Continental, Bosch, Schaeffler: Auch die großen Namen der deutschen Automobilzulieferer werden von der Krise auf dem Automarkt erwischt. Weil die Autofabriken die Produktion drosseln, müssen auch die Lieferanten kürzertreten.
Besonders betroffen sind die Zentren der deutschen Autoindustrie. Aber auch in Berlin und Brandenburg kommen die Einschläge der Wirtschaftskrise näher. Selbst ein Optimist wie Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) muss seine Prognose revidieren. „Meine Einschätzung ändert sich täglich“, sagte der Doktor der Ökonomie am Dienstag. „Jetzt bin ich nicht mehr optimistisch.“
22.000 Beschäftigte in der Hauptstadt-Region
Der Fahrzeugbau und die Zulieferer beschäftigen in Berlin 8600 und in Brandenburg sogar 13.000 Menschen. Die Branche bildet auch in der Region ein Rückgrat der geschrumpften Industrie. In Berlin hängt fast jeder zehnte Job im verarbeitenden Gewerbe am Fahrzeugbau. Nach offiziellen Angaben hat die Branche in der Region 2007 fast 4,5 Milliarden Euro umgesetzt.
Der Verband der Metall- und Elektroindustrie Berlin-Brandenburg (VME) hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedsfirmen gestartet. Nach ersten Rückmeldungen sind die Auftragseingänge zwischen 15 und in Spitzen bis zu 40 Prozent zurückgegangen, sagte Sprecher Thorsten Elsholtz. Der Sektor umfasst laut VME in Berlin 18 Betriebe und in Brandenburg 29.
Die großen Autobauer werden erst Ende Dezember reagieren. Daimler wird die 3100 Mitarbeiter in seinem Motorenwerk in Marienfelde in eine verlängerte Weihnachtspause schicken, sagte ein Sprecher in Stuttgart. Nach Angaben der IG Metall gehen die Mercedes-Arbeiter am 16. Dezember in die Weihnachtspause, eine gute Woche früher als normal. Diese Regelung sei schon vor einiger Zeit vereinbart worden.
Situation bei Nutzfahrzeugen nicht so dramatisch
Auch in Ludwigsfelde südwestlich von Berlin, wo Daimler kleine Nutzfahrzeuge wie die Modelle Sprinter und Vario herstellt, müssen die 2600 Beschäftigten fünf Tage länger Weihnachtsurlaub nehmen. Statt am 20. Dezember werden die Bänder bereits am 15. Dezember angehalten und stehen bis 9. Januar 2009, sagte ein Sprecher. Im Nutzfahrzeugmarkt gebe es zwar auch Einbußen, jedoch sei die „Dramatik“ wie bei den Pkw nicht angebracht. Das Werk werde im Jahr 2008 das beste Jahr seiner Geschichte schreiben, sagte ein Sprecher. Jetzt werde die Produktion auf ein Normalmaß zurückgefahren, und es würden erst mal die angesammelten Überzeiten abgebaut. Statt bisher 17 Schichten pro Woche, was fast der theoretischen Maximalkapazität von 19 Schichten entspreche, werde man nun mit weniger auskommen, hieß es.
Bei BMW in Spandau schon zwei Wochen Ferien
Im Motorradwerk von BMW in Spandau sind die 2100 Mitarbeiter derzeit schon seit fast zwei Wochen in Ferien. Die Pause sei wegen anstehender Umbauten aber lange geplant gewesen, erklärte gestern ein Sprecher. Ohnehin sei das Geschäft mit Motorrädern im zweiten Halbjahr stets schwächer. Darum häufen die Beschäftigten in der ersten Jahreshälfte Überstunden an, die sie dann in den Herbst- und Wintermonaten, wenn die Nachfrage nach Zweirädern niedrig ist, abfeiern. Die Schichten, die gefahren werden, dauern nur acht anstatt der 8,5 Stunden im Frühjahr. Und sonnabends ist im zweiten Halbjahr immer frei.
In der Münchner BMW-Zentrale hieß es, für die Produktion in Spandau seien keine weiteren Einschränkungen geplant. Wobei niemand sagen könne, wie sich die Lage im kommenden Jahr entwickeln werde.
In den großen Konzernen sind die Mitarbeiter durch flexible Arbeitszeitregelungen zunächst vor negativen Folgen des Produktionsrückganges geschützt. Die Betriebsräte bei Daimler stünden zwar in Gesprächen mit der Geschäftsleitung über die künftige Arbeitszeit, sagte Klaus Abel, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall. Aber, so der Gewerkschafter, „das Entgelt ist gesichert, auch wenn Schichten ausfallen“. Noch hätten viele Mitarbeiter Guthaben auf den Arbeitszeitkonten angesammelt. Wenn diese abgebaut seien, greife das „Flexi-Konto“. Das heißt: Die Arbeitszeit dreht ins Minus, das Unternehmen gibt den Beschäftigten faktisch einen Kredit, den sie in besseren Zeiten durch Mehrarbeit wieder zurückzahlen.
IG Metall ruft zu Warnstreiks auf
Anders sieht die Lage nach Darstellung der IG Metall aber bei den Zulieferern aus. Größere Unternehmen wie ZF oder Pierburg hätten zwar auch flexible Arbeitszeiten vereinbart. Aber die IG Metall sei in den Zuliefererbetrieben weniger stark, die Beschäftigten seien deshalb weniger gut geschützt.
Was genau die Zulieferer tun werden, um die Krise zu meistern, ist noch unklar. Denn die Berliner Fabriken sind entweder sehr klein, oder sie sind Ableger international tätiger Konzerne, die weltweit ihre Produktion anpassen müssen und zu einzelnen Standorten nur ungern Auskünfte geben. Die Geschäftsleitung von Visteon Deutschland teilte am Dienstag mit, sie gehe davon aus, dass die Fahrzeugvolumina der Automobilindustrie weiter abnehmen werden. „Dies hat direkte Auswirkungen auf unsere Geschäftsaktivitäten, und wir sind dabei, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um unsere Kostenstruktur an die Bedürfnisse der Geschäfts- und Marktbedingungen anzupassen“, hieß es von der regionalen Spitze des US-Konzerns, der in seinem Lichterfelder Werk 620 Menschen beschäftigt.
Die guten Zeiten für die Autoindustrie und ihr Umfeld sind auch in Berlin zunächst vorbei. Dabei haben die Unternehmen bis vor wenigen Wochen noch neue Jobs geschaffen, in Brandenburg gab es ein Plus von vier Prozent. Die Umsätze waren im ersten Halbjahr 2008 noch um 4,9 Prozent gestiegen, die Umsätze sogar um zehn Prozent. Die IG Metall hält denn auch die Alarmrufe aus der Branche für überzogen. Es gehe den Arbeitgebern auch darum, die Tarifforderung von acht Prozent abzuschmettern, hieß es. Auf die Krise wollen die Gewerkschafter keine Rücksicht nehmen: Auch bei Daimler werde es Warnstreiks geben. Die Arbeitgeber reagieren verständnislos. „Es wäre erfreulich, wenn die IG Metall zur Realität zurückfindet“, sagte VME-Sprecher Elsholtz.



