Nach einem fast folgenlosen ersten Streiktag will die Gewerkschaft ver.di ihren Lufthansa-Streik ausweiten. Am Dienstag sollen zusätzlich Mitarbeiter auf den beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld sowie in Stuttgart und Nürnberg ihre Arbeit niederlegen. Am Montag blieben Reisende von den Folgen des Streiks von mehr als 4.000 Lufthansa-Beschäftigten weitgehend verschont: Bis zum Nachmittag gab es keine Flugausfälle, wie das Unternehmen mitteilte.
Ver.di erklärte, der Notfallplan koste das Unternehmen „richtig viel Geld“. Die Auswirkungen des ersten unbefristeten Ausstands beim Boden- und Servicepersonal seit 13 Jahren würden erst in den nächsten Tagen voll durchschlagen.
Laut ver.di beteiligten sich mehr als 4.000 Mitarbeiter aller Geschäftsfelder am Ausstand. Schwerpunkte waren das wichtigste Drehkreuz der Kranichlinie in Frankfurt am Main sowie Hamburg mit jeweils rund 1.500 Streikenden. „Wir rechnen damit, dass der Flugverkehr Mitte der Woche stärker und Ende der Woche massiv betroffen sein wird“, sagte der Hamburger ver.di-Fachbereichsleiter Dietmar Stretz.
Ver.di-Sprecher Harald Reutter sagte, die Gewerkschaft habe am Montag „ein erstes Etappenziel erreicht: Wir haben die Lufthansa gezwungen, viel Geld in die Hand zu nehmen, um den Flugplan aufrecht zu erhalten“. Er räumte ein: „Das haben sie geschafft.“ Ziel des Ausstands sei nicht, die Passagiere zu behindern, sondern wirtschaftlichen Druck aufzubauen. „Catering bei der Konkurrenz einzukaufen oder das Fluggerät in anderen Werften warten zu lassen, ist richtig teuer“, sagte Verhandlungsführer Erhard Ott.
Lufthansa-Konkurrent Air Berlin meldete spürbar gestiegene Buchungszahlen in den vergangenen Tagen. „Wo wir können, setzen wir größere Flugzeuge ein“, sagte Vorstandschef Joachim Hunold der „Bild“.
Ver.di fordert klare Signale und sieht LH am Zug
Laut Lufthansa starteten bis zum späten Nachmittag rund 1.200 der täglich 2.000 Flüge. Im Vergleich zu sonstigen Tagen habe es „keine Auffälligkeiten“ bei den Verspätungen gegeben. Zu den Kosten für die Notfallpläne äußerte sich ein Sprecher nicht.
Als Folge des Streiks beim Technikpersonal nimmt die Lufthansa am Dienstag neun Maschinen außer Betrieb. Die Flugzeuge seien nicht gewartet worden und könnten deshalb nicht wie geplant auf Europastrecken eingesetzt werden, teilte das Unternehmen am Montagabend mit. Die Zahl möglicher Flugausfälle stehe noch nicht fest. Insgesamt hat Lufthansa mehr als 500 Flugzeuge.
Ver.di fordert für die rund 50.000 Beschäftigten am Boden und in der Kabine 9,8 Prozent mehr Geld für ein Jahr. Die Lufthansa hat 7,7 Prozent für 21 Monate angeboten – inklusive einer Einmalzahlung - und vorgeschlagen, den Konflikt mit einem Schlichtungsverfahren zu lösen. Die Gewerkschaft erklärte, das entspreche einer Erhöhung von 3,8 Prozent auf zwölf Monate gerechnet.
Ver.di sei bereit, wieder zu verhandeln, wenn seitens der Lufthansa klare Signale kämen, sagte Ott. Nachdem das Management das jetzige Angebot als das Äußerste bezeichnet habe, sei es aber nun Sache der Lufthansa, sich zu bewegen. Konzernsprecher Klaus Walther wies ver.di die Schuld am Streik zu. „Ver.di hat den Verhandlungstisch verlassen“, sagte er. „Wir sind dialogbereit.“
Kritik an Bsirskes Funktion
Unterdessen gerät ver.di-Chef Frank Bsirske wegen seiner Doppelfunktion im Lufthansa-Streik in die Kritik. „Ich frage mich, wie man auf zwei Hochzeiten tanzen kann“, sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel dem „Münchner Merkur“. Wenn der Gewerkschaftsfunktionär Bsirske den stellvertretenden Lufthansa-Aufsichtsratschef Bsirske bestreikt, müsse man sich fragen, „ob die Struktur der gewerkschaftlichen Mitbestimmung in den großen Unternehmen so noch zukunftsfähig ist“. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) forderte Bsirske auf, seinen Lufthansa-Aufsichtsratsposten für die Dauer der Streiks ruhen zu lassen.
AP/dpa/cl





