Bildungsprogramm

Apple will den Markt der Schulbücher erobern

Der iPad-Hersteller klopft mit E-Books an die Türen von Schulen und Universitäten. Schulbücher sollen künftig multimedial und interaktiv werden.

Von Thomas Heuzeroth

Foto: REUTERS

Apple-Gründer Steve Jobs war – wie sich nun herausstellt – äußerst großzügig beim Offenlegen seiner Pläne gegenüber seinem Biografen Walter Isaacson. Das Bildungssystem sei hoffnungslos veraltet, erzählte er ihm.

Es sei absurd, dass der Unterricht an den Schulen immer noch darauf hinauslaufe, dass ein Lehrer an der Tafel stünde und mit Textbüchern arbeite. Jobs: „Alle Bücher, Lernmaterialien und Leistungsprüfungen müssten digital, interaktiv und auf jeden Schüler zugeschnitten sein und Rückmeldungen in Echtzeit liefern können.“

Nun setzt Apple an, genau diesen Markt für sich zu gewinnen. Mit einer Präsentation im New Yorker Guggenheim Museum startete der Konzern seine Offensive – und holte sich dafür gleich mehrere Verlage zu Hilfe, darunter auch den großen US-Lernmaterialspezialisten McGraw-Hill, Pearson und Houghton Mifflin Harcourt, die nach Apple-Angaben für 90 Prozent aller Schulbuchverkäufe in den USA stehen.

Nur noch ein iPad in der Schultasche

Künftig, so die Pläne aus Cupertino im US-Bundesstaat Kalifornien, sollen Schüler und Studenten statt ihrer schweren Taschen nur noch ein iPad tragen – und ihre digitalen Bücher im hauseigenen iBookstore kaufen. Die meisten Titel sollen weniger als 15 Dollar kosten.

Für Apple könnte das ein lukratives Unterfangen werden. Allein in den USA ist der Markt für Schulbücher rund zehn Milliarden Dollar schwer, in Deutschland sind es immerhin 455 Millionen Euro, die mit digitalen und analogen Bildungsmedien umgesetzt werden.

Apple profitiert gleich mehrfach von seinem Vorstoß. Zum einen verdient der Konzern an jedem Buch, das aus seinen Store geladen wird, 30 Prozent des Kaufpreises. Und er verdient mit den Geräten, auf denen die Bücher betrachtet werden.

In New York zeigte Apple-Manager Phil Schiller nun eine Software, mit der Autoren leicht ihre eigenen Bücher interaktiv und multimedial gestalten können. Das gilt übrigens nicht nur für Schulbücher. Bisher war das nur Spezialisten möglich, die für Verlage arbeiteten. Nun können auch Autoren Filme und Fotos in ihre Texte einbauen, durch die Schüler und Studenten dann mit einem Fingerwisch blättern. Schiller sprach von der „Neuerfindung des Schulbuchs“.

Schüler haben kaum elektronische Bücher

Bislang ist der Markt für digitale Schulbücher eher eine Nische. In den USA werden Schätzungen zufolge gerade einmal drei Prozent der Schulbuchumsätze mit digitalen Ausgaben gemacht. Dieser Anteil soll sich in diesem Jahr aber verdoppeln. Bislang hat sich erst jeder zehnte Schüler oder Student einmal ein digitales Schulbuch zugelegt.

Mit dem iPad könnte sich das nun ändern. Immer mehr Schulen setzten den Tablet-Computer in ihrem Unterricht ein. Schüler müssen dafür nicht in Computerräume umziehen, das iPad eignet sich auch für den kurzen Rechercheauftrag zwischendurch, weil es auf Knopfdruck einsatzbereit ist.

In Deutschland gibt es eine ganze Reihe Schulen, die das Gerät verwenden. Eine der ersten war die Kölner Kaiserin-Augusta-Schule (KAS) mit rund 1000 Schülern, die bereits vor einem Jahr mit 30 Tablets gestartet ist. Mehr als die Hälfte der 75 Lehrer setzen die iPads im Unterricht ein und lassen damit Musik erstellen oder das schuleigene Wiki mit Begriffserklärungen, Mathematikaufgaben, chemischen Formeln und philosophischen Abhandlungen füllen.

Apple hat erkannt, dass es sich lohnt, spätere Kunden früh abzuholen. Zwar zeigt sich der Konzern äußerst geizig bei Rabatten, doch Schülern, Studenten und Lehrenden wird seit Jahren ein Preisnachlass eingeräumt. Bis heute konnte der Konzern 1,5 Millionen iPads an Bildungseinrichtungen in den USA verkaufen.

Schulbücher sind neuer Konzernbaustein

Während der Firmencampus in Cupertino vor der Öffentlichkeit weitgehend abgeschottet wird, werden Lehrer und Professoren immer mal wieder zu einem Besuch eingeladen. In Deutschland sind es häufig Apple-Rechner, die in Schulen und Universitäten stehen. Nach den Zahlen des Marktforschers Gartner hält Apple hierzulande gut ein Drittel des Marktes in Bildungseinrichtungen, mehr als jeder andere Hersteller.

Tatsächlich ist die nun angekündigte Schulbuch-Offensive nur ein weiterer Baustein in Apples Bildungsstrategie. Im AppStore für das iPad und iPhone tummeln sich in der Rubrik Bildung bereits mehr als 22.000 Anwendungen. Mit diesen Programmen lassen sich Fremdsprachen lernen, Nutzern können Lesen lernen, die Anwendungen erklären Sternenbilder oder helfen beim Lösen von Mathematikaufgaben. „Wir werden Schulbücher über jedes Thema sehen für jede Klassenstufe und jeden Schüler“, sagte Schiller in New York.

Anwendungen im iTunes Store

Im iTunes Store steht Schulen und Universitäten eine eigene Rubrik „iTunes U“ zur Verfügung, wo Professoren und Lehrer ihre Lektionen und Vorlesungen im Text, Video oder Ton einstellen können. Mehr als 350.000 solcher Dokumente sind dort inzwischen abrufbar, unter anderem von den Hochschulen in Yale, Stanford, Berkeley, Oxford, Cambridge, Peking und Tokio.

Bereits 700 Millionen Dokumente wurden bereits heruntergeladen. In Deutschland nutzen knapp 20 Universitäten diesen Dienst, darunter das Hasso-Plattner-Institut, die Berliner Humbold-Universität und die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Künftig gibt es für iPads eine eigene Anwendung für iTunes U, bislang musste der iTunes Store dafür genutzt werden.

Dass künftig Schulbuchautoren ihre Werke an den Verlagen vorbei über Apple in die Schulen bringen, ist unwahrscheinlich, weil der Zugang zu den Schülern reglementiert ist. In Deutschland müssen solche Titel von den Kultusministerien geprüft werden, die von jedem Buch zwei bis drei Gutachten auf Kosten der Verlage anfertigen lassen. Der Prozess dauert mehrere Monate, anschließend gibt es eine zeitlich befristete Zulassung. Nach Informationen der „Welt“ führt Apple in Deutschland bereits Gespräche mit den Kultusministerien und mit Schulbuchverlagen. Über den Inhalt dieser Gespräche gibt es keine Angaben.