Es war ein Traum, eine Hoffnung der Berliner Politik und der Wirtschaft, dass die Lufthansa auch mal mit wirklich großem Fluggerät nach Berlin kommt und dieses von dort aus auf einer Langstrecke einsetzt, die Hauptstadt nicht nur mit den üblichen kleinen Airbus-Maschinen oder Boeings anfliegt. Im September setzt die Lufthansa nun einen Jumbojet von Berlin-Tegel aus ein. Nur nicht für Langstreckenflüge, nicht nach Hongkong, Los Angeles oder Mauritius, sondern auf der Kurzstrecke, nach Frankfurt am Main.

Dass die Lufthansa auf der nur rund 400 Kilometer langen Flugstrecke einen so großen Flieger wie Boeings 747 einsetzen kann, zeigt, wie viele Passagiere sie mittlerweile in Berlin akquirieren kann. Auch wenn die Lufthansa diese von Berlin aus zu ihrem Drehkreuz Frankfurt fliegt, um dort ihre tatsächlich als Langstreckenflugzeuge eingesetzten Jumbojets nach Übersee zu füllen. Anstrengungen der Lufthansa, Berlin neben denen in Frankfurt am Main und München zu einem dritten Drehkreuz auszubauen, sucht man vergebens.

Dafür tut Air Berlin dies. Es vergeht kaum ein Monat, dass deren Chef Joachim Hunold keine neue Verbindung von Berlin aus in die Welt verkündet und neue Bündnisse mit anderen Airlines schmiedet – und die Politik klatscht Beifall. „Ergreifen Sie die Chance“, hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Lufthansa beim BBI-Richtfest aufgefordert, getan hat dies Lufthansa-Konkurrent Air Berlin. Einen Tag vor dem Richtfest hatte der Air Berlin-Chef im Roten Rathaus mal wieder mit einer Erfolgsmeldung brillieren können. Gemeinsam mit Klaus Wowereit kündigte Hunold drei neue Langstrecken ab dem Winterflugplan für Berlin an: Dubai, Miami und Mombasa. Damit kommt Air Berlin auf 70 Ziele mit sieben Langstreckenverbindungen in Berlin und hat die Lufthansa längst überholt.

Dass Hunold mit Blick auf den neuen Hauptstadtflughafen Berlin zum Drehkreuz seiner Airline machen will, kündigte sich bereits im Jahr 2008 an, als die Flughafengesellschaft in Tegel das Terminal C für Air Berlin ausbauen ließ und neue Parkpositionen für Langstreckenflugzeuge wie den A330 schuf.

Im März 2010 folgte dann der nächste Schritt in der Strategie der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. Anlässlich der Internationalen Tourismusbörse verkündete Hunold, Berlin zum Drehkreuz von Air Berlin auszubauen. 6000 Umsteigeverbindungen und damit doppelt soviel wie 2008 werde Air Berlin pro Woche realisieren. Um dies zu erreichen, werden täglich in sechs „Wellen“ bis zu 22 Flugzeuge eingesetzt. Flüge in Ost-West-Richtung und zwischen Nord- und Südeuropa werden in den „Wellen“ zusammengeführt, sodass bequeme Umsteigemöglichkeiten geschaffen werden.

„Seit Beginn des Drehkreuzaufbaus im Mai dieses Jahres hat sich die Zahl der Passagiere, die das Air-Berlin-Drehkreuz in Tegel zum Umsteigen nutzen, verdoppelt“, teilte Flughafenchef Rainer Schwarz erst kürzlich mit. Und: Air Berlin sei schon heute die stärkste Airline auf den Berliner Flughäfen.

Den vorerst letzten Coup landete Air-Berlin-Chef Hunold in der vergangenen Woche, als er zufrieden und voller Zuversicht die Mitgliedschaft in der Airlines-Allianz „Oneworld“ im Berliner Interconti verkünden konnte. Hunold kann jetzt mit Oneworld-Mitgliedern wie der Fluggesellschaft American Airlines oder Finnair kooperieren, Buchungen und Anschlussflüge aufeinander abstimmen. Der Vorteil für Fluggäste aus Berlin liegt auf der Hand. Die Zahl der Ziele, die mit Air Berlin erreicht werden können, erhöht sich. So können Passagiere, die vom Winterflugplan an etwa mit Air Berlin nach Miami fliegen, dort das Drehkreuz von American Airlines nutzen und im Anschluss deren Verbindungen nach Mittelamerika nutzen.

Und was tut die Lufthansa? Mitte Juli kündigte das Unternehmen an, ihre Kapazitäten in Berlin zu verstärken und einen millionenschweren Wartungshangar am neuen BBI zu bauen. Eine Erfolgsmeldung für Berlin wie Konkurrent und Air-Berlin-Chef Joachim Hunold sie verkündet hatte, konnte Mayrhuber nicht vermelden. Im Gegenteil: Die Zahl der Strecken, die die klassische Lufthansa von Berlin anfliegt, nimmt seit Jahren ab. Mittlerweile fliegen Lufthansa Classic und Lufthansa regional gerade einmal acht Ziele von Berlin an, ins Ausland nur nach Moskau und Paris. Der Rest sind innerdeutsche Verbindungen und vor allem Zubringerflüge in die Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt und München. Spricht man den Berliner Konzernbevollmächtigten Thomas Kropp auf die wenigen Strecken an, verweist er auf die weiteren 18 Ziele der zum Konzern gehörenden Airlines wie Swiss (Zürich), British Midlands International (London), Austrian Airlines (Wien) Brussels Airlines (Brüssel) und der Billigflieger Germanwings und Sunexpress. „Die Lufthansa lässt eben andere fliegen. Das aber läuft alles unter der Dachmarke Lufthansa. Wir sind hier massiv aufgestellt. Wir fahren nur eine andere Marktstrategie“, sagt Lufthansa-Repräsentant Kropp. „Während Air Berlin die dba und LTU gekauft hat und sie nun unter Air Berlin laufen lässt, hat sich Lufthansa Classic zugunsten seiner Partner aus dem Markt zurückgezogen.“

Die Anzahl der Ziele, vergleicht man Lufthansa und ihre Konzern-Airlines mit Air Berlin, zeigt deutlich die Wirklichkeit. 26 Ziele des Lufthansa-Konzerns stehen 67 von Air Berlin gegenüber. Auch bei den Frequenzen steht Air Berlin (668 pro Woche), wenn auch nur mit geringem Abstand, vor der Lufthansa (646 pro Woche).

So bleibt also bei der Lufthansa für den Berliner Markt bis auf Weiteres alles wie gehabt. Auf eine direkte Langstreckenverbindung muss die Hauptstadt weiterhin warten. Nach wie vor gilt, was Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber und Thomas Kropp seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen. Berlin sei ökonomisch noch zu schwach aufgestellt. Das Aufkommen an Geschäftsreisenden zu gering, um ein Langstreckenflugzeug zu füllen. Dass seit fünf Jahren Continental und Delta Airlines täglich von Tegel aus nach New York fliegen, ignoriert Lufthansa offenbar als Beweis für das Gegenteil.

„Wir sind ja erst wieder seit 20 Jahren in Berlin und haben in Berlin keine Poleposition“, hatte Mayrhuber erneut beim Richtfest für den BBI Anfang Mai gesagt. Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatten Mayrhuber aufgefordert, doch „jetzt die Chance zu ergreifen“ und „die Liebe zu den Drehkreuzen Franfurt und München doch mit Berlin zu teilen“. Mayrhuber lachte.