Innerhalb von 18 Monaten haben sich chinesische Aktien im Vergleich zu den Unternehmensgewinnen bei der Bewertung glatt verdoppelt. Mit seinem Plus im Jahre 2006 von insgesamt 121 Prozent ist der marktbreite Shanghai-and-Shenzen-300-Index inzwischen rund zweimal so hoch bewertet wie der Durchschnitt der Aktienindizes anderer Schwellenländer. Die Marktkapitalisierung hat zu Jahresbeginn 2007 die Schwelle von einer Milliarde US-Dollar überwunden.

Selbst die Regierung in Peking mahnt die Anleger daher zur Vorsicht: "Blinder Optimismus" herrsche an den Märkten und treibe die Kurse weiter an. Auch die schiere Größe der Börsengänge auf dem chinesischen Festland hat inzwischen beängstigende Dimensionen erreicht. Seit dem 9. Januar, dem ersten Handelstag der Aktien von Versicherer China Life Insurance, hat sich deren Kurs mehr als verdoppelt - der Börsengang im Volumen von 3,6 Mrd. Dollar war zuvor 49-fach überzeichnet.

Beim bislang größten chinesischen IPO, dem der Industrial & Commercial Bank of China, überstieg die Nachfrage privater Anleger jene der Institutionellen Investoren bereits um das Fünffache. Der Kurs der jungen ICBC-Aktien ist seit dem ersten Handelstag im Oktober um rund 70 Prozent gestiegen. "Wenn Privatanleger massenhaft bei Börseneinführungen investieren, dann ist das für mich ein Warnsignal", erklärt Fondsmanager Lau Wing Tat von DBS Asset Management in Singapur. "Private machen keine Trends, sondern ordern, wenn sie glauben, Geld verdienen zu können. Das findet oft zum Ende einer Rallye statt", sagt er.

Fondsmanager Marc Faber aus Hongkong, der den Börsencrash in den USA im Jahre 1987 korrekt vorhergesagt hatte, äußerte sich Anfang Januar zurückhaltend zum Kauf chinesischer Wertpapiere, mahnte zur Vorsicht und prognostizierte für das erste Quartal 2007 einen Kurseinbruch an den Aktienmärkten der Schwellenländer. Analyst Gary Evans von der HSBC beziffert die Wahrscheinlichkeit einer markanten Korrektur im ersten Halbjahr auf 30 Prozent. "In der Tat sind die Kursgewinne chinesischer Aktien beunruhigend", sagt die internationale Aktienstrategin Virginie Maisonneuve von Schroder Investment Management in London - eine jener von der Regierung in Peking ausgewählten Adressen, die auf dem chinesischen Inlandsmarkt tätig sein dürfen.

"Eine Korrektur käme nicht überraschend. Für mich wäre das aber eine Einstiegsgelegenheit", ergänzt sie. International wachsen die Finanzströme nach China ungebremst: Aktienfonds, die in chinesische Unternehmen investieren, zogen bereits in den ersten beiden Januarwochen rund 1,3 Mrd. Dollar an, was dem Dreifachen entsprach, was in die übrige Region (ohne Japan) investiert wurde, wie Emerging Portfolio Fund Research in Boston berechnete.

Bei der wachsenden chinesischen Mittelschicht gehört ein Engagement an der Börse mehr und mehr zum guten Ton. Die eng begrenzten Möglichkeiten zur Geldanlage und das Verbot, im Ausland zu investieren, sorgen für einen anhaltenden Boom bei Neuanlagen von Privatleuten. So hat etwa die Rentnerin Ding Xiulan aus Shanghai rund die Hälfte ihrer Ersparnisse in Wertpapieren angelegt und erwartet 2007 weitere Kursgewinne: "Die Aussichten für den Aktienmarkt bleiben solide", zeigt sich die 67-jährige pensionierte Ingenieurin optimistisch.

Aktien böten im Vergleich zu den wenigen anderen Investitionsmöglichkeiten für Festlandschinesen, darunter Immobilien und Renten, deutlich höhere Renditen. "Es fließen ständig enorme Summen in die Aktienmärkte in China", sagt HSBC-Analyst Evans. Derzeit treibe die Erwartung, dass die chinesische Währung Yuan aufgewertet wird, die Fantasie weiter an, und zwar zusätzlich zu den stolzen Wachstumsraten. "Das fühlt sich langsam ein wenig nach einer Blase an", mahnt Evans.