Preissteigerungen einstellen. „Die Rohware ist im Einkauf schon bis zu 150 Prozent teurer. Das müssen wir so auch weitergeben“, kündigt der Unternehmer an.

Vor allem die Billighersteller dürften sich da überlegen, vorübergehend die Fruchtsorte zu wechseln und weniger Kirschprodukte anzubieten. „In den Regalen der Händler könnte es an der ein oder anderen Stelle durchaus knapp werden“, warnt jedenfalls Spreewaldkonserven-Chef Linkenheil, zugleich Vorsitzender des Bundesverbandes der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK). Zumal es vielerorts offenbar auch so etwas wie eine Lieferrangfolge gibt. „Wenn eine Obstsorte knapp ist, werden in der Regel zunächst die Markenprodukte befüllt. Preiseinstiegsprodukte wie zum Beispiel No-Name-Waren haben dann das Nachsehen“, sagt Linkenheil.

Weniger Auswahl

Die Verknappung dürfte nicht nur zu weniger Auswahl, sondern vor allem zu deutlich steigenden Preisen in den Supermarktregalen führen. „Die Rohstoffkosten explodieren derzeit. Das müssen wir an den Verbraucher weitergeben“, bestätigt Christian Ehrmann, der Geschäftsführende Gesellschafter der gleichnamigen Familienmolkerei aus dem Allgäu. Denn Zugeständnisse bei der Qualität kämen für einen Markenhersteller wie Ehrmann nicht in Frage. „Wir verwenden bei der Produktion keine Aromen oder andere Ersatzstoffe, sondern ausschließlich Fruchtzubereitungen. Und das wird auch so bleiben“, versichert er. Der 38-Jährige sucht daher schon jetzt – einige Wochen vor den turnusmäßigen Preisverhandlungen für die neuen Lieferverträge für 2011 – das Gespräch mit den Einkaufsleitern von Deutschlands Supermärkten. Thema dürfte die aktuelle Preisentwicklung sein – aber auch die Frage, ob mit weniger Kirschjoghurt geplant werden kann.

Wie teuer das Glas Kirschen oder der Becher Kirschjoghurt demnächst werden, kann bislang zwar niemand sagen. Auf jeden Fall rächt sich aber, dass der Preis für ein Kilo Sauerkirschen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist. Und zwar so tief, dass sich die Bewirtschaftung einer Kirschplantage für viele Landwirte nicht mehr lohnt. In Deutschland sind daher, wie auch in anderen europäischen Ländern, große Anbauflächen gerodet worden.

Raps statt Kirschen

Wer sich in Rheinhessen umsieht, einer der größten deutschen Anbauregionen für Sauerkirschen, mag das nicht so recht glauben. In schier endlosen Reihen ziehen sich Kirschbäume über das sanft geschwungene Land zwischen Mainz und Bingen. Doch der Eindruck täuscht. Die Zahl der knorrigen Bäumchen schrumpft unaufhörlich. Ein paar Jahre noch, da ist sich Ludwig Schmitt sicher, und die Sauerkirsche wird verschwunden sein. Zumindest aus der traditionellen Landwirtschaft, zumindest in Deutschland, ganz bestimmt aber aus Rheinhessen. Bauer Schmitt braucht sich nur seine eigenen Felder anzusehen: 30 Hektar mit Sauerkirschen waren es vor zehn Jahren, heute sind es nur noch 20 Hektar, Tendenz fallend. Allein im letzten Winter hat der 59-Jährige, der in Mainz-Finthen einen der größten Obsthöfe der Region bewirtschaftet, einen ganzen Hektar abgeholzt – um Platz zu machen für lukrativere Anbaupflanzen, allen voran Raps.

Branchenexperten haben vor diesem Strukturwandel schon lange gewarnt. „Landwirte orientieren sich heute am Markt“, sagt Udo Hemmerling, der Leiter des Fachbereichs Recht, Soziales, Energie und Wirtschaftspolitik beim Deutschen Bauernverband. Und wenn sich derzeit eines für die Erzeuger lohnt, ist es der Anbau von Pflanzen für die Produktion von Bioenergie. Hemmerling spricht bereits von einer Art „Sonderkonjunktur für Biogasanlagen“, zumal diese auch noch staatlich gefördert sind.

Es ist ein klassischer Zyklus, der dadurch in einigen Bereichen der Landwirtschaft in Gang gekommen ist. Sinkende Preise führen dazu, dass die Produzenten auf andere Feldfrüchte umsteigen. Von der Ursprungsware wird dadurch zwangsläufig weniger erzeugt, was schließlich für eine relative Knappheit sorgt. Weil das sinkende Angebot die Nachfrage aber irgendwann nicht mehr decken kann, steigen die Preise wieder. Folglich investieren die Produzenten wieder in die zuvor verschmähte Ware. Ökonomen nennen ein solches Phänomen „Schweinezyklus“. Anders als bei den vermehrungsfreudigen Vierbeinern funktioniert dieser Kreislauf beim Steinobst allerdings nicht so einfach. Denn selbst wenn wieder mehr Produzenten in fehlende Kirschbäume investieren – die Nutzpflanze kann gar nicht so schnell nachwachsen.

Gewinne auf Talfahrt

Ob ein Wendepunkt bei der Sauerkirsche nun erreicht ist, erscheint fraglich. Martin Ley glaubt nicht daran. Der Geschäftsführer der Vereinigten Großmärkte für Obst und Gemüse (VOG) mit 850 angeschlossenen Betrieben in Ingelheim prognostiziert, mit der Sauerkirsche werde es wohl weiter bergab gehen. „Viele Landwirte hierzulande verabschieden sich zusehends aus der Sauerkirschproduktion, denn gegen die günstigere Ware aus Polen und Ungarn können viele Betriebe nicht mehr mithalten.“ Der VOG-Geschäftsführer, hinter dessen grüner Büroschrankwand sich eine Art Obstarchiv der Region verbirgt – im Fall der Sauerkirsche ein Archiv des Niedergangs – kann das detailliert belegen: Umgerechnet 97 Cent bekam ein Landwirt vor zehn Jahren ohne Berücksichtigung der Mehrwertsteuer noch für ein Kilo Sauerkirschen. Im Durchschnitt der letzten drei Jahre sank dieser Wert auf 44 Cent. Im vergangenen Erntejahr gab es sogar nur noch 33 Cent je Kilo.

Viel zu wenig, um daraus noch Gewinne zu erzielen, denn die Kirschernte ist in der Regel ein äußerst mühsames Geschäft. Viele Sorten werden nach wie vor mit der Hand gepflückt, der sogenannte Schüttler, eine riesige Maschine, die das Steinobst einfach von den Bäumen rüttelt, kann nicht überall zum Einsatz kommen. „65 Cent kostet das Glas Sauerkirschen als Preiseinstiegsprodukt im Handel“, sagt Ley. „65 Cent für ein Produkt, dessen Rohware überwiegend in Handarbeit geerntet wird. Das ist der Grund, warum die Sauerkirsche knapp wird.“

Bauer Schmitt erinnert sich daher gar nicht gerne an das vergangene Jahr, als das Wetter freundlich und die Obsternte reich war. Denn in der Folge sank der Kilopreis für Sauerkirschen rapide. „Wir sind in die Kirschen gefahren und haben alle draufgezahlt. Da haben wir uns geschworen, dass wir das nicht noch mal mitmachen. Eher lassen Betriebe die Kirschen einfach am Baum hängen“, sagt er. Der Landwirt kann sich nicht vorstellen, dass die Sauerkirsche je wieder zurück kommt. Mirabellen, Aprikosen, ja, das könnte was werden, falls sich die Nachfrage ein paar Jahre lang auf dem guten Niveau dieses Sommers stabilisiert. Aber Sauerkirschen? Nie und nimmer: „Da müsste der Verbraucher schon bereit sein, plötzlich sehr viel mehr Geld in die Hand zu nehmen.“

Sparsame Verbraucher

Überhaupt, der Verbraucher. Wenn man der Spur der knappen Kirschen folgt, wird er in den Gesprächen gern als Schuldiger genannt. Und die Beweise sind tatsächlich erdrückend. Laut einer Allensbach-Umfrage geben die Deutschen im Durchschnitt gerade mal elf Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus – so wenig wie kaum eine andere Nation in Europa. In Frankreich und Italien etwa sind bis zu 30 Prozent des Einkommens fürs Essen und Trinken reserviert. Mittlerweile scheint aber ein Umdenken in Gang zu kommen, vor allem zugunsten frischer Produkte aus der Region.

Viele Landwirte haben darauf reagiert und vermarkten ihre Ware direkt in eigenen Hofläden oder auf Wochenmärkten. „Es ist absurd: Aber meine Frau macht auf 75 Quadratmetern Hofladen mehr Gewinn als ich auf 100 Hektar Ackerland”, sagt ein Landwirt aus dem Odenwald.

Genau das nutzen nach Ansicht von Gudrun Mahlau noch viel zu wenige Erzeuger aus. „Wer Rohstoff liefert, bekommt auch Rohstoffpreise“, sagt die Professorin am Lehrstuhl für Landwirtschaftliche Marktlehre und Agrarmarketing der Hochschule Neubrandenburg. Der Bauer befinde sich nun einmal am Anfang der Wertschöpfungskette und damit auf der Stufe der niedrigsten Erträge. „Wer mehr verdienen will, muss seine Rohstoffe selbst veredeln und direkt an den Verbraucher liefern“, rät sie.

Bei Obstsorten wie die Sauerkirsche, die zu zwei Dritteln in die industrielle Produktion geht, könnte dieser Wandel zu spät kommen. Denn beim Becher Joghurt oder dem Glas Kirschmarmelade greifen die Verbraucher gerne zu den preisgünstigen Angeboten. Die Discountketten, die sich seit Monaten eine Preisschlacht nach der anderen liefern, haben diesen Trend noch beschleunigt. Zwar versuchen die großen Hersteller längst, gegenzusteuern und industrielle Ware unter regionalen Labeln zu verkaufen. Das allerdings lässt sich der Mittelstand aus der jeweiligen Region nicht so einfach gefallen.

Regionale Lösungen

Fabrikant Linkenheil etwa, dessen Konservenfirma zuletzt auf 107 Millionen Euro Jahresumsatz kam, hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass andere Hersteller Import-Gurken aus Marokko oder Indien „nach Spreewälder Art“ verkauften. Linkenheil zog vor Gericht und erstritt die EU-Verordnung 2081/92. Danach müssen bei Gurkengläsern mit dem Aufdruck „Spreewald“ auch zumindest 70 Prozent tatsächlich im Spreewald gezüchtete Gurken drin sein.

Doch bei der Kirsche ist ähnliches bislang nicht in Sicht. Zwar gibt es etwa mit dem Süßwarenproduzenten Ferrero einen großen Hersteller, der schon seit Jahren mit der „Piemont-Kirsche“ Werbung macht. Eine regionale Sorte dieses Namens existiert allerdings gar nicht – das Steinobst für die Pralinen stammt vielmehr nach Angaben des Unternehmens „aus bevorzugten Anbaugebieten der ganzen Welt“.