Wütende und verunsicherte Stahlarbeiter, die mit Transparenten Straßen blockieren – solche Bilder schienen in Deutschland einer längst vergessenen Ära anzugehören. Jetzt kehren in der zuletzt erfolgsverwöhnten Stahlbranche die düsteren Erinnerungen an den massenhaften Stellenabbau der 1990er-Jahre zurück. Allein 34.000 Jobs waren es damals bei Thyssen und Krupp im Ruhrgebiet. "Natürlich wird es Personalabbau geben, kommt nur darauf an wie“, sagt ein Gewerkschafter.
Der Blick auf die Zahlen erinnert an ein Flugzeug im unfreiwilligen Sturzflug: Alle Skalen drehen im Blitztempo gegen den Uhrzeigersinn. Die Rohstahlerzeugung lag bundesweit noch 2007 bei 48,5 Millionen Tonnen, gab schon 2008 auf 45,8 Millionen Tonnen nach und wird nach den derzeitigen Schätzungen 2009 nur noch um die 35 Millionen Tonnen erreichen. Der Preis ist gleichzeitig seit dem Sommer 2008 ins Bodenlose gesackt und hat sich im Schnitt der zahlreichen Stahlsorten in etwa halbiert.
Für rund 40.000 der 94.000 deutschen Stahlarbeiter haben ihre Unternehmen bereits Kurzarbeit beantragt. Die ersten Kurzarbeiter gab es schon im November, als die Konjunktur im Ausklang des Boomjahres 2008 kippte.
Der weltweite Konjunktureinbruch ließ die deutsche Stahlproduktion im März auf das Niveau der 1950er-Jahre abstürzen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat seien rund 50 Prozent weniger Roheisen und Rohstahl hergestellt worden, teilte das Statische Bundesamt mit. Das ist der der stärkste Einbruch seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik.
Die erste Reaktion der Industrie – weniger Import halbfertiger Stahlbrammen aus dem Ausland und Abbau mehrerer tausend Leiharbeiterstellen – reichte schon bald nicht mehr aus. Hochöfen mussten vorübergehend stillgelegt werden. Derzeit rauchen nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl nur noch zwei Drittel der 15 deutschen Hochöfen. Der besonders heftige Einbruch im März war eine direkte Folge der Stilllegung eines Hochofens in Salzgitter mit 57.000 Tonnen Monatsproduktion.
Dabei hat der Nachfragerückgang die Stahlkocher noch gar nicht voll erwischt. Neben den Krisenbranchen Auto (ein Drittel des Stahlabsatzes) und Maschinenbau (15 Prozent) verkaufen Stahlkonzerne nämlich rund 12 Prozent ihres Produktes an Elektrounternehmen etwa für Waschmaschinen und Kühlschränke – und dort war bisher kein Einbruch zu spüren, heißt es bei der Wirtschaftsvereinigung. Wenn die Schockwellen der Krise auch diese konsumentennahen Segmente treffen, könnte der Rückgang sich noch einmal verschärfen.
Dank Kurzarbeit können die Unternehmen derzeit mit finanzieller Hilfe vom Staat Massenentlassungen vermeiden. "Wenn die Kurzarbeit zum Jahresende in den ersten Unternehmen ausläuft und die Konjunktur noch nicht angesprungen ist, kann es aber deutlich schlimmer werden“, sagt Beate Brüninghaus von der Wirtschaftsvereinigung.
Dass Massenentlassungen das traditionell enge Verhältnis zu den mächtigen Stahl-Gewerkschaftern auf eine harte Probe stellen würden, hatte die IG Metall am Montag erstmals mit einer Massendemonstration in Duisburg gezeigt. Auf 14.000 schätzte die IG Metall die Zahl der Demonstranten, die unmissverständlich eine Beschäftigungsgarantie forderten. „Dann wäre die Angst beim Umbauprozess weg“, sagt Gewerkschaftssprecher Marc Schlette.
Es gebe weitaus intelligentere Mittel zu sparen als betriebsbedingte Kündigungen, meint er. Neben Kurzarbeit, die die Gewerkschaft auf 24 Monate ausgedehnt sehen will, sieht der jüngste Tarifabschluss für die West-Metaller etwa Arbeitszeitreduzierung auf bis zu 28 Stunden mit Lohnkürzungen vor. Gehen die Stahlkonzerne auf solche Szenarien nicht ein, hält Schlette Blockadebilder wie in den 90ern durchaus für denkbar. „Duisburg diesen Montag war nur eine zarte Andeutung dessen, was möglich ist.“
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dpa/ras




