Wohlstand

Deutsche fühlen sich arm – doch allen geht's gut

Gewaltige Einkommensunterschiede, Abstieg der Mittelschicht, Armut – in Deutschland wird gern ein düsteres Bild von der Lebenssituation der Menschen gezeichnet. Doch die Wahrheit sieht anders aus: Jeder profitiert von fast kostenloser Bildung, dem Gesundheitswesen, der stabilen politischen Lage. Kurz: Es geht uns allen gut.

Das Bild, das heute zuweilen von Deutschland gezeichnet wird, mutet düster an: Danach wächst die Armut, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, der Mittelschicht droht der Absturz. Angesichts solcher Schwarzmalerei verwundert es nicht, dass die Deutschen pessimistisch in die Zukunft schauen. Für den renommierten Ökonomen Hans-Werner Sinn ist die hiesige Armutsdebatte indes völlig absurd. Denn jeder, der sich legal in Deutschland aufhalte, habe das Nötige zum Leben. Dafür sorgen schließlich im Notfall die staatlichen Sozialleistungen. Auch der Abstieg der Mittelschicht ist eine Legende. Die Verschiebungen resultieren vielmehr aus dem wachsenden Anteil der Zuwanderer, die in der Regel in die Unterschicht einwandern.

Trotzdem sind auch viele Deutsche tief verunsichert. Die Globalisierung und der demografische Wandel werden als Bedrohungen wahrgenommen. Die Bevölkerung ist überzeugt, vom derzeitigen Aufschwung nicht zu profitieren. Vor allem in den unteren Schichten wächst die Skepsis gegenüber Demokratie und Marktwirtschaft. An das Versprechen vom "Wohlstand für alle" vermag heute kaum jemand mehr glauben.


Doch was heißt überhaupt "Wohlstand"? Im Nachkriegsdeutschland war die Antwort einfach und lautete: stetiges Wachstum und üppige Lohnsteigerungen. Für viele Deutsche erfüllten sich in den Jahren des Wirtschaftswunders die Träume vom Eigenheim, von der ersten Auslandsreise, vom Auto. Doch mittlerweile haben wir einen Lebensstandard erreicht, der die Menschen "Wohlstand" viel umfassender und weniger materialistisch definieren lässt. Familie, Sicherheit, weniger Stress bei der Arbeit, Umweltschutz und andere Güter rangieren heute für die meisten Deutschen höher als die persönliche Wohlstandsmehrung.

Mit Blick auf diese Veränderungen forderte der Gesellschaftsforscher Meinhard Miegel kürzlich auf Morgenpost Online einen neuen Wohlstandsbegriff, der nicht länger nur auf wirtschaftlichem Wachstum beruht. Tatsächlich scheint in Deutschland eine solche Debatte dringend nötig. Dabei geht es keineswegs darum, wie einst beim Club of Rome, der in den 70er-Jahren die Grenzen des Wachstums beschwor, den Systemwechsel zu propagieren. Denn die freiheitliche Ordnung, basierend auf Demokratie und Marktwirtschaft, hat sich unbestreitbar als Siegermodell erwiesen. Doch innerhalb dieses Rahmens brauchen wir eine andere Gewichtung der Werte. Eine Gesellschaft, die gebannt nur auf wirtschaftliche Größen wie BIP-Wachstum und Einkommensentwicklungen schaut, wird es schwer haben, mit den künftigen Veränderungen fertig zu werden. Die sehr egalitär gesinnten Deutschen müssen erst noch lernen, sich an größere Einkommensunterschiede zu gewöhnen, die eine unvermeidbare Folge der Globalisierung sind. Mehr Umverteilung, wie sie die SPD und Linke propagieren, wäre ein Irrweg. Schließlich steht den gut ausgebildeten Leistungsträgern die ganze Welt offen. Sie zu vertreiben wäre eine Katastrophe.

Statt die Unzufriedenheit und den Neid am unteren Ende der Gesellschaft zu schüren, sollte Politik besser das Bewusstsein dafür schärfen, wie wohlhabend jeder Einzelne hierzulande ist. Für diese Erkenntnis braucht es keinen Vergleich der hiesigen Stundenlöhne mit dem durchschnittlichen Tageseinkommen eines Chinesen. Es reicht schon, uns das Leben unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zu vergegenwärtigen. Unser gewohntes Maß an innerer und äußerer Sicherheit ist historisch einmalig. Das soziale Netz verhindert effizienter als in den meisten anderen Ländern dieser Welt existenzielle Not. Bildung ist weitgehend kostenfrei. Und wer krank ist, dem steht das Gesundheitssystem offen, selbst wenn er nie dafür einen Beitrag geleistet hat. Bei allen sozialen Unterschieden: Jeder Deutsche ist wohlhabend.

Volkswirtschaftlich mag es Verschwendung sein, wenn Kleinkinder nicht in Krippen abgegeben werden, damit beide Eltern berufstätig sein können. Wirtschaftlich lohnt sich für keinen ein Ehrenamt oder nachbarschaftliche Hilfe. In einer Gesellschaft, die ausschließlich ökonomisch tickt, kommen viele menschliche Bedürfnisse zu kurz. Diese Tendenz zeigt sich heute gerade in bildungsfernen Schichten, in denen Konsum einen höheren Stellenwert hat, als dies in der bürgerlichen Mitte der Fall ist. Kinder bekommen von ihren Eltern Computerspiele, aber keine Erziehung oder Bildung. Diese falsche Akzentsetzung, nicht Geldmangel, macht arm.