Manche Ideen kommen einfach viel zu früh. Zum Beispiel die der Reverse-Outperformer, die vor gut einem Jahr von der Société Générale aufgelegt wurden. Die Finanzkrise hatte gerade erst angefangen und irgendwie dachten die meisten Anleger trotzdem noch, dass der Dax weiter steigen könnte. Und tatsächlich hielt sich der deutsche Leitindex noch ein halbes Jahr überraschend stabil und bewegte sich auch am Jahresende um die 8000-Punkte-Marke. Mittlerweile ist diese allerdings in weite Ferne gerückt und jetzt geht es eher darum, ob denn wenigstens die 6000er-Schwelle halten wird.
Den „umgedrehten“ (Reverse) Outperformern hat der Dax-Verfall erwartungsgemäß satte Kursgewinne beschert. Zum Beispiel einem dreifach gehebelten Dax-Reverse-Outperformer, der ausgehend von der 8000-Punkte-Marke den prozentualen Indexverlust per Fälligkeit mit dem Faktor 3 multipliziert. Würde das wichtigste deutsche Börsenbarometer im Juni 2009 bei 6000 Punkten – also 25 Prozent unter dem Startwert – stehen, käme es damit zu einer Rückzahlung von 175 Euro. Geht es weiter bergab, zum Beispiel bis zur Indexhalbierung (4000 Punkte) dann kämen 3 mal 50 Euro zu den anfänglichen 100 Euro hinzu. Der Dax-Albtraum würde also zur Rückzahlung von 250 Euro führen (WKN: SG03NB).
Die Hebelwirkung hat bei den im Juni vergangenen Jahres aufgelegten Produkten allerdings bereits deutliche Wirkung gezeigt, sodass die Papiere aus der Erstemission inzwischen weit über 100 Euro notieren. Somit drohen Anlegern nun auch überproportionale Verluste falls der Dax wieder nach oben drehen sollte. Abzumildern wäre dies über einen später aufgelegten Abwärts-Outperformer mit einem Startwert von 6250 Punkten, was ziemlich exakt dem aktuellen Indexstand entspricht. Bei diesem Zertifikat unterliegt die Hebelwirkung mit der Indexverluste in Kursgewinne umgewandelt werden allerdings nur dem geringeren Faktor zwei (WKN: SG5ESV).
Ein interessanter Nebenaspekt der Reverse-Outperformer ist, dass sie zwar bei Indexverlusten überdurchschnittlich gewinnen, sie gleichzeitig aber nur einfach verlieren, wenn der Index steigen sollte. Damit sind sie den im Börsenhandel äußerst populären einfachen Dax-Bär-Zertifikaten in der Theorie eigentlich deutlich überlegen. Denn bei diesen wird nur eine einfache Partizipation nach unten angeboten. Oder – doch nicht?
Da sich die Bär-Zertifikate letztlich aber kaum von Short-Turbos mit weit entfernter Knock-Out-Schwelle unterscheiden, kann es auch bei diesen zu starken Hebeleffekten kommen. Vor allem dann, wenn der Index nah an die auch bei Bär-Zertifikaten existierende Knock-Out-Schwelle herankommt. So wie bei einem an der Stuttgarter Derivatebörse Euwax rege gehandelten Dax-Bär der Landesbank Berlin (WKN: LBB11G). Der Basispreis dieses Papiers liegt bei 10.000 Dax-Punkten, von denen zur Ermittlung des Zertifikatepreises der aktuelle Dax-Stand abgezogen wird. Bei den Rekordkursen zum Jahreswechsel sank der Wert des Zertifikats damit zum Teil unter 20 Euro (Bezugsverhältnis 100:1).
Im Zuge der Börsenkorrektur ist der Preis des Zertifikats inzwischen aber wieder deutlich nach oben geschnellt und konnte dabei sogar stärker zulegen, als die mehrfach gehebelten Reverse-Outperformer. Das muss er aber auch, weil eben auch das Anlagerisiko des Dax-Bären deutlich höher ist. Denn wenn der Dax tatsächlich bis zu 10.000 Zählern klettern würde, dann käme es bei dem harmlos klingenden Bär-Zertifikat ebenso wie bei den spekulativ anmutenden Turbo- und Knock-Out-Zertifikate zu einem Totalverlust, weil der Wert (Basis minus Indexstand) dann negativ wird.
Bei Reverse-Outperformance-Zertifikaten mit Basis 8000 würden hingegen auch bei einem Dax-Anstieg auf 10.000 Punkte immer noch 75 Euro zurückgezahlt werden. Soll heißen: Auch wenn „Reverse-Outperformance mit dreifachem Hebel“ ziemlich aggressiv klingt, ist eine Depotabsicherung mit diesen Papieren letztlich defensiver als die über die Bär-Zertifikate. Das gilt umso mehr, da sich bei den Outperformern die volle Hebel-Wirkung – wie üblich – erst gegen Ende der Laufzeit bemerkbar macht, was dazu führt, dass bei den derzeit zu rund 150 Euro angebotenen 8000er-Papieren für den Anleger auch ohne weitere Indexverluste noch Gewinne anfallen würden.
Fazit: Ein genauer Blick in die Angebotsbedingungen bleibt Anlegern bei Zertifikaten nie erspart. In der Praxis zeigt sich, dass auch in Produkten mit relativ harmlos klingenden Namen ungeahnte Risiken schlummern können. Die einem Knock-Out-Zertifikat nicht unähnlichen Bär-Zertifikate sind hier nur ein Beispiel.



