Als gäbe es nicht schon genug schlechte Wirtschaftsnachrichten, verliert die deutsche Volkswirtschaft nun auch noch einen über Jahrzehnte hart erkämpften Platz: Nachdem die chinesische Regierung gestern ihr Wachstum für das Jahr 2007 nachträglich von 11,9 auf 13 Prozent nach oben korrigierte, hat das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut Analysten das deutsche knapp überflügelt. Damit verbannt China Deutschland auf den vierten Platz der größten Volkswirtschaften.
2008 wird Deutschland weiter an Boden verloren haben, was jedoch nicht nur auf das chinesische Wachstum zurückzuführen ist. Das Statistische Bundesamt gab gestern einen deutlichen Einbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2008 bekannt. In einer ersten Schätzung gehen die Wiesbadener Statistiker davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist. Damit lag der Anstieg leicht unter den Erwartungen führender Wirtschaftsinstitute, die mit einer Zunahme von 1,4 bis 1,5 Prozent gerechnet hatten. 2007 hatte es noch ein Plus von 2,5 Prozent gegeben, 2006 war die Wirtschaftsleistung sogar um drei Prozent gewachsen.
Grund für den Rückgang war vor allem eine zurückgehende Nachfrage aus dem Ausland, die sich in deutlich schwächeren Exporten niederschlug. „Das Wirtschaftswachstum wurde von den Bruttoinvestitionen und vom Staatskonsum getragen“, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamts, Roderich Egeler in Frankfurt. „Vom Außenhandel kamen keine Impulse.“
Im November waren die Exporte so stark eingebrochen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Auch die Auftragseingänge in der Industrie gingen massiv zurück. „Wir erleben eine dramatische Abschwächung, eine harte und brutale Rezession“, sagt Uni-Credit-Chefvolkswirt Andreas Rees. „Eine so drastische Abschwächung gab es in Deutschland noch nie“, sagt auch Konjunkturforscher Kai Carstensen vom Münchner Ifo-Institut.
Besonders das Jahresende 2008 reißt die Konjunktur in den Abgrund. Schätzungen des Statistischen Bundesamts gehen vom stärksten Konjunktureinbruch seit 21 Jahren aus, die Statistiker taxieren den Rückgang des BIPs im letzten Quartal 2008 auf 1,5 bis zwei Prozent.
Damit ist bereits im vergangenen Jahr die Wirtschaftsleistung in drei von vier Quartalen geschrumpft, nur in den ersten drei Monaten ging es aufwärts. Dennoch liegt das Jahreswachstum bei immerhin Plus 1,3 Prozent. Was zunächst paradox klingt, hat vor allem statistische Ursachen.
Um das BIP zu bestimmen, rechnen Konjunkturforscher alle Waren zusammen, die in Deutschland in einem Jahr hergestellt werden. Diese Zahl vergleichen sie dann mit der Produktion aus dem Vorjahr. Wurde mehr produziert, ist das BIP prozentuell gestiegen.
Anfang 2008 lag die Konjunktur noch auf einem überraschend starken Wachstumspfad. Im zweiten Quartal 2008 sank die Wirtschaftskraft gegenüber den ersten drei Monaten jedoch, danach ging es weiter bergab. Das Entscheidende: Da die Konjunktur am Jahresanfang gut lief und von einem hohen Niveau sank, war das durchschnittliche Jahreswachstum im Vergleich zum Vorjahr dennoch positiv.
Den umgekehrten Fall erleben wir jetzt für das Jahr 2009, in das die deutsche Wirtschaft mit einer schweren Hypothek geht: Nun startet die Konjunktur von einem extrem niedrigen Ausgangsniveau, das deutlich unter dem durchschnittlichen Wachstum von 2008 liegt. Das bedeutet konkret: Selbst wenn sich die Konjunktur ab Mitte des Jahres wieder erholen sollte, wird das Wirtschaftswachstum über das Jahr gerechnet im Minus liegen. Sollte die Wirtschaft 2009 über alle vier Quartale stagnieren, schrumpft das BIP trotzdem um 1,5 Prozent. Experten nennen diesen Effekt „statistischen Unterhang“.
Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass die deutsche Wirtschaft unter solch schlechten Vorzeichen in ein neues Jahr startet. Wie schlimm es wirklich wird, darüber gehen die Meinungen bei den Wirtschaftsexperten weit auseinander: Am pessimistischen ist derzeit die Deutsche Bank, die einen Einbruch von vier Prozent für möglich hält. Chefvolkswirt Norbert Walter beziffert die Wahrscheinlichkeit mittlerweile auf 50 Prozent. Zu den Optimisten zählt dagegen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das nur mit einem Rückgang von 1,1 Prozent rechnet. „Der Beginn des Jahres wird zwar desaströs sein“, sagt DIW-Konjunkturexperte Christian Dreger. „Ab Mitte 2009 wird es aber wieder aufwärts gehen.“ Die Stabilisierung des privaten Verbrauchs, ausgelöst durch die niedrigen Preissteigerungen, werde der Rezession entgegenwirken. Auch die expansive Geldpolitik und die Konjunkturprogramme im In- und Ausland würden laut Dreger in der zweiten Jahreshälfte ihre Wirkung entfalten. Impulse erhofft er sich dabei insbesondere vom großen chinesischen Konjunkturpaket.
Ein ähnliches Szenario prognostiziert auch das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). „Der Tiefpunkt der Rezession war Ende 2008 erreicht, aber ab Mitte 2009 wird eine Phase der Stagnation eintreten“, sagt HWWI-Experte Michael Bräuninger.
Andere sind nicht so optimistisch. Das Ifo-Institut etwa rechnet für 2009 mit einem Rückgang des BIPs um 2,2 Prozent. „Die Industrieproduktion und die Aufträge sind im vierten Quartal 2008 noch stärker abgestürzt als befürchtet“, sagt Carstensen. Alle Konjunkturindikatoren zeigten nur eine Richtung: Nach unten. Das Ifo-Institut ist bislang das Einzige, das auch für 2010 einen leichten Rückgang des BIP prognostiziert.
Treffen wird die Rezession laut DIW-Experte Dreger besonders hart die exportintensiven Branchen. Die Exporte tragen inzwischen fast zur Hälfte des deutschen BIPs bei. Geht es der Weltwirtschaft schlecht, trifft dies die deutsche Volkswirtschaft deshalb besonders. Zu spüren bekommen dies insbesondere die Automobil- und Chemieindustrie oder unternehmensnahe Dienstleister.
Selbst der über Jahre boomende Maschinenbau musste seine Prognosen revidieren. Eigentlich war die Branche für 2009 von stagnierenden Umsätzen ausgegangen. Gestern gab der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebauer (VDMA) jedoch bekannt, dass im November die Auftragseingänge gegenüber dem Vormonat um dramatische 30 Prozent zurückgingen.
Dennoch: Uni-Credit Volkswirt Rees sieht auch positive Signale für deutsche Wirtschaft. Die deutschen Unternehmen seien im internationalen Vergleich gut aufgestellt und könnten 2010 sogar als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Zunächst aber bleibe keine andere Möglichkeit, als die Konjunktur geschehen zu lassen. Die Möglichkeiten, sich gegen die Krise zu stemmen seien mit der Verbschiedung des zweiten Konjunkturpakets erschöpft. „Jetzt hilft nur noch Augen zu und durch“, sagt der Volkswirt.
Sollte sich die Konjunktur tatsächlich im Laufe des Jahres erholen, könnte Deutschland zumindest einen Titel gegen die chinesische Wirtschaft behaupten: Den des Exportweltmeisters. Schon 2008 hatten viele Experten geglaubt, China werde die Nase vorn haben, Deutschland konnte jedoch knapp den ersten Platz behaupten. Für 2009 ist China wiederum in der Favoritenrolle, es wird aber ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet.



