Konjunktur

Die besten Zeiten am Arbeitsmarkt sind vorbei

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Flora Wisdorff

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juli zwar leicht gestiegen, aber Grund zur Sorge besteht nicht. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet trotz abflauender Konjunktur mindestens bis 2009 mit einer Fortsetzung des Job-Booms. Daran können weder der schwache Dollar noch die Finanzkrise etwas ändern.

Frank-Jürgen Weise will sich nicht von der negativen Stimmung im Lande beeinflussen lassen. Als der Chef der Bundesagentur für Arbeit die jüngste Entwicklung am Arbeitsmarkt verkündete, klang er sogar fast optimistisch: "Die Entwicklung verläuft weniger dynamisch als vor einem Jahr, ist aber grundsätzlich positiv“, sagte der Behördenchef. Die Mischung aus Finanzkrise, Inflation und hohen Ölpreisen, die unter Unternehmern und Konsumenten Pessimismus verbreitet, macht ihm offenbar noch nicht so viele Sorgen.


Zwar ist die Arbeitslosenzahl im Juli im Monatsvergleich um 50.000 auf 3,21 Millionen gestiegen. Das sind aber immer noch 505.000 weniger als vor einem Jahr. Weise erklärte diese Zunahme mit der üblichen Sommerflaute. Saisonbereinigt ging die Arbeitslosenzahl um 20.000 auf 3,25 Millionen zurück. Der Chef aller Arbeitsagenturen erwartet in den kommenden Monaten sogar eine weiteren Abbau. Im Herbst sei „das Unterschreiten der Drei-Millionenmarke möglich“.

Doch ganz unbeeinflusst ist auch der Arbeitsmarkt nicht von den Vorboten der erwarteten Konjunkturabschwächung – der Abbau der Arbeitslosigkeit verläuft inzwischen langsamer als noch im Frühjahr. Die Bundesagentur ist hier auch besorgt. Den Rekordzuwachs an Jobs der vergangenen Jahre wird es nicht mehr geben, glauben auch Ökonomen. Es ist bis Ende des Jahres noch ein kleiner weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit zu erwarten, 2009 wird die Zahl dann bei etwas über drei Millionen stagnieren“, sagt Alfred Boss, Konjunkturexperte vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die „herrlichen Zeiten“, so der Ökonom, seien jedoch „vorbei“. Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung pflichtet ihm bei: „Der Beschäftigungsaufbau kommt allmählich zum Stillstand, per Saldo komme es aber nicht zu Beschäftigungsverlusten“.

Unternehmen reagieren nie besonders schnell mit dem Auf- oder Abbau von Stellen auf konjunkturelle Veränderungen. Sie schaffen nicht bei ersten Anzeichen der Besserung neue Stellen – und sie kündigen auch nicht gleich, wenn sich schwächere Zeiten nur andeuten. Derzeit etwa werden vor allem in der Industrie noch viele Aufträge aus dem Bestand abgearbeitet, und es braucht auch Leute, um neue Aufträge zu gewinnen. Zudem sind Unternehmer schon per Gesetz dazu gezwungen, langfristig zu denken, wenn sie neue Mitarbeiter einstellen. „Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist bis zuletzt gestiegen“, sagt Dreger. Und solche Stellen könne man schon wegen des „rigiden“ deutschen Arbeitsrechts nicht im „Handumdrehen wieder abbauen“.

Die Ökonomen erwarten bisher noch Wachstum in Deutschland, wenn es auch schwächer ausfallen werde als zuletzt. Laut Dreger liegt die „Beschäftigungsschwelle“, also der Wachstumswert, ab dem hierzulande neue Jobs geschaffen werden, bei 1,2 Prozent. Er rechnet genau mit diesem Wachstumswert für 2009, genauso wie die Bundesregierung. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist zwar etwas pessimistischer. Krämer erwartet 2009 ein Wachstum von 0,7 Prozent. Ihm zufolge kann es schon im Winter könne es zur Stagnation auf dem Arbeitsmarkt kommen. Mit einer nennenswerten Zunahme der Erwerbslosigkeit rechnet aber auch er nicht.

Wenig Chancen für Langzeitarbeitslose

Was den weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit zudem erschwert, sind die die Arbeitslosen, die nun übrig bleiben. 70 Prozent von ihnen sind Hartz-IV-Empfänger. Ein Großteil von ihnen ist langzeitarbeitslos, sucht also schon länger als ein Jahr nach einer neuen bezahlten Beschäftigung. Zudem ist der Anteil an Unqualifizierten unter ihnen besonders hoch. Viele Unternehmen haben keine Verwendung für Personal aus diesem Reservoir. Das Problem hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt: Bevor sie sich in die Sommerpause verabschiedete, warnte sie noch davor, die jüngsten Erfolge am Arbeitsmarkt einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Sie glaube, "dass das Brett, das wir bohren, immer dicker wird“. Das denken auch die Arbeitsmarktexperten: „Jetzt kommen wir zu den strukturellen Problemen, die selbst von konjunktureller Belebung nicht mehr gelöst werden können“, warnt Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

In den Mittelpunkt rücken nun die Behörden, die sich um die Langzeitarbeitslosen kümmern, die Jobcenter, oder auch „Arbeitsgemeinschaften“, in denen Kommunen und Arbeitsagentur bisher die Arbeitslosen gemeinsam betreuen – eine Struktur, die schon seit ihrer Schaffung 2005 in der Kritik steht. Gerade hat der Bundesrechnungshof erneut ihre Arbeit gerügt: Es vergehe zu viel Zeit, bis die Ämter Kontakt mit Arbeitslosen aufnähmen. Und je länger die Arbeitslosigkeit dauere, desto schlechter seien die Arbeitslosen vermitelbar. „Erhebliche Missstände“ gebe es nach wie vor, so der Rechnungshof.

Obwohl das Bundesverfassungsgericht die Mischstruktur für unzulässig erklärt hat, wollen Länder und Bund nun das Gesetz in der Weise ändern, damit sich Bundesagentur und Kommunen auch künftig die Verantwortung teilen. Arbeitsmarktexperte Eichhorst sieht das kritisch: „Es müssen eigentlich handlungsfähige Strukturen geschaffen werden“, fordert er, das sei eine „Schicksalsfrage“.

Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) kommentierte die neuen Arbeitsmarktzahlen jedenfalls optimistisch: „Wenn wir weiter das Richtige tun, ist Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel“, gab er bekannt. Ökonomen sprechen bei einer Arbeitslosenquote von vier Prozent von Vollbeschäftigung, derzeit liegt sie bei 7,7 Prozent. Auch Angela Merkel hält am Ziel der Vollbeschäftigung fest. Sie will sich aber nicht festlegen, ob es in „zwei, drei, zehn oder elf Jahren“ erreicht wird.