Ist dies nun die zweite Welle der Finanzmarktkrise?

„Wir haben nur den Eindruck, als ob es sich um eine zweite Welle handelt“, sagt Dirk Schiereck, Professor für Bank- und Finanzmanagement an der European Business School (EBS). Zwar sei das Thema zuletzt nicht mehr so präsent gewesen. Doch nun zeige sich: „Die Vorstellung, in der Finanzmarktkrise hätten wir das Schlimmste schon überwunden, war falsch.“ Zunächst habe die Krise eher im Verborgenen stattgefunden. „Doch jetzt schwappt sie in den sichtbaren Bereich“, ergänzt Markus Rudolf, Finanz-Professor an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) Vallendaar.

Fannie Mae und Freddie Mac sitzen auf einem Hypothekenberg in Höhe von 5,3 Billionen Dollar – wie konnte eine derart riesige Summe angehäuft werden?

„Die Summe erscheint zwar gigantisch, ist aber nicht das Problem“, sagt Schiereck. Schließlich seien Fannie und Freddie extra dazu gegründet worden, im großen Stil Hypotheken von kleineren regionalen Banken aufzukaufen. „Und man darf nicht denken, dass das alles Schrott-Hypotheken wären. Der größte Teil hat eine sehr hohe Qualität“, sagt der EBS-Professor. Problematischer sei, dass den Banken die Refinanzierung – also die Beschaffung von frischem Kapital – immer schwerer falle.


Wieso geht es den Hypotheken-Giganten wie Fannie Mae und Freddie Mac so schlecht?

„Der Immobilien-Markt liegt so sehr danieder, dass die Krise auch die Institutionen trifft, die mit der Subprime-Krise zunächst wenig zu tun hatten. Und das ist natürlich dramatisch“, sagt Markus Rudolf. Experten diskutierten schon seit langem über die Lage der beiden Institute. Doch weil der amerikanische Staat die beiden Banken groß gezogen habe, sei man immer davon ausgegangen, dass er sie im Notfall auch auffangen werde, sagt Dirk Schiereck. Schlecht sei die Lage allerdings für andere Fannie-Mae- und Freddie-Mac-Aktionäre: „Die können in der Krise natürlich Geld verlieren.“


Was ist der Unterschied zur Lage in Deutschland?

„In den USA gibt es den Trend, Hypotheken zu verbriefen und am Kapitalmarkt zu handeln, wobei außer dem Kapitalmarkt niemand gerade steht.“ Bei deutschen Pfandbriefen stünden dagegen sowohl die Immobilie als auch die Bank im Hintergrund – „insofern gibt es hier einen entscheidenden Sicherungsmechanismus mehr“, sagt WHU-Experte Rudolf.

Das US-Finanzministerium und die Notenbank Fed springen einmal mehr in die Bresche – ist das richtig?

„Das ist absolut unvermeidlich“, sagt Schiereck. „Pleiten von Fannie und Freddie hätten so schlimme Auswirkungen – die darf es einfach nicht geben.“ Ohne die beiden Riesen könnten viele kleine US-Banken keine Kredite mehr vergeben, und dies sei schlicht nicht vorstellbar.

Die US-Banken kommen mit immer neuen Hiobsbotschaften – wie lange können die Regierung und die Notenbank noch aus der Patsche helfen?

„Bevor solche Institute in den Konkurs gehen, wird der letzte Steuerdollar ausgegeben“, prophezeit Markus Rudolf. Regierungen und Zentralbanken stützten ihre Wackelkandidaten so lange wie irgend möglich: „Denn Finanzmarktkrisen dieser Größenordnung sind automatisch existenzielle Krisen für die ganze Volkswirtschaft.“

Kann man sagen, wie eng deutsche Geldhäuser mit Fannie Mae und Freddie Mac verbandelt sind?

„Nein, diese Verquickung kann man unmöglich fassen, das ist alles sehr intransparent“, sagt Dirk Schiereck. In Deutschland würden letztlich aber nur solche Institute schwer getroffen, die nicht ausreichend Liquidität hätten und gezwungen seien, kurzfristig Anleihebestände zu verkaufen.

Welche Auswirkungen werden die schlechten Nachrichten aus den USA denn auf Deutschland haben?

„Zunächst ist da ein beträchtliches psychologisches Problem“, sagt Schiereck. Schwierigkeiten bei den großen staatlichen oder halbstaatlichen US-Banken machten jeden deutschen Banker nervös, der größere Anleihebestände dieser Institute in seinen Büchern habe. „Dies führt dazu, dass die Banken hierzulande zögern, selbst Kredite zu vergeben und das Geld lieber liegen lassen.“ Nehme die Verknappung im Kreditbereich zu, könne dies auch negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben.

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