Mixgetränke

Auf der Suche nach dem Extrem-Bier

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Carsten Dierig

Foto: picture-alliance / obs / Brauerei_C._&_A._Veltins_GmbH

Ein jahrelanger Boom zeigt Folgen: Mittlerweile gibt es Biermixgetränke sogar beim Friseur. Die Brauer kreieren längst immer exotischere Mischungen. Aber der Markt ist offensichtlich bald gesättigt – die Wachstumsraten flachen deutlich ab.

Adam und Eva mussten schon für vieles herhalten. Ein Parfüm zum Beispiel wurde nach den biblischen Stammeltern der Menschheit benannt. Außerdem Kopfkissen und bedruckte Kaffeetassen oder eine CD der Rockband The Flower Kings. Nun hat auch die Getränkeindustrie Adam und Eva für sich entdeckt. Zumindest einen der beiden. So hat der dänische Brauriese Carlsberg kürzlich ein leicht alkoholhaltiges Erfrischungsgetränk für Frauen auf den Markt gebracht. Der Name: Eve, die englische Variante von Eva. Für Adam brauen die Dänen weiterhin "normales" Bier.

Eve beruht auf einem Fermentationsprozess, ähnlich wie die boomenden Bio-Brausen à la Bionade, Bios oder Beo. "Die Zielgruppe sind Frauen zwischen 20 und 40 Jahren", sagt Jörg Croseck, der neue Deutschland-Chef von Carlsberg. Verkauft wird das Malzfruchtgetränk sowohl im Handel und der Gastronomie als auch über den für die Bierbranche ungewöhnlichen Absatzkanal Friseurladen. Carlsberg reagiert mit dem Investment in derlei Szenegetränke auf die anhaltend großen Probleme beim Bierabsatz in Deutschland. So trank jeder Bundesbürger zuletzt nur noch rund 112 Liter Bier im Jahr. Zum Vergleich: Mitte der 70er-Jahre waren es noch 150 Liter.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes lag der Gesamtabsatz in den ersten sechs Monaten bei 51,9 Mio. Hektolitern und damit 1,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. Andere Marken im Carlsberg-Verbund setzen daher ebenfalls auf Alternativen zum klassischen Pils. Holsten zum Beispiel baut systematisch seine Biermix-Sparte aus. Mit Erfolg: "Die Marke konnte sich dadurch zuletzt wieder besser entwickeln als der Markt", sagt Croseck.

Gleiches gilt für die Veltins-Brauerei, die im ersten Halbjahr weniger stark als die Konkurrenz ins Rutschen gekommen ist. Der Grund: Bei den Sauerländern konnte der satte Zuwachs bei den Biermischgetränken in Höhe von 16,5 Prozent die Verluste beim Pils weitgehend ausgleichen.

Kaum verwunderlich also, dass das Familienunternehmen dieses Segment kontinuierlich ausbaut. Sieben Jahre nach dem Start der Misch-Marke V+ entfällt schon knapp ein Fünftel der jährlichen Produktion in Höhe von zuletzt 2,6 Mio. Hektolitern auf die mittlerweile sechs Sorten.

Jüngste Kreation ist V+ Cappuccino, eine Mischung aus jeweils 50 Prozent Bier und einem Erfrischungsgetränk mit Cappuccino-Aroma. "Wir haben das Trendgetränk Kaffee neu interpretiert", sagt Volker Kuhl, der Marketing- und Vertriebs-Geschäftführer von Veltins. Und die Idee ist gar nicht so abwegig. Immerhin ist Kaffee das beliebteste Getränk hierzulande. Das Beispiel zeigt, die deutschen Brauereien wagen sich zunehmend an immer exotischere Mischungen. So gibt es heute schon grünlich aussehendes Bier mit Guarana, eine durchsichtige Variante mit Minze und Limette, fruchtige Sorten wie Pfirsich, Granatapfel oder Blutorange, Pils mit Ingwer, ein Schwarzbier mit Ananas oder ein rötlich schimmerndes Holunder-Weizen-Mix. Nachgedacht wird zudem über Aromen wie Kumquat und Rambutan oder Salacider und Tamarinde.

Einen merklichen Biergeschmack haben etliche der Mixturen durch den Zucker und die Aromastoffe nicht mehr. Einige Mischungen erinnern eher schon an Cocktails, gepresst in eine Bierflasche. "Der Fantasie sind keine Grenzen mehr gesetzt" heißt es dazu beim deutschen Brauer-Bund. Sogar ein Bier mit Rindfleischextrakten gibt es bereits. Das "Kwsipelbier", zu deutsch: "Schwanzwedel", einer kleinen holländischen Brauerei ist allerdings nur für Hunde. Serviert wird es lauwarm.

So genannte Flavoristen - das sind Geschmackserfinder, sie komponieren mit verschiedenen Aromen neue Geschmacksrichtungen - kreieren für die Brauereien regelmäßig neue Mix-Varianten. Nicht jede davon schafft es zur Marktreife. Die Hemmschwelle für ausgefallenere Mischungen sinkt aber. "Der Markt ist schnelllebiger geworden und braucht ständig neue Impulse", begründet Volker Kuhl. Klassiker wie Radler, Alsterwasser oder Cola-Bier reichen heute nicht mehr aus.

Und so kommen wöchentlich neue Mischungen auf den Markt. Branchenschätzungen zufolge gibt es seit Jahresbeginn bereits 50 neue Produkte. Insgesamt soll es bereits mehr als 440 Biermischungen im Markt geben.

Daher feiert längst nicht mehr jede Brauerei Erfolge mit ihren Sortimentsneulingen. Einige kannibalisieren sich sogar mittlerweile selbst. "Wir können die vielen Produkte gar nicht mehr alle vermarkten", sagt Günther Guder, der geschäftsführende Vorstand vom Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels. In den Getränkemärkten sei der Platz in den Regalen schlichtweg begrenzt. Das Gerangel um Verkaufsflächen nimmt dementsprechend zu. "Der Verdrängungswettbewerb hat auch in diesem Segment eingesetzt", sagt Matthias Dimke, der Marketingdirektor vom InBev Deutschland. Mit seiner Marke Beck's, von der es im Biermix-Bereich mittlerweile die Sorten Lemon, Ice, Blood Orange und die Energy-Variante Level 7 gibt, führt der belgisch-brasilianische Brauriese die Beliebtheitsskala in Deutschland nach eigenen Angaben derzeit an. Knapp dahinter folgt laut Marktforschung Veltins mit V+, danach kommen der Biermix-Pionier Mixery von Karlsberg und Cap von Krombacher.

Andere Großanbieter wie Bitburger oder Warsteiner haben den Trend mit den niedrig alkoholisierten Mixturen weitgehend verschlafen oder handwerkliche Fehler begangen, sagen Branchenexperten. So seien die beiden Familienunternehmen erst in den Markt eingestiegen als die Konkurrenz bereits von Erfolg zu Erfolg eilte. Warsteiner vermarktet die auf ein junges Publikum zugeschnittenen Mischungen zudem unter dem altmodischen Label Warsteiner und füllte sie bis vor kurzem noch in die klassische braune Bierflasche ab, statt wie die Konkurrenz auf neue Markennamen à la V+ oder Cap und peppig bunte Gebinde zu setzen.

Die Mix-Möglichkeit haben die deutschen Brauereien noch gar nicht so lange. Erst eine Änderung des Biersteuergesetzes im Jahr 1993 erlaubt die Anreicherung mit Aromen. Zuvor durften derartige Getränke lediglich vor den Augen des Gastes gemischt werden.

Das erste industrielle Bräu kam bereits kurz nach der Gesetzesänderung, so zum Beispiel Mixery und Desperados von Karlsberg. Der Verbraucher reagierte aber noch sehr verhalten. Den endgültigen Durchbruch haben die Mischungen dann 2001 mit der sogenannten zweiten Generation geschafft. Mittlerweile trinken die Deutschen laut dem Brauer-Bund rund fünf Liter Biermix pro Jahr.

Im ersten Halbjahr 2008 ist die Beliebtheit allerdings zurückgegangen. Denn mit rund 2,3 Mio. Hektolitern tranken die heimischen Verbraucher nach Angaben des Statistischen Bundesamtes so viel Radler & Co. wie auch in den ersten sechs Monaten des Vorjahres.

Damit hat der Abwärtstrend in der Bierbranche erstmals auch das zuvor rasant wachsende Marktsegment der Biermixe erreicht. Denn in den Jahren zuvor war das Segment noch jeweils zweistellig gewachsen, insbesondere seit der Einführung der Sondersteuer auf Alcopops. "Die wachsende Anzahl austauschbarer Marken durch die ständige Ausweitung des Angebots verwirrt den Kunden", begründet der österreichische Marketingexperte Rudolf Maurer.

Peter Hahn sieht das anders und hält die Stagnation nur für eine Verschnaufpause. "Biermischgetränke können ihren Marktanteil in den nächsten fünf Jahren durchaus auf zehn Prozent verdoppeln", glaubt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes.