Die Preise in Deutschland steigen weiter. Auf 3,0 Prozent ist die Inflationsrate im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Im Euroraum lag der Wert gar bei 3,6 Prozent. Teurer geworden sind vor allem Energie und Nahrungsmittel: An der Zapfsäule zahlen Autofahrer jetzt schon gut 1,50 Euro pro Liter Benzin oder Diesel, und auch im Supermarkt gibt es von Einkauf zu Einkauf weniger fürs gleiche Geld.
Entwarnung ist nicht in Sicht. Der weltweit schier unstillbare Energiehunger spricht eher für weiter steigende Öl- und Gaspreise, und die OECD sowie die UN-Ernährungsorganisation FAO warnen vor Lebensmittelpreisen, deren Anstieg dauerhaft oberhalb der allgemeinen Inflationsrate liegen dürfte. Das drückt auf die Stimmung der Verbraucher, die zunehmend ihren Wohlstand bedroht sehen. So wird der Konsumklima-Index der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Juni klar von 5,6 auf 4,9 Punkte sinken. Und die Deutschen reagieren bereits auf die Preisschocks: Beim Essen und bei der Fortbewegung stellen sie ihr Konsumverhalten radikal um.
Viele Jahre galt die Inflation in den westlichen Ländern als ausgemerzt. Die rasche Verbreitung von Computertechnik und Internet sorgte für Produktivitätszuwächse, der globalisierte Wettbewerb hielt die Teuerung weitgehend in Schach. Diese preisdämpfenden Effekte verlieren langsam ihre Wirkung. Dafür kopieren nun die Menschen in aufstrebenden Schwellenländern wie Indien und China vermehrt westliche Lebensstile, was die Preise für Nahrungsmittel und Energie dramatisch und offenbar dauerhaft in die Höhe treibt.
Die aus dieser massiven Teuerung resultierende Wohlstands-Bedrohung rührt nicht allein von dauerhaft steigenden Belastungen beim Heizen oder Autofahren her. Auch die Konzerne kämpfen mit den steigenden Energiekosten. „In einigen Bereichen ist bereits jetzt zu spüren, wie die Unternehmen die Kosten abwälzen“, sagt Hubertus Bardt, Leiter der Forschungsstelle Ökonomie und Ökologie beim Deutschen Institut für Wirtschaft in Köln.
Ein Beispiel ist die Luftfahrtbranche. „Die Airlines versuchen über alle möglichen Zuschläge, ob Gebühren für Gepäckstücke oder die Reservierung bestimmter Sitzreihen, die gestiegenen Treibstoffkosten weiterzugeben“, sagt der Volkswirt. Besonders stark ausgeprägt sei diese Tendenz bereits in den USA, wo der Anstieg des in der Heimatwährung Dollar gehandelten Ölpreises voll auf Wirtschaft und Verbraucher durchschlägt.
In welchem Ausmaß Unternehmen in der Lage seien, gestiegene Energiepreise den Endkunden aufzubürden, entscheide letztlich deren Preissensibilität – nur was für sie unverzichtbar ist, werden Kunden auch zu höheren Preisen abnehmen. „Vielfach werden sich die Unternehmen einem erhöhten Margendruck ausgesetzt sehen, weil sie bei ihren Gütern und Dienstleistungen keine Preissteigerungen am Markt durchsetzen können“, sagt Hubertus Bardt.
Nicht jeder allerdings stimmt uneingeschränkt in das Klagelied vom geschröpften Konsumenten ein. „In Deutschland wird auf hohem Niveau gejammert“, sagt etwa Wolfgang Twardawa von der GfK. „Die Verbraucher wählen bei steigenden Preisen Ausweichstrategien, sodass die Teuerung nur zu einem gewissen Grad bei ihnen ankommt.“
Zum Beispiel Ernährung. „Die Leute werden jetzt noch mehr als vorher beim Discounter kaufen statt im Delikatessenladen, werden Margarine statt Butter essen, öfter normale Eier als Bio-Eier kaufen.“ Tatsächlich liegt der Marktanteil der Discounter am deutschen Lebensmittelhandel bei 40 Prozent – Tendenz steigend.
Das Einsparpotenzial sei aber noch weit größer. Nach einer GfK-Untersuchung landen zehn Prozent aller verpackten Lebensmittel ungeöffnet im Müll. Ein Zeichen, so Twardawa, dass Lebensmittel in Deutschland lange zu billig waren: „Was nichts kostet, ist eben auch nichts wert.“ Diese Einstellung werde sich künftig ändern.
Ausweichstrategien lassen sich auch im zweiten von der Teuerung besonders betroffenen Bereich, dem Energiesektor, beobachten. So legten die Fahrgastzahlen der Deutschen Bahn analog zu den steigenden Spritpreisen in den ersten vier Monaten 2008 um 20 Millionen auf 888 Millionen zu. Und das „Hamburger Abendblatt“ berichtet über Umsatzzuwächse von Fahrradhändlern bis zu 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Zweifellos ist die erzwungene Verhaltensänderung für die Verbraucher ein unbequemer Prozess. „Er verursacht immaterielle Kosten“, sagt Volkswirt Bardt. „Wer am Ende weniger Lebensmittel wegwerfen will, muss vorher besser planen, hat im Zweifel weniger Auswahl und kann zum Beispiel nicht einfach spontan essen gehen, wenn in seinem Kühlschrank etwas schlecht zu werden droht.“
Da höhere Preise immer für mehr Effizienz sorgten, habe der Preisanstieg für Gesellschaft und Volkswirtschaft aber auch positive Aspekte, sagt der DIW-Experte. Wer weniger wegwerfe und Lebensmittel effizienter nutze, wer Fahrrad und Bahn statt Auto fahre, wirtschafte letztlich nachhaltiger und verursache eine geringere Fehl¿allokation von Ressourcen. Und das kommt am Ende allen zugute.


