Notenbanker stehen dieser Tage vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Einerseits müssen die Herren des Geldes den ausufernden Preisanstieg in den Griff bekommen, und das so schnell wie möglich. Andererseits müssen sie darauf achten, dass ihr wirksamstes Mittel dagegen – Zinserhöhungen – der Konjunktur nicht den Garaus machen. Zeichen einer Wachstumsabschwächung sind jetzt auch in Deutschland zu spüren. Sowohl Verbraucher als auch Unternehmen sind so pessimistisch wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Die Währungshüter haben deshalb mit einem Problem zu kämpfen, dass ihnen allzu bekannt vorkommen dürfte: die Stagflation.

„Das Risiko einer solchen ungesunden Mischung aus steigenden Preisen und stagnierendem oder gar rückläufigem Wirtschaftswachstum, ist deutlich gestiegen“, meint Kevin Gardiner von HSBC.


Nicht nur er fühlt sich an die Siebziger erinnert. Auch damals sorgte ein Ölpreisschock dafür, dass sich Löhne und Preise immer weiter aufschaukelten und die Inflation aus dem Ruder geriet. Als die Notenbanken in der Folge zu spät auf die Notbremse traten und die Zinsen erhöhten, kam es in vielen Ländern zu einer Rezession.


Sollte es so weit kommen, wäre das ein Desaster für Anleger, warnt Andrew Garthwaite, Stratege bei der Credit Suisse: „Die Gefahr einer Stagflation ist derzeit in den USA so groß wie seit 28 Jahren nicht mehr, in Europa wie seit 13 Jahren nicht mehr.“

Es wäre ein Comeback, das Anleger fürchten sollten. Denn in einem solchen Umfeld verbindet sich das schlechteste aus zwei Welten: eine rasante Geldentwertung, die Erspartes vernichtet und Wachstumsbedingungen, die Gewinne und damit Kursaussichten hemmen. In einem solchen Umfeld verdienen nur die cleveren Sparer etwas.


Ein Blick in Zeit der letzten Stagflation offenbart dies. Zwischen 1973 und 1981 war nach Abzug der Inflation weder mit Aktien, noch mit Anleihen etwas zu verdienen. Die durchschnittliche Jahresrendite bei Dividendenpapieren lag bei minus 1,3 Prozent, bei Unternehmens- und Staatsanleihen beliefen sich die Verluste sogar auf rund sechs Prozent. Allein mit Rohstoff- und Immobilienanlagen ließ sich das Vermögen noch mehren. Goldanlagen glänzten zwischen 1973 und 1981 mit einer Jahresrendite von elf Prozent. Der wahre Sieger hieß Öl. Der Preis des Energieträgers, um den sich damals alle rissen, verteuerte sich Jahr für Jahr um knapp 20 Prozent.


Dieses Jahr hat bereits einen ersten Vorgeschmack des möglicherweise neuen Zeitalters geboten. Der Dax verlor seit Januar knapp 18 Prozent. Der Anleiheindex RexP notiert nach einem heftigen Kurseinbruch auf dem gleichen Niveau wie zu Jahresbeginn. Eine solche Entwicklung, in der Aktien wie Anleihen gleichermaßen schwächeln, ist äußerst ungewöhnlich. Schließlich entwickeln sich die Kurse beider Anlageformen in der Regel diametral zueinander. Auch die Inflationserwartungen der Investoren für die nächsten zehn Jahre lassen nichts Gutes erahnen. Diese stiegen seit Jahresanfang von 2,1 Prozent auf zuletzt über 2,5 Prozent und liegen damit weit über dem erklärten Ziel der Stabilitätshüter von knapp zwei Prozent.

Wie schwierig die Situation für die Notenbanken ist, zeigt sich auch an der unentschlossenen Kommunikation. Vor allem die amerikanische Fed legt einen verbalen Zick-Zack-Kurs hin. Nachdem zunächst kräftige Zinssenkungen für Fed-Präsident Ben Bernanke das Gebot der Stunde waren, scheinen sich die Dollarhüter nun zusehends vor der Geldentwertung zu fürchten. Erstmals seit sieben Sitzungen scheinen keine Zinssenkungen auf der Tagesordnung zu stehen, sogar Anhebungen sind wieder möglich. Von einer Straffung gehen Experten für Europa schon auf der kommenden Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) Anfang Juli aus. Gestern ließ EZB-Präsident Trichet jedoch offen, ob dieser Zinsanhebung weitere folgen werden. „Inflation ist ein kollektives Übel“, warnt Thorsten Polleit von Barclays Capital. „Die Notenbanken hätten schon längst viel entschiedener dagegen vorgehen müssen.“

Zins-Anleger sollten sich in einem solchen Umfeld auf inflationsgeschützte Produkte konzentrieren. Gleichzeitig bieten Rohstoff- und Immobilieninvestments ebenso wie dividendenstarke Titel einen gewissen Schutz gegen die Stagflation.