Gesundheit wird teurer. Im kommenden Jahr wird der Gesundheitsfonds eingeführt und mit ihm ein einheitlicher Beitragssatz für alle gesetzlich Versicherten. Auch wenn der Beitragssatz erst im November bekannt gegeben werden soll, rechnen Experten mit einem Satz von 15,5 Prozent – deutlich mehr, als das Gros der Versicherten heute zahlt.
Davon betroffen sind insbesondere die Besserverdiener. Sie zahlen schon heute hohe Beiträge. Zudem werden zum Jahreswechsel die Beitragsbemessungsgrenzen angehoben, was die Kosten für die Krankenversicherung zusätzlich in die Höhe treibt. Diese Klientel – genau genommen all diejenigen, die drei Jahre lang mehr als 48.150 Euro im Jahr verdienen – hat jedoch auch die Möglichkeit, in die private Krankenversicherung zu wechseln. Die privaten Versicherungsgesellschaften rüsten auf und locken insbesondere Gesunde mit unschlagbar günstigen Tarifen und mit neuen Tarifstrukturen. Die unter dem Dach der Ergo-Gruppe operierenden Unternehmen DKV und Victoria haben jüngst ihre Tarife überarbeitet.
Danach kann ein 30-jähriger Mann bereits ab 97,88 Euro monatlich in die private Krankenversicherung wechseln. Eine Frau im gleichen Alter zahlt mit 100,05 Euro nur unwesentlich mehr. In dem Tarif sind die Leistungen reduziert. Zudem müssen ambulante Arztkosten bis zur Höhe von 1200 Euro im Jahr aus der eigenen Tasche gezahlt werden. Wer Leistungen erhöhen oder den Selbstbehalt auf 600 Euro reduzieren möchte, muss teurere Tarife wählen. Auch die Signal Iduna will ab dem 1. Oktober einen günstigen Komforttarif anbieten. Debeka, Allianz und Central sehen sich mit ihrer Tarifstruktur gut aufgestellt und planen derzeit keine neuen Tarife.
Der Wettbewerb auch unter den privaten Versicherungsgesellschaften wird sich verschärfen. Die Gesundheitsreform zeigt erste Wirkungen. Das Neugeschäft verlief in den ersten sechs Monaten dieses Jahres äußerst schleppend. Denn nun muss ein gesetzlich versicherter Angestellte drei Jahre hintereinander mehr als 48.150 Euro verdienen – erst dann darf er zu den Privaten wechseln. Im vergangenen Jahr belief sich der Nettoneuzugang auf gerade einmal 60.000 – im Jahr davor waren es mit 120.000 noch doppelt so viele. „Bleiben die Zugänge auf den jetzigen Niveau, können in Zukunft die Abgänge nicht mehr vollständig kompensiert werden“, mahnt Axel Großpietsch, Versicherungsanalyst bei Fitch Ratings.
„Der Druck steigt“, beobachtet Großpietsch. „Es kommen deutlich weniger Neukunden nach. Also wird verstärkt um die bestehenden Kunden innerhalb des PKV-Systems geworben“, sagt Großpietsch. Bereits heute finden sich unter den fünf großen Versicherern Gewinner und Verlierer. Federn lassen musste etwa die Signal Iduna. Die Allianz hat von 2006 bis 2007 gut 20.000 Vollversicherte verloren, bei der Huk Coburg haben sich 2007 gut 13.000 Personen neu versichert und die Central verzeichnete einen Nettoneuzugang in der Vollversicherung von 12.000 Personen.
Doch der Wettbewerb dürfte sich im kommenden Jahr verschärfen. Denn zumindest in einem kleinen Zeitfenster von sechs Monaten können privat Versicherte bei einem Wechsel des Versicherungsunternehmens zumindest einen Teil ihrer Alterungsrückstellungen mitnehmen. Doch der Versicherte darf beim neuen Anbieter zunächst nur in den Basistarif wechseln. Dort muss er dann eineinhalb Jahre verweilen, bevor er in einen besseren Tarif mit mehr Leistung wechseln darf. „Das macht den Wechsel des Versicherers natürlich deutlich unattraktiver“, bemerkt Versicherungsexperte Großpietsch. Versicherungsmathematiker Peter Schramm geht jedoch davon aus, dass den Versicherungsgesellschaften einiges einfallen wird, um beispielsweise mit Optionen auf einen besseren Tarif gesunde Versicherte der Konkurrenz abzuluchsen.
„Im nächsten Jahr wird es einen Verdrängungswettbewerb geben“, prognostiziert Schramm. „Abgeworben werden gesunde Versicherte – auch Ältere“. Denn diese haben mit der Mitnahme der Alterungsrückstellungen erstmals die Möglichkeit, sich günstig neu zu versichern. „Und gerade in den höheren Altern ist die sogenannte Entmischungsgefahr – also dass die altersbedingt bereits zunehmend Kranken dann konzentriert zurückbleiben – besonders groß“, sagt Schramm. Die Konsequenz dieser Entwicklung: Die Versicherung wird teurer werden. Großpietsch geht davon aus, dass die Beiträge jährlich um rund fünf Prozent steigen.
Besonders hoch fällt die Beitragserhöhung für all diejenigen aus, die sich im kommenden Jahr neu privat versichern. Denn ab 2009 müssen die Versicherungsgesellschaften neu rechnen. Wer dann in die private Krankenversicherung wechselt, kann zumindest einen Teil seiner Alterungsrückstellungen mitnehmen – und das lebenslang. Das verteuert die Tarife. Künftig bleibt bei einem Wechsel das angesparte Kapital nicht mehr im Versichertenkollektiv. Wie eine Umfrage von Morgenpost Online unter den fünf größten privaten Versicherern ergab, werden die Beiträge im Schnitt um bis zu zehn Prozent steigen. „Ich würde daher jedem raten, der kann, noch in diesem Jahr in die private Krankenversicherung zu wechseln“, sagt Reinhold Schulte, Vorstandschef der Signal Iduna.
Doch Verbraucherschützer warnen vor Torschlusspanik. „Der Preisvorteil bei Alttarifen wird nicht von Dauer sein“, prognostiziert Versicherungsmathematiker Schramm. Zwar würden die Tarife für Altverträge nicht zum Jahreswechsel erhöht, wohl aber sukzessive. „In einigen Jahren wird es für Kunden kaum mehr einen Preis¿unterschied mehr zwischen alten und neuen Tarifen geben“, sagt Schramm. Und ab 2009 ist der Versicherte wesentlich flexibler. Denn kann er auch noch nach einigen Jahren in der privaten Krankenversicherung den Anbieter ohne große Verluste wechseln.




