Metro hat sich schon vor Wochen als Kandidat zur Übernahme der Karstadt-Kaufhäuser ins Spiel gebracht. Die könnten mit den eigenen Kaufhof-Filialen verschmolzen werden. Mit der Idee erntete Metro Widerspruch. Finanzchef Thomas Unger erklärt im Interview, warum sie gerade nach der EU-Entscheidung gegen Subventionen für den Konkurrenten sinnvoll ist.

Morgenpost Online: Die EU-Kommission hat erklärt, dass Arcandor keine Bürgschaft aus dem Rettungsfonds bekommen soll. Ist damit der Weg für die von Ihnen favorisierte Deutsche Warenhaus AG frei?

Thomas Unger: Das bestätigt unsere Position, dass man die Verluste von Arcandor nicht sozialisieren darf. Es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit die Risiken unternehmerischen Handels aufgebürdet bekommt. Denn dieses Unternehmen hatte schon vor der Finanzkrise große strukturelle Probleme. Eine Bürgschaft würde zudem den Wettbewerb massiv verzerren. Die Arcandor-Eigentümer sind offenbar nicht bereit, ihr Unternehmen mit ausreichend eigenem Geld zu stützen. Deshalb hat die Metro Group mit der Warenhaus AG ein Rettungskonzept vorgestellt, das den Steuerzahler heraushält und zudem zukunftsfähige Strukturen für die Warenhäuser in Deutschland schafft. Wir befinden uns jetzt im Gespräch mit der Politik über die Ausgestaltung einer solchen Warenhaus AG.

Morgenpost Online: Arcandor behauptet, Sie wollen nur billig an die besten Karstadt-Häuser.

Unger: Das ist Unsinn. Wir planen keine Leichenfledderei und spekulieren auch nicht auf eine Insolvenz von Arcandor. Wir wollen kein einziges Haus schließen, das Geld verdient. Dass wir das Warenhausgeschäft drehen können, haben wir bewiesen. So haben wir 2002 in Belgien Warenhäuser übernommen, die Verluste schrieben. Heute laufen sie hervorragend. Galeria Kaufhof insgesamt hat über die vergangenen vier Jahre den Gewinn stetig gesteigert. Bei den Verbrauchermärkten haben wir die deutschen Wal-Mart-Filialen erfolgreich in unsere Real-Kette integriert.

Morgenpost Online: Wie weit sind denn Ihre Vorbereitungen für die Warenhaus AG?

Unger: Wir haben uns die Karstadt-Häuser - so gut wie das von außen möglich ist - angeschaut. Und wir sind sicher, dass wir von den 90 Häusern 60 übernehmen und in unser Galeria-Kaufhof-Konzept integrieren können. In 92 Städten gibt es entweder einen Kaufhof oder einen Karstadt, da würde sich zunächst einmal gar nichts ändern. Alles andere muss man sich im Detail anschauen. Sicher aber ist: Unser Konzept stellt sicher, dass wir dem weit überwiegenden Teil der Karstadt-Beschäftigten eine gesicherte Zukunft geben.

Morgenpost Online: Und was ist mit den 30 übrigen Standorten und deren Mitarbeitern?

Unger: Die würden doch nicht alle arbeitslos, wie immer wieder behauptet wird. Es geht um rund 4000 Vollzeitarbeitarbeitsplätze bei Karstadt. Da viele Beschäftigte nur Teilzeit arbeiten, reden wir aber über mehr als 4000 Menschen. Wir haben selbstverständlich schon mal vorgefühlt: Es gibt Interesse einer ganzen Reihe von Handelsketten an den Häusern. Unsere eigene Elektronik-Handelskette Saturn gehört dazu. Sicherlich sind die Häuser auch für die großen Textilketten, Projektentwickler, vielleicht auch Einkaufscenterbetreiber interessant. In jeder neuen Form der Nutzung würden immer auch erfahrene Handelsmitarbeiter gebraucht. Und das wäre eine Chance für frühere Karstadt-Beschäftigte. Das Gerede vom „Blutbad“ ist vollkommener Unsinn.

Morgenpost Online: Wie schnell ließe sich das Konzept umsetzen?

Unger: Wir brauchen zunächst einmal Einblicke in die Bilanzen der einzelnen Häuser, um genau zu wissen, welcher Standort wie viel verdient oder verliert. Dann kann es schnell gehen. Für die erste Prüfung brauchen wir vielleicht einen Monat.

Morgenpost Online: Sollte Arcandor die Bürgschaften nicht bekommen und seine Banken bis zum 12. Juni die Kredite nicht verlängern, könnte Mitte Juli die Warenhaus AG stehen?

Unger: Ganz so schnell nicht. Aber Ende Juli könnte das erste Gerüst der Deutsche Warenhaus AG stehen.

Morgenpost Online: Und was sind Sie bereit, für die Warenhaus AG zu investieren?

Unger: Wir sprechen bei Karstadt von einem Unternehmen, das in den vergangenen vier Jahren im Schnitt rund 140 Millionen Euro Verluste eingefahren hat. Die Veröffentlichung der Ergebnisse des Frühjahrs-Quartals 2009 ist bereits zweimal verschoben worden – ich werte das nicht als Hinweis darauf, dass die Geschäfte dort jetzt plötzlich viel besser laufen.

Morgenpost Online: Sie wollen Karstadt umsonst?

Unger: Das haben wir nie gesagt. Da wir bisher nicht in die Bücher schauen konnten, können wir derzeit nichts über einen Kaufpreis sagen.

Morgenpost Online: Aber der Name Karstadt würde verschwinden. Es gäbe nur noch Kaufhof Galeria.

Unger: Dazu gibt es bislang keine Festlegung. Wir wissen um die Bedeutung und Tradition der Marke Karstadt, die von den Mitarbeitern über Jahrzehnte aufgebaut worden ist.

Morgenpost Online: Sie wollen nur eine Schwächephase von Karstadt ausnutzen?

Unger: Das ist keine Schwächephase, die vorbeigeht. Wir haben seit Jahren eine Konzentration der Warenhäuser in Deutschland, weil die Nachfrage nach dieser Handelsform nachlässt. 1995 gab es noch 590 Filialen von vier oder fünf Anbietern, jetzt sind es noch 270 von drei Anbietern - von denen Hertie mit 54 Häusern bereits abgewickelt wird. Warenhäuser haben in Deutschland einen Marktanteil von weniger als vier Prozent. In vielen anderen Ländern gibt es bereits nur noch einen einzigen Warenhauskonzern, warum sollte das in Deutschland anders sein?

Morgenpost Online: Mancher befürchtet ein Kaufhof-Monopol.

Unger: Das ist Unsinn. Sie werden jeden Artikel des Warenhauses auch in unzähligen anderen Geschäften kaufen können, und wenn es schlichte Dinge sind wie eine Bratpfanne. Der Großteil des Sortiments eines Warenhauses besteht aus Textilen. Und man kann ja nun wirklich nicht behaupten, dass es in diesem Bereich keinen Wettbewerb gibt.

Morgenpost Online: Was könnte Ihr Interesse an Karstadt zunichte machen?

Unger: Wir haben uns das sehr genau überlegt. Aber wenn wir Einblick in die Zahlen von Karstadt bekommen und die noch schlechter sind als erwartet, könnten Vorstand und Aufsichtsrat der Metro AG den Plan selbstverständlich ablehnen.

.

ddp/Reuters/lw