Zuerst die gute Nachricht: Die Zahl der überschuldeten Deutschen ist im laufenden Jahr gesunken. Wegen der lange Zeit guten Konjunkturentwicklung und die gesunkene Arbeitslosenzahl ging die Quote von 10,85 Prozent auf 10,11 Prozent zurück. Mithin hat immer noch jeder Zehnte ein schweres Schuldenproblem – insgesamt 6,9 Millionen Deutsche. Immerhin 470.000 Verbraucher hatten sich aus der Schuldenfalle befreien können. Und jetzt die schlechte Nachricht: „Ich fürchte, wir haben es hier nur mit einem Strohfeuer und nicht mit einer nachhaltigen Entspannung zu tun. Wegen der Finanzmarktkrise ist zu befürchten, dass es in den nächsten zwei Jahren zu einer neuen Überschuldungswelle kommen wird“, sagte Helmut Rödl, Chef der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die Organisation stellte zum sechsten Mal den „Schuldneratlas Deutschland“ vor.
Danach ist klar: Sinkt die Zahl der Arbeitslosen, reduziert sich auch die Zahl der Überschuldeten – und umgekehrt. Als überschuldet gelten danach Personen, die auf Dauer jeden Monat höhere Ausgaben und Zahlungsverpflichtungen als Einnahmen haben. Stichtag für die Untersuchung war der 1. Oktober.
Wie gehabt ist die Schuldenwelt im Süden noch einigermaßen in Ordnung: Nur 7,2 Prozent der Bayern gelten als überschuldet. Es folgen die Baden-Württemberger mit 7,65 Prozent. Schlusslicht sind die Bremer: Mit 14,7 Prozent ist der Wert bei ihnen fast doppelt so hoch wie in den Musterländern. Noch größer ist die Spannbreite, wenn man sich die Städte und Kreise anschaut: Die Stadt Offenbach weist mehr als 19 Prozent oder 18.600 Überschuldete aus, das bayerische Eichstätt dagegen nur vier Prozent – oder 3900 Eichstätter. Die größten Verbesserungen erzielten Frankfurt/Oder, Ostprignitz-Ruppin, Weimar und Flensburg, die ihre Quoten jeweils um mehr als zwei Prozent drücken konnten.
Ost- und West-Deutschland nähern sich an
Einen Unterschied zwischen Ost und West gibt es bei den Prozentsätzen praktisch nicht mehr. So sind mit Sachsen und Thüringen zwei Ost-Länder unter den besten vieren. In den neuen Ländern sank die Schuldnerzahl mit 1,17 Millionen sogar unter den Wert von 2004. Dieses Bild jedoch trügt – schließlich hat der Osten seither zahlreiche Einwohner verloren. In Westdeutschland können 5,7 Millionen Einwohner ihren finanziellen Verpflichtungen nicht oder nicht ausreichend nachkommen.
Berlin landet mit 13,96 Prozent auf dem vorletzten Platz, hinter Sachsen-Anhalt. Dennoch gibt es in der Hauptstadt – wie in allen Bundesländern – eine leichte Entspannung: Im Vorjahr hatte die Berlin-Quote noch über 15 Prozent gelegen. Für das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen reichte es mit 11,65 Prozent nur für Platz elf, Hamburg folgt mit 12,05 Prozent.
Städter sind besonders hoch verschuldet
Städter stehen nach der Untersuchung öfter überdurchschnittlich tief bei ihren Gläubigern in der Kreide als Landbewohner. So liegen die Großstädte Duisburg (16,29 Prozent), Berlin (13,96) und Düsseldorf (13,85) deutlich über dem Bundesschnitt der Schuldenmacher. Junge Leute bis 29 Jahren sowie Senioren sind häufiger gefährdet als Konsumenten im mittleren Alter.
Über die genaue Höhe der der Außenstände der Überschuldeten gibt es Schätzungen von 195 bis 252 Mrd. Euro – im Vorjahr lag der Wert zwischen 208 und 271 Mrd. Euro. Pro Kopf dürfte die Summe damit im Bereich von 30.000 Euro liegen.
„Fast sieben Millionen Überschuldete in einem Land wie Deutschland sind einfach zu viel“, kritisierte Rödl. Er forderte höhere Ausgaben für Bildung – auch zum Erlernen des Umgangs mit Geld. Zudem müssten die Schuldnerberatungsstellen besser ausgestattet werden. „Sie sind hoffungslos überlaufen“, so Rödl. Den Rückgang der Verbraucherinsolvenzen im ersten Halbjahr um 7,2 Prozent auf 48.500 Fälle will Rödl deshalb auch nicht als Entspannung gewertet wissen. Schließlich gebe es inzwischen Wartezeiten auf eine Beratung von bis zu acht Monaten – das verzerre die Statistik.
Creditreform teilte die Konsumenten für die Studie in Gruppen ein: Danach profitierten die „Hedonisten“ („die spaßorientierte moderne Unterschicht bzw. untere Mittelschicht“) besonders vom letzten Wirtschaftsaufschwung, was sie besonders zur Entschuldung nutzten. Auch die „Experimentalisten“ („finanzielle Vorsorge spielt kaum eine Rolle, Kredite sind aber von höchster Bedeutung“) und die „bürgerliche Mitte“ bauten deutlich Schulden ab. Die „DDR-Nostalgischen“ allerdings („typische Wende-Verlierer“) stehen jetzt noch mehr in den Miesen als im Vorjahr.
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es den Deutschen noch relativ gut geht. In den USA liegt die Überschuldungsquote mit 14,7 Prozent deutlich über dem deutschen Wert, in Großbritannien sind es mit 10,4 wenige Zehntel Prozentpunkte. Auf der Insel allerdings haben Großstädte wie Manchester oder Glasgow mit 28 Prozent sehr viel höhere Werte als deutsche Problemregionen. „In allen drei Ländern werden die Quoten im kommenden Jahr weiter steigen, in Deutschland allerdings am wenigsten“, meint Rödl. Denn hier seien die ökonomischen Rahmenbedingungen wie die Stabilität des Bruttoinlandsproduktes und der Arbeitslosenquote besser, die Sparquote höher.
dpa/ddp/Reuters/lw




