Der von der Bundesregierung geplante Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland könnte mittelfristig an fehlenden Stromspeichern scheitern. Diese Gefahr ergibt sich aus einer Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), die Morgenpost Online exklusiv vorliegt.
Der Untersuchung zufolge, muss die Kapazität der heute verfügbaren Speicher bis zum Jahr 2025 mindestens vervierfacht werden, um das schwankende Angebot von Wind- und Solarstrom dann noch ausgleichen zu können. „Wenn die Integration fluktuierender Energien in das Stromnetz nicht sichergestellt ist, wird das Wachstum von Wind- und Sonnenenergie bald an seine Grenzen stoßen“, warnte BCG-Geschäftsführer Holger Rubel. „Die Politik ist sich dieses Problems noch kaum bewusst.“
Laut BCG-Studie lag der Anteil von Wind- und Photovoltaik-Energie in Deutschland 2008 bei rund einem Fünftel der installierten Gesamtkapazität. Bis zum Jahr 2025 werde sich dieser Wert aber auf 44 Prozent mehr als verdoppeln. Um Netzzusammenbrüche und Stromausfälle zu verhindern, brauche man 2025 deshalb „Ausgleichsleistung“ von bis zu 28 Gigawatt, auf die man etwa im Falle einer plötzlichen Windflaute zurückgreifen kann. Zum Vergleich: Die 17 deutschen Atomkraftwerke haben zusammen „nur“ eine installierte Leistung von rund 20 Gigawatt. Zur Verfügung stünden heute jedoch lediglich Speicherkapazitäten von sieben Gigawatt – vor allem in Form von Pumpspeicher-Kraftwerken.
Bislang könne man die wetterbedingten Produktionsschwankungen noch mit Hilfe konventioneller Kraftwerke und des überregionalen Stromverbundes ausgleichen, heißt es in der Studie. „Mit einem zunehmenden Anteil fluktuierender Energien am Energiemix werden diese Maßnahmen allein jedoch nicht mehr ausreichen.“
So werde der europäische Bedarf an Ausgleichsleistung bis 2025 auf 100 Gigawatt geschätzt. Um die Schwankung der Windkraft ausgleichen zu können, müsse man dann kurzfristig 150 Terawattstunden aus Speichern bereitstellen, so die Studie: „Dies sind mehr als fünf Prozent des jährlichen Elektrizitätsbedarfs in Europa.“
Dass die nötigen Stromspeicher tatsächlich entwickelt und gebaut werden, sei allerdings nicht absehbar, sagte Studien-Autor Rubel: „Momentan rechnet es sich nicht, massiv in die Entwicklung von Energiespeichern zu investieren.“
Um zu gewährleisten, dass die staatlichen Ziele für die erneuerbaren Energien auch erreicht werden, seien deshalb „Anreize und Subventionen erforderlich“, so Rubel. Denkbar seien Investitionshilfen. Auch garantierte Einspeisetarife nach dem Vorbild des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes und Aufpreise für gespeicherte Energie seien mögliche Varianten.
„Die Politik ist sich des Problems noch kaum bewusst“, sagte BCG-Experte Rubel. „Aber schon bald wird sich die Politik die Frage stellen müssen, ob man die Subventionen für die Erzeugung erneuerbarer Energien nicht in die Speichertechnologien umlenken muss.“
Die derzeit diskutierten Lösungen, etwa die Batterien von Elektroautos als Strom-Zwischenspeicher zu nutzen, würden überschätzt, warnte Rubel. Dass bis 2025 auf diese Weise ausreichend Speicherkapazität zur Verfügung stehe werde, sei äußerst unwahrscheinlich. Auch die norwegische Wasserkraftwerke als „Puffer“ für das schwankende Windkraftaufkommen zu nutzen, sei äußerst problematisch. Denn wetterbedingt führten die norwegischen Flussläufe und Seen besonders dann viel Wasser, wenn auch viel Windkraft anfalle. Als Zwischenspeicher für Strom seien die Wasserkraftwerke damit kaum noch zu gebrauchen.
„Die heute verfügbaren Speichertechnologien können lediglich über einige Stunden hinweg Ausgleichsenergie bereit stellen“, warnte Rubel: „Technologien, mit denen wir etwa eine mehrtägige Windflaute ausgleichen könnten, stehen noch überhaupt nicht zur Verfügung.“
Auch Deutschlands größter Stromproduzent, die RWE Power AG, sieht das Problem. Das Unternehmen hat in einer vergleichbaren Untersuchung ermittelt, wie viel Speicherkapazität nötig wäre, um im Jahre 2030 eine einwöchige Windflaute auszugleichen. Denn nach den offiziellen Ausbau-Prognosen der Bundesregierung würden in diesem Jahr 60.000 Megawatt installierte Windkraftleistung rund 163.000 Gigawattstunden Strom produzieren.
Laut RWE Berechnungen müssten im Jahre 2030 rund 2820 Milliarden Kilowattstunden (2820 Gigawattstunden) aus Speichern bereitgestellt werden, wenn die Windkraft eine Woche lang wegen Flaute größtenteils ausfällt. Das ist das 70-fache der heute verfügbaren Kapazität an Pumpspeicher-Kraftwerken in Deutschland.




