Es ist das erklärte Ziel von VW-Chef Martin Winterkorn: Volkswagen will der größte Autobauer der Welt werden. Doch ein Aufstieg von Platz vier an die Spitze wird auch in den USA entschieden. Denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommt Europas größter Autobauer seit Jahren auf keinen grünen Zweig. Jetzt spurtet VW zur Offensive. Eine neue Strategie und eine eigene Produktion auf dem nordamerikanischen Kontinent sollen die Wende bringen. Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach der Schließung des letzten US-Werks von VW hat der Aufsichtsrat nun grünes Licht gegeben: Das neue Werk wird in Chattanooga, Tennessee, errichtet.

Es soll ab 2011 produzieren und in der ersten Ausbaustufe Kapazität für 150.000 Fahrzeuge jährlich haben. Rund eine Milliarde Dollar (etwa 620 Millionen Euro) werden investiert, mittelfristig sollen 2000 Mitarbeiter beschäftigt werden.

Bis 2018 will der Konzern im wichtigsten Automarkt der Welt jährlich eine Million Autos verkaufen, hat Winterkorn als Ziel ausgegeben. Davon sollen 800.000 von der Marke Volkswagen und 200.000 von Audi kommen. 2007 hatte VW in den USA knapp 330.000 Autos ausgeliefert. Der Absatz der Marke VW-Personenwagen fiel um fast zwei Prozent auf 230.500 Einheiten. Audi steigert seine Auslieferungen um 3,8 Prozent auf 93.500 Autos.


Autoexperte Frank Schwope von der Nord/LB in Hannover nennt den Bau eines eigenen Werks in den USA ein „absolutes Muss“, wenn Winterkorn den Absatz wie geplant steigern wolle. Der schwache Dollarkurs gegenüber dem Euro sei ein bedeutender Grund. „Und außerdem ist es auch wichtig in Amerika, als lokaler Hersteller wahrgenommen zu werden“, sagt Schwope. Mehr als eine halbe Milliarde Euro will VW in das neue Werk investieren. Die Produktion soll 2010 beginnen – mit 150.000 Autos in der ersten Stufe.

Nach der Schließung seines letztes US-Werkes 1998 produziert VW im benachbarten Mexiko. Dort, in Puebla, soll auch der nächste Jetta gebaut werden. Er soll 2010 auf den Markt kommen und als erstes Modell exakt auf die Kundenwünsche in den USA ausgerichtet sein.

Für VW sind die USA seit vielen Jahren eine Dauerbaustelle. Lücken in der Modellpalette, Schwächen im Vertrieb, massive Rabattschlachten und zuletzt der schwache Dollar machten den US-Markt für den Wolfsburger Autobauer zum Fass ohne Boden. Seit 2001 ist der Absatz um ein Drittel gesunken. „Der US-Markt ist derzeit für die gesamte Autoindustrie eine Herausforderung“, sagte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh.

BMW und Mercedes produzieren bereits seit mehr als zehn Jahren im Südosten Amerikas. Die Münchner – gemessen am Absatz in den USA der Platzhirsch unter den deutschen Autobauern – starteten Mitte der 90er Jahre ihr Werk in Spartanburg (South Carolina). Der Daimler-Konzern feierte 2007 das zehnjährige Bestehen seiner Fertigung in Tuscaloosa (Alabama).

Beide setzen dabei besonders auf die Modelle, die sich in den USA auch am besten verkaufen: BMW baut nur hier den Z4 Roadster sowie die SUV-Reihen, die Produktion des X3 etwa wird gerade nach Amerika verlegt. Mercedes produziert nur in den USA die Geländewagen der M- und GL-Klasse sowie die R-Klasse-Großraumlimousine. Von hier werden die Autos beider Hersteller in alle Welt verschifft.

Bei BMW in Spartanburg liefen im vergangenen Jahr rund 157.500 Wagen vom Band, bis 2012 soll die Kapazität auf 240.000 Stück steigen, bekräftigte ein Sprecher. Aktuell beschäftigt der weißblaue Konzern hier rund 5400 Beschäftigte. Für Mercedes arbeiten in den USA knapp 4000 Menschen. 2007 bauten sie 174.000 Fahrzeuge mit dem Stern.

Was nicht nur deutschen Autobauern am Süden der USA besonders gefällt: Die in der traditionellen US-Autohochburg Detroit (Michigan) im Norden Amerikas starken Gewerkschaften sind hier nur äußerst schwach organisiert. Allein in Alabama haben etwa 380 Autozulieferer aus aller Welt ihre Zelte aufgeschlagen. Und der aufstrebende Südosten bietet Firmen vieler Branchen noch mehr Vorteile: Bundesstaaten wie Alabama und Georgia sowie South und North Carolina locken mit viel Platz, günstiger Lage und relativ wenig Bürokratie. Hinzu kommen oft millionenschwere Fördermittel. Deutsche Unternehmen beschäftigen allein in diesen vier Staaten rund 80.000 Mitarbeiter.

AP/dpa/lw