Mit der europaweiten Ausschreibung von Rabattverträgen heizt die AOK als Deutschlands größte Krankenkasse den Preiswettbewerb zwischen den Pharmaunternehmen an. „Es wird zu einem gnadenlosen Preiskampf kommen“, sagte der Geschäftsführer des Branchenverbands "Pro Generika“, Peter Schmidt. Auch mehrere Pharma-Analysten sprachen von einem zusätzlichen Druck auf die Preise, der sich in seinen Ausmaßen noch nicht abschätzen lasse.


Die Bundesregierung begrüßte hingegen das Vorpreschen der AOK mit einer neuen Ausschreibung. Es sei erfreulich, wenn so Preisnachlässe im Interesse der Patienten ausgehandelt würden, sagte ein Sprecher von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. AOK-Verhandlungsführer Christopher Hermann zeigte sich überzeugt, dass den rechtlichen Einwänden von Kritikern, die zum teilweisen Scheitern der vorherigen Runde geführt hatten, der Wind aus den Segeln genommen wurde.


Die 16 Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) haben 64 Wirkstoffe mit einem Umsatzvolumen von rund 2,3 Milliarden Euro europaweit ausgeschrieben. Darunter sind umsatzstarke Wirkstoffe wie das Schmerzmittel Ibuprofen oder der Cholesterinsenker Simvastatin. Die Kassen versprechen sich dadurch Einsparungen "im höheren dreistelligen Millionenbereich“. Dazu werden fünf Wettbewerbsregionen mit je 4,5 Millionen Versicherten gebildet. In ihnen kann jeweils eine andere Firma als Sieger hervorgehen.

Bessere Chancen für mittelständische Anbieter

So kann es sein, dass AOK-Versicherte auf Rezept zu einem Wirkstoff in verschiedenen Regionen unterschiedliche Medikamente erhalten. Durch die Aufteilung sollen mittelständische Firmen, die oft nur kleinere Gebiete abdecken können, bessere Möglichkeiten erhalten. An der vorherigen bundesweiten Ausschreibung war die mangelnde Chancengleichheit von kleinen Firmen gegenüber großen Konzernen ins Feld geführt worden. Allerdings soll ein Anbieter auch alle fünf sogenannten „Regional-Lose“ gewinnen können.

„Pro Generika“-Geschäftsführer Schmidt verwies darauf, dass die AOK innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung einen Marktanteil zwischen 40 und 42 Prozent habe. Wenn ein Unternehmen in allen fünf geplanten Regionen einen Zuschlag erhalte, könnten "die anderen Unternehmen fast die Hälfte ihres Umsatzes abschreiben“. Es werde daher noch härter zugehen als bei bisherigen Rabattrunden. Rationalisierungen und Produktionsverlagerungen könnten die Folge sein.

Nach Einschätzung von Analysten bei Dresdner Kleinwort und DZ Bank werden in der neuen Rabattrunde vor allem größere Hersteller wie Sandoz/Hexal, Ratiopharm und Stada zu den Gewinnern zählen, da sie Liefersicherheit bieten. Die DZ Bank geht zudem davon aus, dass in der neuen Runde etwa 150 Firmen Rabattverträge anstrengen.

Durch die Gesundheitsreform dürfen Apotheken an Patienten auf Rezept nur Präparate von Herstellern abgeben, die mit ihrer Kasse eine Preisabsprache abgeschlossen haben. Für 2008 und 2009 verfügt die AOK über Vereinbarungen mit 30 Herstellern zu 22 Wirkstoffen. Nach den Klagen unterlegener Hersteller hatte das Landessozialgericht Baden-Württemberg der AOK im Februar untersagt, darüber hinaus weitere Rabattverträge zu schließen. Die Rechtsstreitigkeiten dauern an. Weiter ungeklärt ist, ob Krankenkassen als öffentliche Auftraggeber gelten. Auch die Regierung sucht nach Wegen, wie gesetzlich für Rechtssicherheit im Vergaberecht gesorgt werden kann.

Hermann sagte: „Ich bin optimistisch, dass es keine durchgreifenden rechtlichen Argumente mehr gibt.“ Nach eingehender Analyse seien alle vorgetragenen Bedenken aus der vorherigen Runde berücksichtigt worden. Die bestehenden bundesweiten Rabattverträge sollen weiter gelten. Vereinbarungen, die einzelne AOKen regional getroffen hätten, würden dagegen bis Jahresende aufgelöst, kündigte er an.

Reuters/ras