Morgenpost Online: Herr Ehrmann, können Sie derzeit eigentlich ruhig schlafen?

Christian Ehrmann: Und wie. Warum fragen Sie?

Morgenpost Online: Die im Bundesverband der Deutschen Milchviehalter organisierten Bauern drohen mit Streik. Machen sie ernst, könnte auf einen Schlag die Hälfte der täglichen Milchmenge in Deutschland wegfallen – auch bei Ihnen?

Ehrmann: Die Bauern drohen nicht zum ersten Mal mit Streik. Bislang ist aber nie etwas passiert. Und ich glaube auch diesmal nicht an einen flächendeckenden Streik. Dazu sind sich die Bauern untereinander viel zu uneinig. Und was soll es bringen? Das Angebot auf dem Weltmarkt ist derzeit so groß – Franzosen, Österreicher, Holländer, Polen oder Dänen warten nur darauf, ihre Milch nach Deutschland liefern zu können.

Morgenpost Online: Die Verbraucher müssen also keine Angst vor leeren Regalen haben?


Ehrmann: Bei der Trinkmilch könnte das Angebot tatsächlich knapp werden, sollte es doch zu einem Streik kommen. Bei Milchprodukten wie Joghurt oder Käse dagegen ist die Versorgung in meinen Augen nicht gefährdet, da die Lagerbestände bei den Produzenten relativ groß sind.


Morgenpost Online: Die Bauern fordern mehr Geld für ihre Milch. Nachdem sie Ende 2007 noch deutlich mehr als 40 Cent je Kilogramm bekommen haben, werden in einigen Regionen mittlerweile weniger als 30 Cent gezahlt. Warum ist der Preis in so kurzer Zeit so stark gefallen?


Ehrmann: Das ist Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Die aktuelle Entwicklung lässt sich also ganz einfach erklären: Die Milchmenge auf dem Weltmarkt hat zuletzt wieder zugenommen. Damit existiert auch wieder der Sportmarkt, der die Überschussmilch aufnimmt, und zu günstigen Preise anbietet. Also sinkt dementsprechend auch der Preis – und zwar sowohl in China und Russland als auch in Amerika und Deutschland. Denn der Milchmarkt ist heute global. Die Situation der Bauern im Allgäu und in Friesland ist in dieser internationalen Handelswelt nicht mehr entscheidend. Leider wollen das viele Bauern nicht wahrhaben. Die Forderung des Bundesverbandes der Deutschen Milchviehhalter nach einem starren Milchpreis in Höhe von 43 Cent je Kilogramm zeigt, dass ein Großteil der deutschen Bauern noch immer an abgekoppelte Märkte glaubt und damit in einer planwirtschaftlichen Traumwelt lebt.

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Morgenpost Online: Warum haben die Mengen so stark zugenommen?

Ehrmann: Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen hat die Europäische Union die Milchquote um 2,4 Prozent erhöht, zum anderen können Australien und Neuseeland wieder in großen Mengen liefern, nachdem sie zuletzt durch eine Dürreperiode große Probleme hatten. Darüber hinaus haben die Amerikaner ihre Produktion stark ausgeweitet, weil sie sich durch die gestiegene Nachfrage ein lukratives Zusatzgeschäft erhoffen. Und schließlich fällt den europäischen Molkereien wegen des hohen Eurokurses der Export nicht mehr so leicht. Die Asiaten kaufen ihre Milch lieber im Dollarraum und in Australien, weil sie dort währungsbedingt billiger ist. Die europäische Ware bleibt dadurch auf dem Binnenmarkt.

Morgenpost Online: Dann müssten Milchprodukte ja schon kurzfristig wieder billiger werden?


Ehrmann: Bei den Handelsmarken könnte dies in den kommenden Monaten wohl auch passieren. Im Markensegment rechne ich dagegen nicht mit Preisnachlässen. Bei Ehrmann sind jedenfalls keine geplant. Wir liefern schließlich ein Qualitätsprodukt. Und das muss auch entsprechend vergütet werden. Außerdem sind natürlich auch die Energiekosten sowie Verpackungsmaterial im letzten Jahr dramatisch gestiegen. Bei dem niedrigen Preisniveau im deutschen Lebensmittelhandel war das in den letzten Jahren nicht immer der Fall. Zudem haben Marken – und unser Almighurt ist bei Milchprodukten eine der stärksten Marken in Deutschland –auch etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun. Da kann ich nicht alle paar Tage den Preis rauf- und runtersetzen. Zumal schon absehbar ist, dass der Milchpreis auch wieder steigen wird.


Morgenpost Online: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?


Ehrmann: Ich denke, der Milchpreis wird sich in den kommenden Monaten bei 36,37 Cent je Kilogramm einpendeln. Und das ist in meinen Augen auch ein faires Niveau. Die aktuellen 30 Cent dürften für die meisten Bauern tatsächlich nicht auskömmlich sein. Da bin ich Realist. Insofern kann ich deren Ärger und Proteste durchaus verstehen.

Morgenpost Online: Ehrmann ist mit täglich 1,5 Millionen Kilogramm verarbeiteter Milch eine der größten Molkereien in Europa. Wie hat sich Ihr eigenes Geschäft bei den Turbulenzen der vergangenen Monate entwickelt?

Ehrmann: 2007 war für uns ein schwieriges Jahr. Zwar ist der Umsatz durch die Preissteigerungen im Handel gestiegen. Der Ertrag ist aber regelrecht eingebrochen. Die hohen Rohstoffpreise haben uns richtig Geld gekostet. Zumal die Verkaufspreise im Vergleich zu den Rohstoffpreisen erst deutlich zeitverzögert gestiegen sind.

Morgenpost Online: Konzerne wie Danone überlegen nun, sich selbst große Stallungen mit bis zu 30.000 Kühen anzulegen und die Milch selbst zu erzeugen. Ist das für Sie auch ein Thema?

Ehrmann: Nein. Unsere Kernkompetenz ist die Verarbeitung und Veredlung von Milch, nicht die Rohstoffproduktion. Statt dessen denken wir aber über den Zukauf von Molkereien und Marken nach. Wir sehen derzeit aber keinen akuten Handlungsbedarf.

Morgenpost Online: Wen würden Sie denn kaufen?

Ehrmann: Ehrmann soll langfristig zu einer internationalen Marke werden. Also schauen wir uns nach Möglichkeiten im Ausland um. China, Indien und die USA sind zum Beispiel interessante Märkte. Dort ist der Pro-Kopf-Verbrauch bei Joghurt und anderen Milchprodukten noch relativ gering: Während die Deutschen 17 Kilogramm Joghurt pro Jahr essen, sind es bei den Amerikanern gerade mal vier Kilo und bei den Chinesen noch mal deutlich weniger. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre lassen in diesen Ländern aber auf ein enormes Potenzial schließen. Also testen wir die Märkte derzeit aus, indem wir von Deutschland aus Ware dorthin liefern. Im nächsten Schritt ist dann auch eine eigene Produktion denkbar. Damit haben wir in Russland und Tschechien schließlich sehr gute Erfahrungen gemacht. So machen wir uns auch unabhängiger vom Heimatmarkt.

Morgenpost Online: Was planen Sie in Deutschland?

Ehrmann: Wir haben derzeit einiges in der Pipeline. Unter anderem wollen wir noch stärker in den Gesundheitsbereich einsteigen, also das Sortiment der Joghurts mit Zusatznutzen ausbauen. In Russland zum Beispiel haben wir schon einen prebiotischen Joghurt (als prebiotische Stoffe bezeichnet man eine bestimmte Gruppe von Ballaststoffen, probiotisch dagegen meint bestimmte Darmbakterien, d.Red.) auf den Markt gebracht. Den soll es bald auch in Deutschland geben. Außerdem denke ich an Joghurt für Diabetiker und mit Enzymen zur besseren Verdauung.

Morgenpost Online: Und wann springen Sie auch den Bio-Zug auf?

Ehrmann: Wir haben bereits Bio-Produkte bei einer unserer Tochtergesellschaften: Kaffeesahne zum Beispiel und Bio-Milchpulver für die Schokoladenindustrie. Beim Joghurt sind Bio-Varianten derzeit aber nicht geplant. Da gibt es genug Spezialanbieter. Und unsere Milch kommt ohnehin ausschließlich von ausgewählten Höfen aus dem Allgäu. Die ist qualitativ so hochwertig, dass wir 42 Cent je Kilogramm bezahlen. Noch ein Grund, warum unsere Lieferanten einen Streik nicht nötig haben sollten.

Morgenpost Online: Die Situation der Bauern in Deutschland ist das eine, die aktuelle Lage auf den weltweiten Lebensmittelmärkten das andere. Durch die starke Verteuerung der Grundnahrungsmittel drohen in vielen Ländern Hungersnöte. Steuern wir auf eine weltweit Nahrungsmittelkrise zu?

Ehrmann: Die Verteuerung der vergangenen Monate ist schon enorm. Aber ich denke nicht, dass sie in entwickelten Ländern zu großen Problemen führen wird. In Schwellenländern dagegen könnte die Situation kritisch werden. Hier ist die Politik gefragt.

Das Unternehmen

Das Familienunternehmen Ehrmann gehört mit jährlich verarbeiteten 500 Millionen Kilogramm Milch zu den größten Molkereien in Europa. Der Umsatz des Konzerns, zu dem unter anderem auch die Milchwerke Gabler-Saliter, die Käserei Champignon und die Fleischwerke Edmund Zimmermann gehören, stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf rund 650 Millionen Euro. Zum Vergleich: 1989 hatten die Erlöse noch 150 Millionen Euro betragen. Knapp die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet die nicht-börsennotierte Aktiengesellschaft Ehrmann in Deutschland. Begonnen hat die Geschichte des Unternehmens aus dem beschaulichen Allgäu-Örtchen Oberschönegg, einem 500-Seelen-Dorf zwischen Ulm und Memmingen, im Jahr 1920 mit Käsemeister Alois Ehrmann Sen. Aus seinem Ein-Mann-Betrieb entwickelte sich in großen Schritten ein Konzern mit heute 1500 Mitarbeitern und weltweit fünf Produktionsstandorten in Deutschland, Russland und Tschechien. Vertriebsniederlassungen gibt es zudem in England, Italien, Polen, Spanien, China und den Niederlanden. 2007 wurden insgesamt rund 2,3 Mrd. Becher Joghurt, Quark oder Dessert in über 40 Ländern verkauft. Das bekannteste Produkt von Ehrmann ist der Almighurt, den es in mittlerweile 40 Geschmacksrichtungen gibt. Größte Konkurrenten von Ehrmann sind Danone, Müller-Milch und Campina sowie Dr. Oetker, Bauer und Zott.

Der Chef

Als „ganz passabel“ bezeichnet Christian Ehrmann heute seine Russischkenntnisse. Und das verwundert kaum, schließlich pendelt der 36-Jährige seit mittlerweile zehn Jahren regelmäßig zwischen dem Allgäu-Örtchen Oberschönegg und der russischen Hauptstadt Moskau hin und her. In Moskau hat Ehrmann, der im Anschluss an seine Ausbildung zum Molkereifachmann in Augsburg Betriebswirtschaftslehre studiert hat, für die gleichnamige Molkerei seines Vaters eine Produktionsstätte aufgebaut. Heute ist Christian Ehrmann als Vertreter der dritten Generation selbst Chef des Familienunternehmens. Seine beiden Schwestern dagegen sind nicht ins Management eingestiegen, besitzen aber Anteile am Unternehmen.