Josef Ackermann und seine Manager waren sich sehr sicher. Konzepte und Verlautbarungen lagen fertig in der Schublade. Die Deutsche-Bank-Spitze hatte schon haarklein geplant, was sie tun würde, sobald sie den Zuschlag für die Citibank bekäme, die deutsche Privatkundentochter der amerikanischen Citigroup. „Wir sind die Einzigen, die noch wirklich ernsthaft im Rennen sind“, sagte ein Manager der Großbank noch Mitte dieser Woche. Umso größer war der Schock, als am Freitagmorgen die Meldungen über die Nachrichtenticker liefen: Die Citibank ging nicht an die Deutsche Bank – sondern an die hierzulande vollkommen unbekannte Genossenschaftsbank Crédit Mutuel aus Frankreich. „Ich wäre fast hintenübergekippt“, sagt ein Deutschbanker zerknirscht.
Damit sind die deutschen Geschäftsbanken bei der größten Übernahme eines privaten Geldhauses seit drei Jahren nur Zuschauer. Das ist nicht nur eine Enttäuschung für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, sondern für die ganze Branche der privaten Banken. Seit Jahren klagen die Häuser darüber, dass sie im internationalen Vergleich zu klein seien und sich auf ihrem zersplitterten Heimatmarkt nicht verstärken könnten. Doch wenn eine Gelegenheit da ist, lassen die deutschen Großbanken sie regelmäßig ungenutzt. „Immer dann, wenn sich eine Chance zur Konsolidierung des deutschen Bankenmarktes bietet, ist keine deutsche Bank da“, kritisiert Bankenprofessor Dirk Schiereck von der European Business School. Und die Gefahr ist groß, dass noch weitere Fusionsträume zerplatzen.
Die Liste der Misserfolge der vergangenen Jahre ist lang. Im Jahr 2000 zerbrach die Verlobung von Dresdner und Deutscher Bank kurz vor dem Traualtar: Die Fusion war bereits ausgehandelt und verkündet, als die Londoner Investmentbanker der Deutschen Bank das Geschäft torpedierten. Als im gleichen Jahr die gewerkschaftliche BfG-Bank verkauft wurde, schlug die schwedische SEB zu, bei der HypoVereinsbank fünf Jahre später die italienische UniCredit. „Die deutschen Großbanken haben es immer wieder selbst vermasselt, größere Einheiten zu bilden“, sagt Bankenprofessor Wolfgang Gerke.
Gute Gründe ließen sich dafür fast immer finden. Bei der Citibank ist es der Preis. 4,9 Milliarden Euro legt Crédit Mutuel für den Ratenkreditspezialisten mit Sitz in Düsseldorf auf den Tisch, zusätzlich erstatten die Franzosen die Gewinne des Jahres 2008. „So viel hätte die Deutsche Bank nie und nimmer gezahlt“, berichten Beteiligte. Die Schmerzgrenze der „Abteilung für Konzernentwicklung“, die hausintern für ihre scharfen Kalkulationen berüchtigt ist, soll bei nur vier Milliarden Euro gelegen haben.
Analysten beglückwünschten die Deutsche Bank zwar zu ihrer Preisdisziplin. Doch den Privatkundenchef Rainer Neske wird das wenig getröstet haben. „Die Citibank hätte perfekt in seine Strategie gepasst“, heißt es in der Bank. Neske will ein zweites Standbein für die Deutsche Bank aufbauen, eine Marke für den Massenmarkt. Dafür hat er vor zwei Jahren die Norisbank gekauft. Doch mit ihren 500.000 Kunden und ihren 400 Mitarbeitern ist sie viel zu klein, um im Konzern ein echte Gewicht zu haben. Mit der Citibank hätte Neske 3,3 Millionen Kunden dazugewonnen, die genau in sein Konzept passen: preissensibel, aber wenig beratungshungrig. Sie gehören nun den Franzosen.
Als möglicher Ersatz ist einzig die Postbank in Sicht. Deren Aktie legte zum Wochenende kräftig zu. Die Finanzwelt spekulierte darauf, die Deutsche Bank werde nun tief in die Tasche greifen, um nicht noch einmal leer auszugehen. „Wir halten es für unwahrscheinlich, dass sich die Deutsche Bank die Konsolidierung des Marktes komplett von der Seitenlinie anschaut“, meint UniCredit-Analyst Andreas Weese.
Doch dieser Schluss könnte sich als vorschnell erweisen. Denn wenn man hochrangige Deutschbanker auf die Postbank anspricht, stößt man auf wenig Euphorie. Als man sich die Bücher der Citibank angesehen habe, sei man sehr angetan gewesen, heißt es im Konzern. Bei der Postbank hingegen sei von Begeisterung keine Spur. Viele in der Branche rechnen bei der Post-Tochter mit weiteren hohen Abschreibungen aufgrund der Finanzmarktturbulenzen. Außerdem passt die Postbank, die Aktienfonds neben Briefmarken und Paketschnüren verkauft, nicht in Neskes Konzept. „Bei der Citi- und der Norisbank sind die Mitarbeiter echte Verkäufertypen, die Postbank ist dagegen im Kern immer noch ein Beamtenladen“, sagt ein Banker. Ein Teil des engsten Führungszirkels im Konzern soll deshalb dagegen sein, die Postbank zu kaufen.
Für Ackermann gäbe es praktisch nur einen guten Grund, trotzdem zuzugreifen: Er muss verhindern, dass die Postbank an einen inländischen Finanzkonzern geht, der ihm anschließend kräftig Konkurrenz machen könnte. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Allianz und die Commerzbank haben zwar ein gemeinsames erstes Gebot für die Post-Tochter abgegeben, sind derzeit aber beim Rennen um die Postbank außen vor.
Und selbst die Annäherung der Commerzbank an die Allianz-Tochter Dresdner Bank, die die Voraussetzung für einen gemeinsamen Vorstoß wäre, kommt nur langsam voran. Nach einem ersten heftigen Flirt sei die Leidenschaft etwas verflogen, berichtet ein Beteiligter. Zwar brütet eine Hundertschaft an Bankern inzwischen intensiv über den Bilanzen des jeweils anderen. Von einer Entscheidung ist man aber noch so weit entfernt, dass manche Führungskraft schon nervös wird. „Man kann das Zeitfenster nicht ewig offen halten, sonst entsteht zu viel Unruhe in den Häusern“, heißt es. An den möglichen zweiten Schritt, eine gemeinsame Übernahme der Postbank, denkt im Moment kaum noch jemand.
Post-Chef Frank Appel muss daher beim Verkauf seiner Tochter auf eine zweite Crédit Mutuel hoffen – auf ein ausländisches Institut, das plötzlich Milliarden auf den Tisch legt, nur um in Deutschland Fuß zu fassen. Die Deutsche Bank freilich brächte auch das nicht in Zugzwang. Denn wenn ein Ausländer die Postbank kaufte, änderte sich an der Wettbewerbslage nichts. Nur wäre dann erneut eine Chance für eine Konsolidierung innerhalb Deutschlands vertan.
So mancher Beteiligte fühlt sich in diesen Tagen deshalb an das Jahr 2000 erinnert – jene Zeit, in der sich die deutschen Großbanken nahe waren wie nie, aber doch nicht zueinanderfanden. „Seit zwölf Jahren befasse ich mich mit den Fusionsversuchen unter deutschen Banken“, sagt Branchenanalyst Dieter Hein von Fairesearch. „Wer immer gesagt hat, es wird ausgehen wie das Hornberger Schießen, lag in 95 Prozent der Fälle richtig.“


