Verbrechen

Aufstand der Unternehmer gegen die Mafia

In Sizilien weigern sich immer mehr Firmenchefs, Schutzgeld zu zahlen – und zeigen die Erpresser sogar an. Die organisierte Kriminalität verliert dort an Einfluss. Andere Regionen Italiens können davon nur träumen. Der wirtschaftliche Schaden, den die Mafia mit dem Schutzgeld anrichtet, ist enorm.

Foto: kabel1 / obs

Der Besucher ist sehr gut gelaunt. Als er das Büro der Baufirma betritt, weiß er schon, dass der Unternehmer einen lukrativen Auftrag bekommen hat, etliche Kilometer Fahrradwege soll er bauen. 45.000 Euro verlangt der Mafioso, das sind drei Prozent des Auftragswertes. Der Ingenieur schüttelt den Kopf. „Das ist zu viel“, sagt er. „Dann muss ich meine Mitarbeiter entlassen. Das sind christliche Menschen, die arbeiten wie Du auch“, sagt er und fängt an zu handeln. Der Gangster zeigt ein Herz. „Wärst du glücklich mit 30.000?“, fragt er. Bei 25.000 Euro schlägt er schließlich ein und sagt: „Gott wird Dir helfen, das zu beschaffen.“

Dass eine Videokamera das Ganze filmt, erfährt er erst, als er schon im Gefängnis sitzt. Emilio Briamo heißt er. Der Bauingenieur hatte sich nach dem ersten Kontakt mit ihm an die Polizei gewandt. Der 46-jährige Briamo muss sich seit einer Woche wegen diverser Mafiavergehen verantworten. Es ist der jüngste von vielen Erfolgen der Polizei gegen die sizilianische Mafia.

Firmen werden ausgeschlossen

Eine Revolution ist im Gange auf der Insel. „Immer mehr Unternehmen erstatten Anzeige gegen die Mafia“, sagt Ivan Lo Bello, Chef des Unternehmerverbandes Confindustria in Sizilien. Er ruft die Mitglieder seines Verbandes auf, sich ein Beispiel am Bauunternehmer aus Palermo zu nehmen und Schluss mit der alten Praxis zu machen, Schutzgeld zu bezahlen. Und sie folgen ihm. In Palermo hat es in den vergangenen neun Monaten 36 Anzeigen gegeben. In der kleinen Stadt Gela waren es gar 90.

Der wirtschaftliche Schaden, den die Mafia mit dem Schutzgeld anrichtet, ist enorm. 80 Prozent der Geschäftsleute in Palermo zahlen einer Schätzung zufolge den „Pizzo“. Die monatlichen Beträge lagen im Mittel bei 500 Euro für ein Restaurant, bei 2031 Euro für ein Bauunternehmen, je nach Umsatz. Jährlich fließt so mindestens eine Milliarde Euro in die Kassen der Mafiafamilien. Siziliens schwache Wirtschaft kostet der Pizzo jährlich 1,3 Prozent Wachstum.


Unternehmerpräsident Lo Bello ist zum Symbol des Aufstands geworden, seit er im September des vergangenen Jahres angekündigt hat, keine Firmen in seinen Reihen mehr zu akzeptieren, die Schutzgeld bezahlen. Er hat gezeigt, dass er es ernst meint. Dutzende schon mussten den Verband verlassen. Allein in Agrigent hat der örtliche Verbandschef Giuseppe Catanzaro mehr als zehn Mitglieder ausgeschlossen. „Die wollten nicht kooperieren“, sagt Catanzaro. Er zeigte keine Gnade.

Der Unternehmerverband ist dabei, der Mafia das wertvollste Symbol ihrer Macht zu nehmen. „Mit dem Schutzgeld zeigt die Mafia, dass sie die Herrschaft über ein Gebiet ausübt“, sagt Lo Bello und wird grundsätzlich: Es sei Aufgabe der Gesellschaft, diese Macht zurückzuerobern. „Das ist eine Verantwortung, die man nicht an den Staat delegieren kann“, sagt er.

Mafiafreie Produkte im Laden

Nach Ansicht von Lo Bello sollen die Firmenchefs zeigen, auf welcher Seite sie stehen. Für die Mafia oder dagegen – dazwischen gibt es nichts für den Unternehmer. Und mittlerweile auch für viele andere, für immer mehr. In allen Teilen der Insel entstehen Initiativen, die der Mafia den Kampf ansagen. Eine Bewegung von Studenten etwa verteilt Gütesiegel an Unternehmen, die kein Schutzgeld zahlen. Wer sie kauft, unterstützt damit die couragierten Unternehmer. In Palermo betreibt eine Initiative einen Supermarkt für mafiafreie Produkte. Vereine gründen sich, die Unternehmer dazu ermutigen, gegen die Mafia vorzugehen. Im Mai gaben der Einzelhändlerverband Confesercenti, Behörden und Antimafia-Initiativen eine Broschüre heraus. „Jetzt ist es möglich, sich vom Schutzgeld zu befreien!“, schreiben sie. Auf neun Seiten geben sie Tipps und nennen Ansprechpartner für die Beratung.

Die derzeitige Schwäche der Mafia hilft ihnen. Die Polizei setzt der organisierten Kriminalität immer mehr zu. Im vergangenen November ging ihr der Boss Salvatore Lo Piccolo ins Netz – für die streng hierarchisch organisierte sizilianische Mafiaorganisation, die Cosa Nostra, ein schwerer Schlag. Sie wird in die Zange genommen von Behörden und dem endlich wahrnehmbaren Engagement der Zivilgesellschaft – und ihren verbrecherischen Schwesterorganisationen.

Die Cosa Nostra ist auf dem Rückzug. Schon längst operieren andere erfolgreicher, die Camorra in Kampanien und die ’Ndrangheta in Kalabrien auf dem süditalienischen Festland. Sie verdienen gut an Drogenhandel und Import gefälschter Luxusgüter, während die sizilianische Mafia in diesen lukrativen Geschäften weitgehend außen vor bleibt.

Mit jeder gelungenen Razzia setzt die Polizei der Mafia weiter zu. Und die Ermittler telefonieren die langen Listen ab, auf denen sich die Namen von erpressten Unternehmen befinden. „Viele Firmeninhaber trauen sich erst dann, ihre einstigen Erpresser anzuzeigen, wenn sie darauf angesprochen wurden“, sagt der Bauunternehmer Ugo Argiroffi.

Die Polizei fragt nach

Er weiß das aus eigener Erfahrung. Bei ihm klingelte Ende 2004 das Telefon. Ob er von der Mafia erpresst wurde, wollte der Polizist am anderen Ende der Leitung wissen. Argiroffi antwortete mit Ja. Wenig später erstattete er Anzeige. Die Mafiosi ließen sich seither nie mehr blicken. „Ich bin glücklich, dass ich damals von der Polizei angerufen wurde“, sagt er. „Ich hätte sonst weiter Schutzgeld bezahlt.“

Für die Unternehmer ist es heute sicherer geworden, ein Geständnis abzulegen. „Früher hat man sein Leben riskiert“, heißt es in der Broschüre der Anti-Mafia-Allianz. Der Unternehmer Lebero Grassi wurde 1991 von der Mafia erschossen, weil er sich gegen sie auflehnte. „Heute ist die Realität aber eine ganz andere“, verspricht die Allianz. Unternehmer, die ihre Erpresser anzeigen, könnten im Anschluss ein ganz normales Leben führen.

Das liegt daran, dass der Staat mittlerweile effektive Hilfe anbietet. Die Polizei installiert Kameras in den Geschäften, um die Inhaber vor Rachefeldzügen zu schützen. Und falls die Mafia doch Rache verüben sollte, meist in Form von Bränden oder Diebstählen, dann bieten staatliche Fonds den Geschädigten ihre Hilfe an. „Der Staat ist heute sehr präsent“, sagt Enrico Colaianni von der Unternehmervereinigung Libero Futuro. Vielen Mafiosi ist es mittlerweile zu gefährlich geworden, Schutzgeld einzutreiben. Denn sie wissen nie, ob die Polizei mithört.

Von solcher Sicherheit träumt man in der Region Kampanien noch, auf der anderen Seite der Meerenge von Messina. Umberto de Rose ist dort der Präsident des Confindustria-Verbandes. „Hier ist es noch zu gefährlich, die Mafia zu denunzieren“, berichtet er. Viele der Unternehmer, die es bislang doch getan haben, bereuten es schon wenig später. Denn die kalabrische Mafia ’Ndrangheta schickte Schlägerbanden, die Geschäfte anzündeten oder die Besitzer brutal verprügelten.

„Die Unternehmer haben keine andere Wahl als zu bezahlen“, sagt de Rose. Sie aus dem Verband auszuschließen hieße nur, sie noch weiter ins Abseits zu stellen. De Rose fordert stattdessen mehr Polizeipräsenz vor Ort und mehr Investitionen in die lokale Wirtschaft. „Wenn die Jugendlichen einen Arbeitsplatz haben, werden sie nicht mehr der Camorra hinterherlaufen“, sagt der Verbandschef.

Lo Bello weiß das selbst sehr gut. Er stammt aus einer Region, die traditionell von der Mafia gemieden wird. In seiner Heimatstadt Syrakus sitzen viele Firmen, die weltweit Geschäfte abwickeln. Für die archaisch organisierte Mafia bietet sich da kein Bezugspunkt. Sie müssen verstehen, was ein Betrieb macht, wenn sie Schutzgeld fordern wollen. Das sei bei Bauunternehmen, Arztpraxen oder Supermärkten der Fall. Eine Softwarefirma hingegen sieht Lo Bello schon wieder als immun gegen Schutzgeldforderungen an. Er besitzt selbst einen Hersteller von Babynahrung sowie ein internationales Ingenieurbüro. Nach seinen Angaben hat sich dort noch nie ein Mafioso blicken lassen.

Der Markt schwächt die Mafia

„Je mehr Markt man hat, desto mehr weicht die Mafia zurück“, sagt Lo Bello. Denn mit dem freien Markt würden neue Unternehmer an Einfluss gewinnen, die sich nicht von den Mafiosi gängeln ließen. Und die auch kein Interesse an einem anderen Aspekt des „Schutzes“ der Mafia hätten: den Bestand eines Monopols in ihrem jeweiligen Geschäftsfeld.

Lo Bello glaubt fest daran, dass sich der Markt nicht zurückhalten lässt. Und dass die Unternehmer den Kampf gewinnen werden. Er selbst führt ihn seit diesem Frühjahr in einer noch machtvolleren Position, als Chef des Banco di Sicilia, einer Tochter der Mailänder Großbank UniCredit. Wann genau die Herrschaft der Mafiafamilien über die Insel enden wird, das wisse er nicht, sagt er. Doch er ist sich sicher: „Wir sehen gerade den Anfang vom Ende der Mafia.“