Sie ist einer der Werbestars im deutschen Fernsehen: die Milka-Kuh. Seit 1973 hat das lila eingefärbte Tier in mehr als 100 TV-Spots mitgespielt und die Schokoladenmarke Milka bekannt gemacht. Geht es nach Europas Bauern, soll ihr bald eine andere bunte Kuh den Rang ablaufen: „Faironika“. Mit ihr –eingefärbt in den jeweiligen Landesfarben– wollen die Landwirte ihr Ansehen in der Bevölkerung verbessern und einen fairen Preis für ihre Milch einfordern.
An einer angemessenen Vergütung aber scheiden sich die Geister. Die Vorstellungen von Handel, Industrie und Erzeugern weichen nicht nur voneinander ab, sie gehen diametral auseinander. Die Bauern wollen angesichts der stark gestiegenen Kosten für Futter, Düngemittel und Energie 43 Cent je Kilogramm Milch. Weltweit klettern derzeit die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel. Da sehen die Landwirte nicht ein, dass ausgerechnet sie weniger Geld bekommen als noch vor einigen Monaten. Die Molkereien halten die Forderung für fernab jeder Realität, auf einen aus ihrer Sicht fairen Preis wollen sie sich aber nicht festlegen. „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Das müssen auch die Bauern akzeptieren“, sagt Michael Brandl. Er ist Geschäftsführer des Milchindustrieverbands (MIV), des Sprachrohrs der rund 100 Molkereien in Deutschland. Derzeit sei anders als noch Ende 2007 genügend Milch auf dem Weltmarkt vorhanden. Also sinke auch der Preis.
„Da können wir die Milch ja gleich wegschütten“, kontert Ludwig Soeken vom Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter (BDM) angesichts von Preisen, die teilweise bei nur 30 Cent je Kilogramm liegen. Und das könnte schon bald tatsächlich passieren. Denn die BDM-Bauern – nach Verbandsangaben sind das in Deutschland 33.000 der insgesamt 90.000 Landwirte mit Milchvieh – drohen mit Streik. Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ soll sogar Manfred Schell, der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, zweimal beim Verband zu Gast gewesen sein, um über Erfahrungen aus dem monatelangen Tarifkonflikt mit der Bahn zu berichten.
Bauern stimmen über unbefristeten Lieferstreik ab
Diskutiert wird ein Lieferboykott der Milchbauern seit Jahren. So nah wie jetzt war er aber noch nie. Der BDM hat in der vergangenen Woche eine Mitgliederbefragung organisiert. „Zur Durchsetzung elementarer Forderungen bin ich bereit, in einem unbefristeten Lieferstreik zu treten“, stand auf den Abstimmungszetteln. Sollten sich mindestens 75 Prozent der Bauern für die Option „Ja“ entschieden haben, soll zunächst noch einmal mit den Molkereien gesprochen und dann gestreikt werden.
Und das hätte Folgen: Da Molkereien ohne Lagerhaltung produzieren, drohen leere Milch-, Joghurt- und Käseregale in den Supermärkten. Immerhin liefern die streikbereiten Bauern fast 14 Millionen Tonnen Milch und damit rund die Hälfte der Menge in Deutschland. Ein offizielles Endergebnis der Abstimmung liegt derzeit zwar noch nicht vor. Der BDM war nach den ersten Tagen aber zuversichtlich, seine Zielmarke sogar deutlich überschreiten zu können. Ein möglicher Ausstand könnte einige Tage dauern, aber auch mehrere Wochen, heißt es beim BDM. Die Milch werde dann „innerbetrieblich verwertet“, sagt Landwirt Soeken, also etwa an Tiere verfüttert oder als Dünger auf die Felder geschüttet.
Handel und Industrie zeigen sich unbeeindruckt. „Ich glaube nicht an einen flächendeckenden Streik“, sagt zum Beispiel Christian Ehrmann, Chef der gleichnamigen Molkerei im Allgäu. Dazu seien sich die Bauern viel zu uneinig. Beim deutschen Bauernverband teile man zwar die Forderungen des BDM, sagt ein Sprecher. Das Vorgehen halte man aber für falsch. Die Landwirte aus dem Bauernverband werden also weiter liefern. Und falls wirklich Mengen fehlen, könnten die laut Ehrmann auch in Frankreich, Holland, Dänemark und Österreich eingekauft werden. Zumal die Europäische Union (EU) gerade die Milchquote –also die zulässige Produktionsmenge– gegen den Willen der Bundesregierung um zwei Prozent erhöht hat.
Auch die Milchindustrie sieht den drohenden Lieferboykott gelassen. „Wir bekommen auch woanders Milch. Die Auswirkungen eines Streiks werden daher nicht so groß sein, wie die Bauern meinen“, sagt MIV-Geschäftsführer Brandl. Grundsätzlich habe er Verständnis für die Unzufriedenheit der Landwirte, zumal die Ende 2007 deutlich mehr Geld für ihre Milch bekommen hätten. Die Situation erschwere aber die Verhandlungen über längerfristige Lieferverträge mit dem Handel. Und Ketten wie Aldi, Edeka und Rewe sind nicht bereit, Milchpreise wie noch vor einigen Wochen zu bezahlen. „Die deutschen Bauern sind zu romantisch. Milchmenge und -preis werden auch hierzulande von der EU gesteuert und nicht mehr von Bauern in Ostfriesland und im Allgäu“, heißt es etwa bei Edeka.
Die Bauern wollen nicht schnell klein beigeben. „Die Milch wegzukippen, wird keinem Bauern leicht fallen. Aber für uns ist die Lage Existenz bedrohend. Daher müssen wir über ein solch drastisches Mittel den Wert eines so hochwertigen Lebensmittels wie Milch wieder herstellen“, sagt Landwirt Soeken.




