Milch könnte in den kommenden Tagen zu einem der meistverkauften Artikel in Deutschlands Supermärkten und Discountern werden. Denn wer weiß, wie lange es noch Nachschub gibt. Schließlich existiert jetzt die akute Gefahr eines Bauernstreiks nachdem sich die 33.000 Landwirte vom Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter (BDM) in einer Mitgliederbefragung mit großer Mehrheit für einen Lieferboykott ausgesprochen haben.


88 Prozent der befragten Bauern wollen ihre Milch lieber wegschütten als sie zu – aus ihrer Sicht – viel zu niedrigen Preisen an Molkereien zu verkaufen, meldet der Verband, dessen Mitglieder knapp die Hälfte der täglichen Milchmengen an die Verarbeitungsbetriebe liefern.


Wann ein möglicher Streik beginnt, steht aber noch nicht fest. Zunächst soll noch mal mit den Molkereien verhandelt werden. „Wir geben ihnen die Chance, mit entsprechenden Preisabschlüssen zu zeigen, dass sie an der Seite der Erzeuger stehen und einen fairen Milchpreis wollen“, sagt BDM-Vorstandschef Romuald Schaber. Der Milchindustrieverband, das Sprachrohr der rund 100 Molkereien in Deutschland, kündigt bereits Verhandlungsbereitschaft an: „Wir sind offen für Gespräche“, sagt Geschäftsführer Michael Brandl.

Bei der Frage nach diesem fairen Milchpreis weichen die Vorstellungen von Handel, Industrie und Erzeugern aber nicht nur voneinander ab, sie gehen sogar diametral auseinander. Der BDM zum Beispiel sieht den fairen Milchpreis derzeit bei 43 Cent je Kilogramm. „Nur so können wir kostendeckend arbeiten“, sagt Schaber. Allein binnen Jahresfrist seien die Betriebskosten angesichts der Preisexplosionen bei Futter, Düngemitteln und Energie um sieben Cent je Kilo Milch gestiegen. „Wenn der Milchpreis weiter sinkt, sind viele Betrieb in ihrer Existenz bedroht“, sagt Schaber.

Die Molkereien halten die BDM-Forderungen für deutlich zu hoch und fernab jeder Realität. „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Das müssen auch die Bauern akzeptieren“, sagt MIV-Geschäftsführer Brandl, der mit einem Milchpreis von 35 bis 37 Cent in den kommenden Monaten rechnet. Anders als noch Ende 2007 sei derzeit genügend Milch auf dem Weltmarkt vorhanden. Also sinke auch der Preis. Und tatsächlich bekommen die Bauern derzeit in einigen Regionen wie etwa Schleswig-Holstein zum Teil nur noch weniger als 30 Cent je Kilogramm Milch.

Den Molkereien, die zu großen Teilen Genossenschaften sind, kommt in der Milchverwertungskette eine Schlüsselrolle zu: Einerseits kaufen sie bei den Bauern die Milch, andererseits handeln sie mit den Handelsketten wie Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und Co. Lieferverträge aus, in denen auch die Preise festgesetzt werden. Und die dürften in den aktuellen Verhandlungsrunden deutlich unter den Vorjahreswerten liegen. Von der Kuh bis zum Kühlschrank sind es also mindestens drei Verkaufsschritte: vom Bauern an die Molkerei, von der Molkerei an die Supermärkte und von den Supermärkten an die Verbraucher. Und bei jedem Schritt will der Verkäufer verdienen. „Das meiste Geld davon bekommt der Handel“, heißt es dazu beim BDM. Der Verband spricht sogar von Erpressung der Bauern und der Molkereien. Mit dem angedrohten Lieferboykott wollen sich die Bauern nun gegen die Marktmacht des Handels stemmen. „Politik wird von Lobbys gemacht.

Also verschaffen wir uns jetzt eine Lobby“, heißt es beim BDM. Demnach scheint sich in den kommenden Wochen ein Konflikt darüber zu entwickeln, wer Preisnehmer und wer Preissetzer ist. „Die Milch wegzukippen, wird keinem Bauern leicht fallen. Aber für uns ist die Lage existenzbedrohend. Daher müssen wir über ein solch drastisches Mittel den Wert eines so hochwertigen Lebensmittels wie Milch wieder herstellen“, sagt Ludwig Soeken, Landesteamleiter des BDM in Niedersachsen