Automobilbau

Zehn Szenarien zur Rettung von Opel

Seit fast 80 Jahren ist Opel Teil von General Motors. Höchste Zeit, die Verbindung zum kranken US-Mutterkonzern zu lösen, finden viele. Doch wer übernimmt? Autohändler, Chinesen, der deutsche Staat? Morgenpost Online spielt zehn Möglichkeiten durch, den traditionsreichen Autobauer zu retten.

Im Büro von Klaus Franz hängt ein Ölbild des hessischen Malers Hans Diebschlag. Es hat den Titel „Das Herz von Rüsselsheim“. In diesen Tagen sieht der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Adam Opel GmbH in seinem Büro häufiger darauf. Diebschlag malte das Bild von einem Foto ab, das vor drei Jahren bei einer Kundgebung auf dem Werksgelände in Rüsselsheim geschossen wurde. Damals wurden Tausende Arbeitsplätzen bei Opel abgebaut. Jetzt ist die Situation viel dramatischer.

Diesmal geht es nicht nur darum, Stellen zu streichen, um effizienter zu produzieren. Es geht um das Überleben. Jenseits des Atlantiks droht dem amerikanischen Mutterkonzern das Ende. Jeden Monat produziert General Motors mit seinen Produkten rund eine Milliarde Dollar Verlust. Schon Anfang nächsten Jahres könnte das Geld aufgebraucht sein. Das ängstigt die mehr als 25?000 Mitarbeiter der vier deutschen Opel-Werke. Deswegen hat die Rüsselsheimer Zentrale beim Kanzleramt in Berlin um Staatsbürgschaften in Höhe von bis zu 1,8 Milliarden Euro gebeten.

„Wir haben derzeit kein Liquiditätsproblem. Wir sind zahlungsfähig, und wir bleiben zahlungsfähig“, sagt Opel-Chef Hans Demant. Doch immer schwingt unausgesprochen ein „Wenn“ mit. Was passiert mit der deutschen Tochter, wenn die amerikanische Industrielegende ihr Leben aushaucht? Was, wenn die Bundesregierung doch keine Bürgschaft gewährt. Die „Welt am Sonntag“ spielt mögliche Optionen durch.

1. Rettung durch Insolvenz?

Bei Opel könnte man ein Spezialverfahren anwenden: Insolvenz in Eigenverwaltung. Dieses Verfahren hat das Ziel, den Konzern zu gesunden. Bei dem Insolvenzverfahren könnte eine Auffanggesellschaft gegründet werden, auf die der Geschäftsbetrieb der Adam Opel GmbH und eventuell auch der von General Motors Europe übertragen wird.

Der Charme dieser Lösung: Die Schulden bleiben im Insolvenzverfahren, die Auffanggesellschaft – also die neue Opel AG – könnte der Insolvenzverwalter an einen Interessenten verkaufen. „Auch ein Insolvenzverfahren bietet die Möglichkeit, sich von einem unliebsamen Gesellschafter zu trennen“, sagt Sanierungsspezialist Stefan Weniger, Vorstand der CMS Sozietät für Unternehmensberatung AG. In Deutschland ist das Verfahren bereits beim Medienkonzern KirchMedia und beim Industrieunternehmen Babcock Borsig erfolgreich angewandt worden. Für Kunden und Lieferanten hätte die Spezialinsolvenz keine Auswirkungen, denn das Geschäft würde weitergeführt wie immer. Allerdings sind die Lieferanten auch Gläubiger und hängen mit ihren Forderungen im Verfahren. Ziel müsste es also sein, dies alles gut vorzubereiten, damit der Schaden nicht zu groß wird.

Noch weist Opel jegliche Verkaufsgedanken mit Verweis auf die engen Verflechtungen zwischen GM und Opel weit zurück. „GM und Opel sind ein Konzern“, sagt ein Sprecher. Doch Analysten sehen in einer Trennung die besten Chancen. „Ein Verkauf wäre die beste Lösung“, sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Unterstützt wird er von Professor Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft: „Die 80-jährige leidvolle Geschichte der beiden ungleichen Partner müsste beendet werden.“

2. Rettung durch Obama?

Der kommende US-Präsident favorisiert eine staatliche Rettung für General Motors, wovon auch Opel profitieren würde. Grundsätzlich hat die US-Regierung den maroden Autobauern finanziellen Hilfen in Höhe von bis zu 25 Milliarden Dollar (19,9 Milliarden Euro) in Aussicht gestellt. Doch danach sieht es im Augenblick nicht aus. Nach tagelangen Verhandlungen zwischen Automanagern und Politikern im US-Kongress sind die Verhandlungen für das Rettungspaket vorerst gescheitert. Bei General Motors reicht das Geld noch bis Anfang des Jahres. Sollte der amtierende Präsident George W. Bush bis dahin nicht den Milliardenscheck ausgestellt haben, gehen bei GM die Lichter aus.

Vielleicht reicht die Zeit aber auch noch bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Barack Obama, der die Milliardenhilfe lieber heute als morgen freigeben würde. Im schlimmsten Fall wird der nach Toyota zweitgrößte Autokonzern der Welt Gläubigerschutz beantragen. Damit könnten GM sein Geschäft fortführen, aber es ließen sich Werkschließungen oder Kündigungen leichter durchsetzen – und GM müsste sich zunächst nicht mehr um Schulden kümmern.

Von Opel will GM trotz der existenziellen Krise nicht lassen. Der größte US-Autobauer besteht auf der Verbindung mit Opel. Verweist auf gemeinsame Entwicklungs- und Forschungsaktivitäten, auf den gemeinsamen Vertrieb und gemeinsam genutzten Modelle. Opelautos werden in den USA unter der Marke Saturn verkauft. Rüsselsheim ist wichtigstes Entwicklungszentrum des Konzerns.

3. Rettung durch Solarworld?

Gelingt die Rettung nicht, stehen Interessenten bereit. Der obskurste ist der Bonner Solarunternehmer Frank Asbeck. Mit einer spektakulären Ankündigung in dieser Woche hat er sein Solarenergieunternehmen Solarworld in die Schlagzeilen gebracht. Asbeck, dessen eigenes Unternehmen 2100 Leute beschäftigt, hat angekündigt, die vier Opel-Werke mit ihren mehr als 25.000 Beschäftigten kaufen zu wollen. Von der General Motors wünscht er sich eine Mitgift von einer Milliarde Euro. Vollmundig redete Asbeck davon, aus Opel den ersten „grünen“ Automobilkonzern zu machen. Wie? Darüber schweigt sich Asbeck aus. So müsste Asbeck etwa sämtliche Investitionen übernehmen. Allein die Entwicklung eines neuen Modells kostet rund zwei Milliarden Euro. Ein Brief, den Asbeck an Opel schrieb, blieb unbeantwortet. Opel bestätigte lediglich den Eingang des Schreibens.

4. Rettung durch Autohändler?

Opel-Händler haben begonnen zu rechnen. Für eine Übernahme will die Opel-Autohauskette Dresen mit 16 Häusern im Großraum Düsseldorf gemeinsam mit den Opel-Autohäusern MAG (Berlin), Brass (Aschaffenburg), Tüllen (Aachen) und Staiger (Stuttgart) ein Konsortium bilden. Das Autohaus Dresen, Urheber der Idee, will Opel in eine Aktiengesellschaft rückwandeln und Politikern im Gegenzug für Subventionen Aufsichtsratsmandate anbieten. Als Opel-Aufseher favorisiert werden Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers oder dessen Wirtschaftsministerin Christa Thoben (beide CDU).

Hauptgrund für die Überlegungen der Händler soll die Sachmittelhaftung sein. Während die Händler Opel-Fahrzeuge der Kunden bisher im Rahmen der Garantie reparieren und die Rechnung dann von Opel erstattet bekommen, entfiele diese Erstattung bei einer Zahlungsunfähigkeit von Opel. Die Händler müssten Millionensummen zurückstellen. Schwierig dürfte es aber werden, die vielen Händler zu einer Gruppe zu formen, die sich auf das Ziel verständigen kann.

5. Rettung durch Daimler?

Mit deutlich höheren Summen müssten die beiden Premiumhersteller BMW und Daimler rechnen, wenn sie wegen einer Übernahme von Opel in Rüsselsheim anklopfen sollten. Beide haben zwar schon schlechte Erfahrungen mit Übernahmen gemacht – BMW verschluckte sich an der britischen Marke Rover und Daimler am US-Autobauer Chrysler – doch Opel hätte den Charme, dass beide Hersteller ihre Modellpalette mit den Opel-Kleinwagen- und Mittelklassemodellen nach unten abrunden könnten. Zudem würden die produzierten Stückzahlen deutlich ansteigen. Das spart beim Materialeinkauf. Dieser ist in der Autoindustrie für rund 70 Prozent der Kosten verantwortlich. Wenn ein Hersteller statt 1,5 Millionen Autos auf einmal 3,5 Millionen Autos verkaufen würde, wäre die Einkaufsmacht, die man in Verhandlungen mit Zulieferern ausspielen könnte, viel größer, glaubt Analyst Frank Schwope von der NordLB.

6. Rettung durch China?

China hat Bedarf an westlichen Technologien. Ziel ist es, die Autoindustrie im Reich der Mitte schnellstmöglich auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Die Übernahme eines deutschen Autobauers wäre aus Sicht der Asiaten attraktiv, um an Know-how zu gelangen. Zumal die chinesische Regierung bereits angekündigt hatte, auf dem europäischen Automarkt aktiv werden zu wollen.

7. Rettung durch Russland?

Auch Russlands neureiche Unternehmer könnten sich an Opel beteiligen wollen. Zumal die Marke in Russland einen exzellenten Ruf genießt und sich dort sehr gut verkauft. Das nötige Geld für eine Übernahme dürfte kein Problem sein. Auch wenn etwa der Milliardär Oleg Deripaska gerade nach hohen Verlusten im Zuge der Finanzkrise seine Anteile am Zulieferer Magna verkauft hat.

8. Rettung durch Indien?

Ratan Tata, Indiens bekanntester Unternehmer, hat bereits Erfahrungen mit Automarken aus Europa. Im März dieses Jahres kaufte Tata für 2,3 Milliarden Dollar die profitablen britischen Ford-Tochtergesellschaften Jaguar und Land Rover. Bislang hat der indische Milliardär allerdings nicht erkennen lassen, welche Pläne er genau mit den Marken verfolgt. Wartet er etwa nur auf Opel, um daraus einen neuen globalen Automobilhersteller zu schmieden? Für Opel müsste Tata jedoch wohl mindestens so viel ausgeben wie für Jaguar und Land Rover.

9. Rettung durch Finanzinvestoren?

Womöglich haben Beteiligungsgesellschaften ein gesteigertes Interesse an einer Übernahme von Opel. Am Geld dürfte es zumindest nicht scheitern. In diesem Jahr haben die Finanzinvestoren weltweit im Vergleich zu früheren Zeiten wenig investiert und gleichzeitig neues Geld von Investoren eingesammelt. Damit dürften die Private-Equity-Unternehmen auf mehreren Hundert Milliarden Euro sitzen, die auch irgendwann wieder investiert werden müssen. Doch ob die Autoindustrie angesichts der trüben Aussichten für das kommende Jahr eine lohnende Kapitalanlage ist, scheint zweifelhaft. Hinzu kommt, dass ein Großer der Branche, die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Cerberus Capital Management, enorme Probleme mit Chrysler hat. Die Mehrheit des Autobauers erwarb Cerberus von Daimler aus Stuttgart – doch glücklich ist Cerberus mit seiner Beteiligung an Chrysler nicht. Die Automarken des Konzerns gelten als die schwächsten der todkranken US-Autoindustrie.

10. Rettung durch den Staat?

Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Opel glücklicher werden könnte, ist ebenfalls offen. Allenthalben wird auch über eine Beteiligung des Staates an Opel spekuliert. Für eine überschaubare Zeit, wie es heißt. „Eine vorübergehende Staatsbeteiligung wäre dann ein denkbarer Weg“, sagt der für Wirtschaftsfragen zuständige Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Claus Matecki. Der Staat solle Opel kaufen und das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandeln, fordert auch Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Mit Volkswagen gibt es bereits einen Konzern mit Staatsbeteiligung. Das Land Niedersachsen hält rund 20 Prozent der Anteile.

Sicher ist, dass die Bundesregierung sich bis Ende Dezember für die Entscheidung Zeit lassen will, ob sie nun eine staatliche Bürgschaft für Opel gewährt. Verständlich wird die Frist vor allem dadurch, dass Opel zunächst darlegen muss, wohin die Gelder fließen. Auf keinen Fall wollen die Regierenden in Berlin damit Löcher bei der maladen Mutter General Motors stopfen. „Eine Lösung kann nur gemeinsam mit den USA getroffen werden“, meint Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Lehrstuhls Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Opel-Betriebsratschef Klaus Franz ist seit mehr als 30 Jahren bei dem Unternehmen. „Ich hoffe, dass wir vom Thema Arbeitsplatzabbau nichts mehr hören werden“, sagte der bei der Belegschaft populäre Schwabe vor wenigen Monaten. Die Frühlingssonne tauchte damals sein Büro in helles Licht. „Das Herz von Rüsselsheim“, wie die Adam Opel AG genannt wird, wirkte leicht und beschwingt. Ganz anders als jetzt, in diesen stürmischen Novembertagen.