Carolin-Petra Hecker bleibt gelassen, wie immer. Obwohl morgen Feiertag ist und die Kassenschlange sekündlich wächst. Eben standen die Kunden noch bei den Zeitschriften, jetzt stoßen ihre Wagen schon ans Kaffeeregal. Hecker zieht unbeirrt die Ware über ihren Scanner immer zügig, nie hektisch. Selbst jetzt, sechs Stunden nach Schichtbeginn, lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen.
Vor elf Jahren hat sie im Supermarkt in Bonn-Kessenich angefangen, "eigentlich nur aushilfsweise“, erinnert sich die 43-jährige Blondine. Doch sie ist geblieben, vielleicht auch, weil der Job so gut zu ihr passt. Zeitdruck? Nein, damit hätte sie nie Probleme gehabt. „Schon meine Klassenkameraden haben mich immer gefragt: Wie kannst du so locker sein?“, sagt Hecker, während sie einer älteren Dame das Wechselgeld reicht.
Für fast ein Drittel aller deutschen Arbeitnehmer gehört Zeitdruck inzwischen zum Alltag. Das ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Jahr 2002. Interessanter Weise scheinen jedoch immer nur die anderen gestresst zu sein: 81 Prozent aller Befragten glauben nämlich, dass die Menschen in ihrer Umwelt unter Stress stehen. Fragt man die Betroffenen dagegen selbst, geben sie sich deutlich entspannter. Nur jeder vierte Manager zum Beispiel bezeichnet sich selbst als gestresst.
In einigen Berufen gehört der Zeitdruck natürlich einfach dazu. Bei Marion Hasfeld zum Beispiel: Die 28-Jährige arbeitet als Fluglotsin bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Langen. Zeitdruck bedeutet bei ihr: Die Wand vor ihrem Arbeitsplatz füllt sich mit kleinen Papierstreifen, auf denen die Koordinaten der Maschinen stehen, die sie durch den deutschen Luftraum dirigieren muss. Bis zu 30 Flugzeuge können es zu Stoßzeiten sein; trotz Flugplänen ist der Ansturm nicht planbar. Vor allem im so genannten bodennahen Bereich, wo sich Kleinflugzeuge und Militär tummeln, kann es plötzlich hoch hergehen. „Es gibt einfach Momente, in denen der ganze Verkehr auf einmal kommt“, sagt Hasfeld. Ihre Gegenstrategie? Soweit möglich die nächsten vier Landungen im Kopf vorplanen und wenn das absolut nicht geht, am besten möglichst routiniert reagieren. Für Hasfeld, in der Freizeit passionierte Computerspielerin, ist das kein Problem, für so manchen Bewerber bei der DFS allerdings schon: „90 bis 95 Prozent fallen in der Aufnahmeprüfung durch“, berichtet Hasfeld, „Reaktionsfähigkeit kann man eben nicht trainieren.“
Extremer Zeitdruck gehört auch für Thomas Kral, Neurochirurg am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, zum Arbeitsalltag. Jeder fünfte seiner Patienten ist ein Notfall, ein Mensch, der sich an Gehirn oder Rückenmark verletzt hat und nicht selten in akuter Lebensgefahr schwebt.
Zeitdruck lässt sich in seinem Job auf eine einfache Faustformel bringen: „Jede Minute kostet ein Schuljahr“, erklärt Kral. Das heißt: Je langsamer er handelt, desto stärker ist der Patient später in seiner geistigen Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
Wie hält man diesem Druck stand? „Wichtig ist, sich nicht ablenken zu lassen und statt dessen den Blick fürs Wesentliche zu behalten“, erläutert der 47-Jährige, „man muss zum Beispiel möglichst schnell erkennen können, welche Verletzungen in den eigenen Bereich fallen und welche von den Kollegen behandeln werden müssen“. Diese Fähigkeit zur Priorisierung würde in der Ausbildung antrainiert, so der Chirurg. Für nicht erlernbar dagegen hält Kral die allgemeine Fähigkeit, hohem Druck standzuhalten. Mit dem täglichen Kampf gegen die Uhr und damit letzten Endes auch gegen den Tod käme so mancher junge Arzt nicht zurecht, weiß der erfahrene Mediziner.
Kassierer, Fluglotsen und Gehirnchirurgen sind allerdings eine Ausnahme. Die meisten Arbeitnehmer stehen nämlich gar nicht unter Zeitdruck, oder besser gesagt: Sie bräuchten sich eigentlich gar nicht zu beeilen. Das zumindest meint der Zeitmanagement-Experte Lothar Seiwert: „Das Dringende ist in den seltensten Fällen auch wichtig“, betont der Autor des Bestsellers „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“. Er schätzt, dass Angestellte über die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Aufgaben verbringen, die das Label ‚dringend’ völlig zu unrecht tragen.
Und wie können Angestellte bei unvermeidbarem Zeitdruck reagieren, beispielsweise, wenn der Chef kurzfristig eine Dienstreise ansetzt, obwohl der Schreibtisch noch rappelvoll ist? In solchen Situationen sei vor allem Besonnenheit gefragt, erläutert Seiwert: „Überlegen Sie zuerst, wie Sie die Zeit bis zur Abfahrt am besten nutzen können, denn Sie werden wahrscheinlich nicht alles schaffen.“ Völlig falsch sei dagegen, das Arbeitstempo einfach blind zu erhöhen. „Das ist, als ob man versucht, im Stau Vollgas zu geben.“





