Sieben Cent mehr je Liter Milch zahlen die Verbraucher bei Aldi, Lidl, Plus oder Rewe jetzt. Die Handelsketten wollen sogar, dass zehn Cent des Ladenpreises über die Molkereien bei den Bauern ankommen. Doch im Schnitt werden die meisten Bauern einen deutlich geringeren Aufschlag pro Liter Rohmilch erhalten. Denn nur 20 Prozent der Milch von deutschen Höfen wird zu Trinkmilch – zusammen mit Butter – verarbeitet. Und nur dafür gibt der Handel mehr Geld. Für die meisten Produkte aber, darunter Joghurt und Käse, wird den Molkereien derzeit noch nicht mehr bezahlt. „Dadurch sind für uns im Schnitt höchstens noch zwei Cent mehr drin“, sagte Romuald Schaber, Präsident des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), zu Morgenpost Online. „Bei anderen kommt sogar nur ein Cent an.“


Die Molkereien geben nach Angaben des BDM in der Regel an die Bauern nur die Mehreinnahmen weiter, die sie selbst vereinbart haben. Um also die während der Milchstreiks verlangten zehn Cent mehr zu bekommen, müssten auch alle anderen Milchprodukte teurer werden. Laut den Milchbauern haben sich die Molkereien mit dem Handel noch nicht auf höhere Einkaufspreise für Käse, Quark oder Joghurt geeinigt. Auch die Lebensmittelindustrie zahle noch nicht mehr für Milch, die als Pulver bei der Herstellung von Schokolade und Keksen verwendet wird.

Natürlich gibt es auch Profiteure des Streiks unter den Bauern. Laut Schaber haben diejenigen Landwirte mit der nächsten Abrechnung ab 10. Juli mehr in der Kasse, deren Lieferungen zum größeren Teil zu Trinkmilch verarbeitet werden. Einige Molkereien wie die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau zahlen außerdem nun den geforderten höheren Erzeugerpreis von 43 Cent. Für die Masse der Produzenten sind laut BDM jedoch statt bisher 33 Cent im Schnitt nur 34 bis 35 Cent je Liter Rohmilch drin.


Die Molkereien bestreiten die Hochrechnungen des BDM nicht. Doch trotz laufender Gespräche über höhere Preise für Käse und Joghurt geben sich die Verarbeiter skeptisch. „Es wird schwierig, den Markt insgesamt zu drehen“, sagte Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrieverbands (MIV). Es reiche dabei nicht, Aldi und Lidl an den Pranger zu stellen. Der Verband vertritt etwa 100 deutsche Molkereien.


Der Milchmarkt teilt sich laut MIV in drei etwa gleich große Segmente. Etwa 30 Prozent der Produktion werden zu frischen Milchprodukten fürs Kühlregal im Inland verarbeitet. Eine ähnliche Menge verbraucht die Lebensmittelindustrie. Außerdem seien Bauern und Molkereien heute von Exporten abhängig, die überwiegend ins europäische Ausland gehen. Diese komplexe Struktur macht laut Brandl schnelle Veränderungen des Gesamtmarkts unmöglich. Die Bauern zweifeln insbesondere an den Angaben zum hohen Exportanteil, weil dort auch bereits weiterverarbeitete Milch der Industrie eingerechnet werde.

Milchbauern sind ungeduldig – und haben Angst vor Aldi

Die Molkereien sehen sich in einem harten Wettbewerb um Regalflächen in den Supermärkten. Wer den Bauern in Deutschland jetzt schon mehr zahlt, hätte selbst höhere Kosten als die Konkurrenten im In- und Ausland. Andererseits sind die meist mittelständischen Verarbeiter, die sich zum großen Teil in genossenschaftlichen Besitz der Erzeuger befinden, auf die regionalen Lieferanten in Deutschland angewiesen. Der MIV gibt sich deshalb diplomatisch. „Wir wollen flächendeckende Milchproduktion“, betonte Geschäftsführer Brandl.

Die Molkereien setzen daher auf politische Einflussnahme auf Bauern und den Handel. So viel Geduld zeigen die Landwirte nicht. Um den Druck aufrecht zu erhalten, sprechen die Milchbauern bereits von einem neuen möglichen Lieferstopp. Um diesen zu verhindern, hat Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) Gespräche für den 19. Juni angesetzt. Jetzt trafen sich auch wieder Vertreter der Verbände MIV und BDM. Sie sprechen über eine Verknappung der Milchmengen am Markt.

Denn viele Landwirte haben Angst, dass der deutsche Einzelhandel Milch wieder zu billig verkauft. Auch die Verbraucher greifen im Supermarkt meist zur günstigen Milch, was den Preiskampf im Handel antreibt. Als Aldi einige Tage nach Lidl die Milchpreise nur um sieben statt um zehn Cent wie zunächst der Konkurrent anhob, orientierten sich auch andere wie Rewe und die Tengelmann-Tochter Plus am niedrigeren Preis. Und Lidl machte einen Rückzieher: Die bereits angekündigte Erhöhung des Butterpreises ließ der Discounter aus Neckarsulm wieder fallen.

„Für uns ist wichtig, dass der Handel nicht mehr einseitig zurückrudert“, sagte Milchbauern-Chef Schaber. Einen kleinen Vorteil haben die Bauern zunächst. Im Sommer nimmt die Milchmenge normalerweise ab, weil die Kühe weniger geben. Dann wird das Angebot etwas knapper und kann die derzeitigen Preise stabilisieren.