Als Angela Merkel den Startknopf für das Auto des 21. Jahrhunderts drückte, passierte nichts. Die umstehenden Führungskräfte der Automobilbranche gaben der Bundeskanzlerin gute Ratschläge, dann erhellte sich plötzlich das Logo der „Nationalen Plattform Elektromobilität“. Der leicht verzögerte Start war ein passendes Sinnbild sowohl für den Rückstand Deutschlands bei dieser Technologie als auch für den langen Weg, den Elektroautos bis zum Massenprodukt noch vor sich haben.

Regierung und Industrie übten am Montag bei einem Treffen in Berliner Repräsentanz der Deutschen Telekom vor 400 geladenen Gästen den Schulterschluss beim Thema Elektroauto. Merkel rief die Industrie auf, in einer gemeinsamen Kraftanstrengung die Entwicklung voranzutreiben. Deutschland habe die Entwicklung des Automobils im 20. Jahrhundert stark mitbestimmt und daraus solle „der Ehrgeiz, aber auch die Zuversicht erwachsen“, dass dies auch für das 21. Jahrhundert möglich sei.

Erste Schritte vereinbarten die Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche (Daimler), Norbert Reithofer (BMW), Martin Winterkorn (VW) sowie Opel-Chef Nick Reilly und Ford-Deutschlandchef Bernhard Mattes in einem Gespräch, das die Bundeskanzlerin selbst moderierte. Dabei erklärten sich die Spitzenmanager beispielsweise dazu bereit, die Forschung bei der Elektromobilität und beim Ausbau einer Infrastruktur mit Ladestationen voranzutreiben. Gemeinsam mit der Regierung soll durch Ausbildung und Weiterbildung ein Fachkräftemangel verhindert werden.

Der Zusammenschluss von Politik und Wirtschaft soll in sieben Arbeitsgruppen eine Strategie für die Entwicklung von Elektroautos entwerfen, um die Elektromobilität marktfähig zu machen. Als gemeinsames Ziel wurde erklärt, bis 2020 mindestens eine Million Elektroautos auf die Straßen zu bringen. Dies gilt als sehr ehrgeizig. Die Batterien sind noch nicht leistungsfähig genug, sie sind zu schwer und viel zu teuer. Zur Zeit fahren hierzulande gerade mal 1600 Elektroautos. „Wir werden künftig auf drei Hochzeiten tanzen: Wir müssen Autos leichter und den Verbrennungsmotor effizienter machen sowie das Elektroautos vorantreiben. Fördermittel des Staates sind dabei nicht entscheidend. Das unternehmerische Risiko kann uns niemand abnehmen“, sagte Audi-Chef Rupert Stadler.

Die Konzernchefs Zetsche und Reithofer wehrten sich dagegen, die Hersteller hätten die Entwicklung alternativer Antriebe schleifen lassen. Es sei mittlerweile eine Art Volkssport, der Autoindustrie „Schlafmützigkeit“ vorzuwerfen, sagte Zetsche. „Der Zeitplan, den sich die Plattform gesetzt hat, ist ehrgeizig. Aber wir können es schaffen, die eine Millionen Elektroautos auf die Straßen zu bringen“, sagte Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber Morgenpost Online. Er ist einer der beiden Vorsitzenden derArbeitsgruppe „Batterietechnologie“.

Klaus Draeger, BMW-Entwicklungsvorstand und einer der beiden Leiter der Arbeitsgruppe „Rahmenbedingungen“ der Nationalen Plattform, findet es zunächst entscheidend, dass alle Beteiligten an einen Tisch gekommen sind. „Wichtig ist es jetzt, dass verbindliche Standards gesetzt werden: bei der Energiezufuhr für die Autos und dem Thema Sicherheit. Dass dabei alle Automobilhersteller gemeinsam eine Lösung erarbeiten, macht keinen Sinn. Wir brauchen Wettbewerb“ sagte Opel-Chef Nick Reilly Morgenpost Online.

VDA-Präsident Matthias Wissmann hält die Entwicklung der Speichertechnologie für entscheidend. Die nötigen Technologien sollten nicht im Ausland gekauft werden müssen: „Ziel muss es sein, dass zumindest der wichtigste Anteil neuer Batterien bei uns hergestellt wird.“ Laut IG-Metall-Chef Berthold Huber muss es dafür eine Welle von Um- und Neuqualifizierungen geben.

Opposition und Umweltverbände übten heftige Kritik an der Initiative. SPD-Fraktionsvizechef Florian Pronold, nannte den Gipfel eine „Showveranstaltung“, bei der die Interessen der Verbraucher unberücksichtigt blieben. Mit diesem Argument hatte auch der ADAC seine Teilnahme abgesagt. Statt Strategie einer zur Elektromobilität hätten Wirtschaft und Regierung eine „Mega-Inszenierung ohne Substanz mit viel unverdientem Selbstlob“ dargeboten, kritisierte der Verkehrsausschuss-Vorsitzende Winfried Hermann (Grüne). Es habe keine „zusätzlichen Forschungsmittel, keine Kaufprämie, keine Verpflichtung der Autoindustrie eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straße zu bringen“ gegeben.

Der E-Gipfel wurde von der Griechenlandhilfe überschattet. Die Minister Rainer Brüderle (Wirtschaft) und Annette Schavan (Forschung) mussten das Podium früh verlassen, um an der Sondersitzung des Kabinetts teilzunehmen. Nur Verkehrsminister Peter Ramsauer hatte die Erlaubnis von Merkel, bis zum Schluss zu bleiben.