Hauseigentümer und Mieter sind nach jüngsten Umfragen nur wenig bereit, mehr Geld für die energetische Sanierung auszugeben. Insgesamt 220 Mrd. Euro müssten sie für Energieeinsparmaßnahmen aufwenden, um die ehrgeizigen Klimaschutzziele der Bundesregierung zu erfüllen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) errechnet. Experten bezweifeln, dass das Konzept aufgeht – denn die hohen Investitionen rechnen sich für Eigenheimbesitzer erst nach 20 Jahren.
Bis 2020 will die Bundesregierung nämlich die Kohlendioxidemissionen um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 senken. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei der Wohnungsbestand, sagt IW-Experte Michael Voigtländer. „Durch Beheizung, Klimatisierung und Versorgung mit Warmwasser werden jährlich 236 Megatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben – etwa ein Viertel der Gesamtemissionen.“
Darum sollen vom 1. Januar 2009 an nicht nur Neubauten deutlich weniger Energie verbrauchen. Vermieter bestehender Objekte und private Grundeigentümer müssen nach der neuen Energieeinsparverordnung (EnEV) die schärferen Auflagen erfüllen, wenn sie größere Instandhaltungsmaßnahmen vornehmen. „Dafür genügt es bereits, den Putz an der Fassade zu erneuern“, sagt Ingrid Vogler, Referentin Energie und Technik beim GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen.
Die Kosten sind immens: Mehr als 45.000 Euro müssten im Schnitt aufgewendet werden, um ein bestehendes Eigenheim auf den künftigen Stand zu bringen, hat das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) in einer Studie für die Bundesvereinigung Spitzenverbände der Immobilienwirtschaft (BSI) errechnet. Um die gleiche Summe verteuert sich vom nächsten Jahr an ein Neubau gegenüber einem heute errichteten Einfamilienhaus.
Doch bis sich die Investitionen rentieren, geht einige Zeit ins Land: Selbst beim derzeitigen Rekordölpreis würde es 20 Jahre dauern, bis ein Eigenheimbesitzer die Investition durch Energieeinsparungen wieder wettgemacht hätte, haben die IWU-Experten errechnet. „Steigt der Ölpreis weiter rapide an, würde sich der Zeitraum natürlich verkürzen“, sagt Tobias Just, Immobilienanalyst bei Deutsche Bank Research. Dass Grundeigentümer nun in Scharen ihre Häuser einrüsten, um die Dämmstoffdicke rund um das Mauerwerk zu verstärken, glaubt Just jedoch nicht. „Jüngeren Familien, die gerade erst ihre Immobilie erworben haben, fehlen die finanziellen Reserven für die teuren Klimaschutzmaßnahmen.“
Eigentümer jenseits des 60. Lebensjahres haben zwar ihre Hypotheken abgetragen. „Sie haben aber so gut wie kein Interesse an Umbauten, weil sie wissen, dass sie selbst bei stark steigenden Heizölpreisen die Früchte ihrer Anstrengungen nicht mehr ernten werden“, sagt Voigtländer. Liegt der IW-Ökonom mit seiner Prognose richtig, würde sich jedoch gerade die größte Gruppe unter den Eigenheimbesitzern dem Energieeinsparprojekt entziehen. Voigtländer: „Fast 50 Prozent aller Eigentümer von älteren Wohngebäuden, für die sich Klimaschutzumbauten lohnen, sind über 60 Jahre alt.“
Ein Großteil der Bundesbürger ist sogar der Auffassung, dass sich der Klimaschutz bei Wohnhäusern nicht rechnet. Zwar planen zwei von drei Befragten, die in den nächsten fünf Jahren ein Haus bauen, umbauen oder renovieren wollen auch Energiesparmaßnahmen, aber nur 30 Prozent glauben, dass dadurch der Energieverbrauch nennenswert gesenkt werden kann. Das hat eine gestern vorgestellte Allensbach-Umfrage im Auftrag der Bauindustrie festgestellt.
Auch bei den Wohnungsunternehmen gibt es keine Begeisterung über die neue EnEV. Das Kernproblem: Die Gesellschaften können ihre Investitionen nur bedingt an die Mieter weitergeben, manche in Existenznot geraten. „Maximal elf Prozent der Kosten für die energetische Sanierung können durch eine einmalige Mieterhöhung an die Kunden weitergegeben werden“, sagt Christian Gebhardt, Betriebswirtschaftsexperte beim GdW.
In vielen Fällen ist selbst das nicht möglich. „Nach einer Modernisierung darf die neue Miete maximal 20 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen“, erläutert Gebhardt. Allerdings sind nur 70 Prozent der deutschen Mieter laut einer aktuellen Umfrage des Internetportals Immowelt.de bereit, nach einer umweltfreundlichen Sanierung ihrer Wohnung auch mehr Miete zu bezahlen. Der Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Hans-Peter Keitel, fordert, „das Mietrecht zu reformieren, das sich immer mehr zu einem Hemmschuh für die energetische Sanierung des Wohnungsbestandes entwickelt“. „Mieter und Vermieter sollten sich künftig die Erträge der energetischen Sanierung teilen“, sagte Keitel.



