Luftfahrt

Die Lufthansa ist der große Gewinner der Krise

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Ernst August Ginten

Zahlreiche europäische Airlines sind Sanierungsfälle und stehen zum Verkauf. Grund sind der hohe Ölpreis und der ruinöse Preiswettbewerb. Doch die Krise verschafft den effizient aufgestellten Fluggesellschaften auch Chancen – die Lufthansa gehört zu den großen Gewinnern.

Schon seit Monaten war spekuliert worden. Hat Wolfgang Mayrhuber, Chef der Lufthansa, Interesse an der maroden Alitalia? Hebt er die Hand, um ein Gebot für Spaniens kränkelnde Airline Iberia abzugeben: Deutschlands größte Fluggesellschaft zögerte und ließ Gerüchte dementieren. In dieser Woche gab sie ihre Zurückhaltung auf. Geimeinsam mit Air France/KLM verhandelt Lufthansa mit den Italienern über eine Partnerschaft. Außerdem sind die Deutschen in den Bieterkampf um die österreichische Austrian Airlines eingestiegen und wollen sich mit zunächst 45 Prozent an Brussels Airlines beteiligen.

Noch nie standen so viele Fluggesellschaften in Europa zum Verkauf oder suchten einen Fusionspartner. Allein in Europa sind die italienische Alitalia, die spanische Iberia, die Austrian Airlines und die serbische Fluggesellschaft Jat zu haben. Auch die tschechische CSA oder die polnische LOT sollen wohl demnächst privatisiert werden. Der europäische Luftfahrtmarkt wird gerade komplett neu geordnet.


Vor allem kleine Gesellschaften treibt der hohe Ölpreis an den Rand des Ruins. „Finanzstarke Airlines werden mehr Ruhe in den Markt bringen. Es gibt immer noch viel zu viele Produkte und Marken“, sagt Gerd Pontius, Chef der Unternehmensberatung Prologis.


Europa hat schlichtweg zu viele Airlines, und diese leisten sich einen ruinösen Preiswettkampf. Schön für die Passagiere, doch oft nicht wirtschaftlich für die Gesellschaften. Immer wieder haben deshalb europäische Regierungen schwächelnden Staats-Airlines mit fragwürdigen Subventionen gestützt. Doch diese Praxis wird auf Drängen der EU-Kommission geweicht. Stark dazu beigetragen, nationale Vorbehalte beiseitezuschieben, haben der wirtschaftliche Erfolg der neuen Flugkonzerne Air France/KLM und Lufthansa/Swiss.

Selbst in Italien hat nun die Regierung eingesehen, dass sie die Alitalia nicht mehr retten kann. 16 Investoren wollen rund eine Milliarde Euro bereitstellen, um die so gut wie zahlungsunfähige Fluggesellschaft Alitalia zu retten. Danach stehen Air France/KLM und Lufthansa als mögliche Partner bereit.

Außerhalb Europas unterliegt der Markt noch größerem Staatseinfluss. Stark wachsenden arabischen Airlines wie Qatar Airways, Emirates oder Ethiad Airways sind fast noch komplett in Regierungsbesitz. In den Vereinigten Staaten ist es Ausländern zudem untersagt, mehr als 25 Prozent an einer Fluggesellschaft zu besitzen.

US-Luftfahrt-Manager sähen diese Hürde gerne fallen. Weil frisches Geld nur noch schwer zu bekommen ist, haben bereits acht US-Linien seit Jahresbeginn Konkurs angemeldet – darunter etablierte wie Frontier aus Alaska und Aloha aus Hawaii. Der Mutterkonzern des US-Primus American Airlines, die AMR Corporation, machte allein im zweiten Quartal einen Verlust von 1,4 Milliarden Dollar.

Seit Jahresbeginn sind weltweit 24 Fluggesellschaften zusammengebrochen. Für die gesamte Branche rechnet der Airline-Verband IATA mit Verlusten von mehreren Milliarden Dollar, wenn der Rohölpreis nicht nachhaltig unter die 100-Dollar-Marke sinkt. Gleichzeitig schwächelt die Wirtschaft in den USA und Europa. Vielen Airlines fehlt schlicht das Geld für den Weiterflug. Ganz zu schweigen von Investitionen in eine sparsamere und umweltverträglichere Flotte. Nur wenige europäische Linien bestellen derzeit neue Langstrecken-Jets.

Schon heute ist absehbar, dass vor allem Gesellschaften mit spritsparenden Flugzeugen wie dem Airbus A380, der Boeing 787 oder dem neuen Airbus A350 Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz mit älteren Flugzeugen haben werden. „Diese Flugzeuge machen dank der niedrigen Kosten nicht nur dezentrale Strecken attraktiver, sie erlauben auch neue Strecken aus unseren Drehkreuzen heraus“, sagt Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber. So könnte das Angebot für die Kunden trotz der sinkenden Zahl von europäischen Airlines durchaus größer werden.