Den ersten Test gibt es im ehemaligen Schloss der pommerschen Herzöge zu Stettin am 29. September. Heidelberger Druck aus Brandenburg an der Havel wird dort einen Stand haben, die Zeitarbeitsfirma Adecco und das Hotel am Alten Rhin aus Alt Ruppin. Auch die IHK Berlin ist vor Ort sowie zahlreiche Betriebe aus Ostbrandenburg und Vorpommern. In der polnischen Großstadt suchen sie, was sie in der Heimat kaum noch finden: Schulabgänger, die eine Lehre beginnen wollen. „Dort sollen bis zu 800 Jugendliche vorbeikommen, die Deutsch sprechen“, sagt Wolfgang Spieß, Leiter der Bildungsabteilung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam. Man macht sich Hoffnung.

Denn in Deutschland finden viele Betriebe keine Nachwuchskräfte mehr. Berliner IHK und Handwerkskammer melden noch 1300 offene Ausbildungsplätze, selbst in den strukturschwachen Regionen Brandenburgs suchen die Betriebe. Die Zahl der Schulabgänger geht rapide zurück. Vor zehn Jahren verließen noch mehr als 37000 junge Menschen die Berliner Schulen, jetzt sind es 30000. Noch drastischer sieht es im Gebiet der IHK Potsdam aus. Dort gab es 2003 noch 35.000 Schulabgänger, nächstes Jahr werden nur noch 16.000 erwartet.

Abwerben ist politisch heikel

Insbesondere im Osten würden Betriebe nun Lehrlinge aus Polen und Tschechien suchen, sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, dem Magazin „Wirtschaftswoche“. Alexander Legowski, Sprecher des ZDH, sagt: „Spätestens nächstes Jahr könnte es dazu kommen, dass Lehrlinge auch im Ausland angeworben werden.“ Es sind noch äußerst zaghafte Schritte, die die Betriebe unternehmen. Und die Forderung nach Abwerbung ausländischer Schüler für deutsche Lehrstellen ist politisch heikel. Als Kentzler erstmals vor einer Woche die Forderung erhob, fand er sich in den Fernsehnachrichten Polens und Tschechiens wieder. In beiden Ländern ist man nicht sonderlich darauf erpicht, dass die Deutschen im großen Stil Nachwuchs abwerben.

In der Berliner Wirtschaft hält man sich noch zurück. „Ich schließe aber nicht aus, dass sich da in Zukunft etwas entwickeln wird“, sagt Stephan Schwarz, Präsident der Berliner Handwerkskammer. Den Lehrlingsmangel wollen er und sein Pendant von der IHK, Eric Schweitzer, vor allem dadurch angehen, dass sie Jugendliche in Ausbildung bringen, die das bisher nicht geschafft haben. „Rund 25 Prozent der jungen Leute gelten in Berlin als nicht ausbildungsfähig“, sagt Schwarz. Um die müsse man sich bemühen. In diesem Jahr starteten Kammern und Senat eine Aktion, um Jugendliche mit ausländischen Wurzeln für die duale Berufsausbildung zu begeistern. „Berlins Wirtschaft braucht dich“ heißt die Aktion, die sich in mehreren Sprachen speziell via Internet an Jugendliche richtet.

In den grenznahen Regionen Brandenburgs reicht das nicht mehr aus. Hier will man es in Polen versuchen. Allerdings sind die Erwartungen nicht übermäßig groß. „Das wird sicher nicht in großem Stil passieren“, glaubt Gundolf Schülke, Hauptgeschäftsführer der IHK. Vor allem die Sprachhürde sei hoch. „Nur ein geringer Teil der polnischen Schüler lernt Deutsch“, sagt Schülke. Das schränke den Kreis potenzieller Azubis aus dem Nachbarland ein. „Außerdem entwickelt sich die polnische Wirtschaft gut. Der Anreiz, ins Ausland zu gehen, sinkt dadurch“, sagt Schülke.

Die IHK Ostbrandenburg hat vor einigen Jahren bereits einen Feldversuch unternommen. In Eberswalde wurden jeweils zehn Jugendliche aus Polen und Deutschland gemeinsam zum Hotel- beziehungsweise Restaurantfachmann ausgebildet. Mit anschließender Prüfung bei der deutschen IHK. Der Test war durchaus erfolgreich. Die Abbrecher kamen zum großen Teil aus Deutschland, nicht aus Polen. „Wir dachten schon, das wird jetzt ein Selbstläufer“, sagt Schülke. Doch großes Interesse aus Polen blieb aus.

Es ist ein Experiment mit vielen Unbekannten, das nun gestartet wird. Vom Mai nächsten Jahres an gilt auch für Länder wie Polen und Tschechien die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. Bedeutet: Polen können uneingeschränkt in Deutschland Arbeit suchen – oder Ausbildungsplätze.

Freizügigkeit ab Mai 2011

Aus Angst vor osteuropäischen Billigarbeitern hat Deutschland nach dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 auf eine Abschottung seines Arbeitsmarktes gedrungen. Schülke räumt ein, dass das eigentlich unnötig war. Denn ohne diese Beschränkung hätten sich gerade Betriebe jener Landkreise, die an Polen oder Tschechien grenzen, schon früher kümmern können.

In Cottbus will die örtliche Handwerkskammer laut Kentzler Zuwanderern eine Ausbildungsplatzgarantie bieten. Voraussetzung dafür ist, dass die Jugendlichen vorher einen Kurs in deutscher Sprache und Kultur absolvieren.

Kentzler geht sogar noch einen Schritt weiter. Um für Ausländer attraktiver zu werden, fordert der Handwerkspräsident eine Imagekampagne für Deutschland. „Deutschland muss ein klares Bild von sich in der Welt zeichnen, muss interessanter werden für junge Menschen als Ziel für Ausbildung und Studium“, sagt Kentzler. Seiner Meinung nach könnten dabei die Goethe-Institute eine führende Rolle übernehmen. Diese seien für die Präsentation von deutscher Sprache besonders geeignet.