Die Debatte um die konjunkturellen Aussichten hat durchaus kafkaeske Züge. Der Überschwang über steigende Aktienkurse oder über „green shoots“, die frischen Triebe, ist gerade noch in aller Ohr, da wird mit neuen Zahlen über den Arbeitsmarkt in den USA oder mit den Revisionen der Zahlen für die Entwicklung der US-Konjunktur im Winter 2008/09 Eiswasser auf die Empfindungen der Konjunkturdiagnostiker geschüttet.

Während in Europa und in Amerika die Meldungen über die Lage gemischt sind, präsentieren die meisten größeren Volkswirtschaften Asiens rundherum günstige Zahlen. Australien meldet eine Stabilisierung im Immobilienbereich, Singapur stürmt nach einem desaströsen ersten Quartal im zweiten Quartal fast mit der gleichen positiven Rate voran. In China sind Auftragseingänge und Industrieproduktion im Aufwärtstrend. Auch in Japan wendet die Industrie ins Plus. Und Indien sieht – bis auf einen unzureichenden Konsum – eine klare Tendenz zur Befestigung des Wirtschaftswachstums. Eine Zuwachsrate von sechs Prozent für dieses Jahr scheint durchaus erreichbar. Und im nächsten Jahr sollte eine Steigerung des Sozialprodukts um sieben Prozent nicht außerhalb der Reichweite liegen.


Leider sind andere Länder Asiens eher ein Klotz am Bein der Weltwirtschaft, mindestens sind sie keine Motoren. So etwa sind die Länder, die faktisch die Werkbänke amerikanischer (oder japanischer) Unternehmen sind, mit ihren amerikanischen (oder japanischen) Müttern auf Gedeih und Verderb verbunden, das heißt, sie befinden sich derzeit in der Rezession. Dies trifft etwa für Malaysia oder Taiwan zu (und freilich auch für außerasiatische Länder wie zum Beispiel Mexiko). Die Abschwächung der Nachfrage ist durchaus dramatisch. Dies ist kein Wunder, bedenkt man, dass die Tochterfirmen in den Schwellenländern in so zyklischen Sektoren wie der Informationstechnologie und der Automobilwirtschaft tätig sind.

Ähnlich dramatische Rückgänge des Sozialprodukts gab es in Ländern, die man als Drehscheibe des Welthandels ansehen kann, so etwa Hongkong. Für diesen Teil Asiens ist aber wohl schon Entwarnung angesagt. Im zweiten Quartal ging es dort bereits wieder aufwärts. Freilich zeigen die Zahlen von den Fluggesellschaften und den Flugplätzen, dass wir das Tal der Tränen noch nicht verlassen haben. Noch immer sind – trotz Flugplanausdünnungen – die Ladefaktoren noch gedrückt.

Was hoffen lässt, ist die unternehmerische Initiative in einer Reihe von Ländern. Die Zuversicht in der strategischen Planung war kaum irgendwo so ausgeprägt wie in Indien. Die Unternehmer haben die zum Teil auch schmerzhaften Verluste bei Akquisitionen in Europa weggesteckt. Sie sind nun entschlossen, in Wachstumsfeldern anzugreifen. Dies betrifft nicht nur Automobilwirtschaft und Pharmazie, es gilt auch im Bereich von erneuerbaren Energien oder auch beim Ausbau der Infrastruktur. Ganz anders als in den USA oder Europa ist es beispielsweise in der Zementindustrie: Dort wird in moderne Anlagen investiert.

Aber Asien ist natürlich auch wegen der makroökonomischen Politik auf dem Wege, die Weltwirtschaft zu unterstützen. Das chinesische Stimulierungsprogramm hat einen Umfang von fast 15 Prozent des Sozialprodukts. Damit kann zwar nicht der Ausfall der Exporte in die USA kompensiert werden, aber eine beträchtliche Dämpfung des Rückgangs der Wachstumsrate ist damit erzielbar. China wird also 2009 mit wenigstens sieben Prozent wachsen – das ist mehr, als irgendjemand sonst vorzuweisen hat. Meine Sorge, dass der Rückgang des Stromverbrauchs im ersten Halbjahr 2009 eine Rezession auch in China widerspiegele, konnte mir durch die chinesischen Experten ausgeredet werden: Der Rückgang der Exporte und der Produktion von energieintensiv hergestelltem Stahl, Aluminium und Zement erklärt den Einbruch beim Stromverbrauchs. In China werden zwei Drittel des Stroms von der Schwerindustrie absorbiert.

Das gemessen am Sozialprodukt wichtigste Land Asiens, Japan, wird freilich nicht zum Retter für die Weltwirtschaft. Auch dort ist zwar der Rückgang von Nachfrage und Produktion zu Ende. Aber die Kräfte für eine Wende sind schwach. Die Geldpolitik hat – nach lange währender Nullzinspolitik – keine Stimulierungswirkung mehr; zudem sinkt in Japan das Preisniveau wieder deutlich. Die Finanzpolitik hat wegen der riesengroßen Staatsschuld nicht versucht, große Ankurbelungsprogramme auf den Weg zu bringen.


Zudem ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch die Aufwertung des Yen verschlechtert worden. Und jetzt wählt Japan Ende August. Eine Zeitenwende scheint sich anzubahnen. Die seit zwei Generationen regierende LDP wird die Wahl wohl verlieren; was nachfolgt, ist schwer einzuschätzen.

Somit dürfte die Unsicherheit zunehmen. Damit bleibt ein asiatischer Zylinder für die Konjunkturankurbelung kalt. Dennoch: Per Saldo wird uns durch Asien eine Stabilisierung, ja wohl sogar ein Erholungsprozess für die Weltwirtschaft beschert. Also doch: „Ex oriente lux“, aus dem Osten kommt das Licht!

Norbert Walter ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.