i-Universität

Mit Apple vom Bett aus in der ganzen Welt studieren

In der schönen neuen Bildungswelt "iTunes U" kann man jederzeit an 800 Unis Vorlesungen besuchen, von New York bis Peking, von Rom bis Siegen. Ein Selbstversuch.

Von Reinhard Mohr

Foto: AFP

Der Fortschritt ist der Vater aller Dinge. Aber er hat auch seine Tücken. Nehmen wir nur die Erfindung des guten alten Anrufbeantworters, heute: Mailbox. Vor dreißig Jahren gab es derartiges Teufelszeug noch nicht, und in jenen seligen Zeiten, als ein Wutausbruch noch Aug‘ in Aug‘ stattfinden musste und deshalb nicht selten unterblieb, gingen auch Studenten noch höchstpersönlich in die Universität.

Irgendwann am späten Vormittag trottete man verschlafen in den Hörsaal, wo ein Professor, der auf schmerzhafte Weise hellwach war und seine Worte gestochen scharf artikulierte, über die „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ philosophierte. Danach ging’s erst mal zum Abhängen ins Kommunikationszentrum (KOZ), wo der revolutionäre Nicaragua-Kaffees gemütlich aus der Maschine tröpfelte.

Temps perdu. Heute ist Kommunikation, von Twitter bis Facebook, virtuell. Heute gibt es auch iTunes U, eine spezielle Bildungsplattform von Apple iTunes, auf der bislang etwa 350.000 Universitätsvorlesungen, Podcasts, Videofilme, Audio-Dateien und vieles mehr kostenlos angeboten werden.

Über 800 Universitäten weltweit beteiligen sich bisher an iTunes U – und am Donnerstags stellte Apple eine neue, aktualisierte Fassung vor , die ab sofort auch als App auf iPhone, iPad und iPod touch verfügbar ist.

Von zu Hause aus studieren

Es ist eine schöne neue Apple-Welt, in der man sich eigentlich gar nicht mehr hinaus begeben muss. Selbst Literaturlisten, Hausarbeiten und Prüfungsunterlagen kursieren bequem im World Wide Web, und für den Professor, der sachdienliche Nachrichten jetzt flächendeckend „posten“ kann, muss niemand mehr aufstehen, wenn er den Hörsaal betritt.

Man kann auch schön im Bett liegen bleiben, wenn es um die Grundlagen der Geschichtsphilosophie oder die „Universitäre Bildung von Humboldt bis Bologna“ geht. Professor Dr. Claus Rollinger von der Berliner Humboldt-Universität erscheint dem aufgeweckten Studiosus jederzeit gerne auf dem iPad .

Ganz zwanglos wechseln wir so endgültig von der Gutenberg- zur Guttenberg Ära, vom Zeitalter der schwarz auf weiß nachprüfbaren individuellen Erkenntnis zur jederzeit abrufbaren Cluster-Wahrheit, die immer schwerer von Simulation und Anmaßung zu unterscheiden ist.

Aber wer weiß: Vielleicht nähert sich die Menschheit auf diese Weise doch jenem Ideal, das Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, jüngst mit der grundoptimistischen Maxime beschrieb, jeder könne nun alles wissen.

Apples neue Bildungswelt

Im Prinzip ja, würde hier auch Radio Eriwan antworten, doch wer sich in Apples neue Bildungswelt begibt, der relativiert fürs Erste die Utopie von der allwissenden Gesellschaft: Gewiss, alles nur Erdenkliche findet man hier, aber eben auch alles Mögliche, einen gigantischen Wissensberg, der zugleich ein globaler Gemischtwarenladen ist.

Zugegeben: Für die Generation Adorno, die dem Großmeister der „Frankfurter Schule“ im überfüllten Hörsaal noch hautnah zu Füßen saß, ist es faszinierend zu sehen, wie bequem man nun von zu Hause, im Café oder ICE Hildegard von Bingen den Ausführungen eines chinesischen Professors der „Nanyang Technological University“ über „Elementary Ways of Calculation PI“ folgen kann.

Ein paar Klicks weiter doziert schon Alice Schwarzer an der Universität Duisburg-Essen über „Islam, Islamismus und Integration“. Auch Peter Scholl-Latours Vorlesung aus dem Jahr 2009 über „Das Ende der weißen Weltherrschaft“ lässt sich locker auf dem Sofa genießen. In der „Hochschule Furtwangen University“ (HFU) geht es Sekunden später um die „Weltrettung im Supermarkt: Wenn der Öko-Konsum mehr den Konzernen dient als Mensch und Umwelt“.

Im Hörsaal der „Leibniz Universität“ steht der Professor derweil vor der großen, mit komplizierten mathematischen Formeln bedeckten Tafel und stellt nach einer rasanten Kaskade von Fachbegriffen der theoretischen Philosophie die Frage, ob jemand noch eine Frage habe.

Klausurfragen bleiben unbekannt

Eine halbe Sekunde später stellt er, wie ein Staatsanwalt, beinah triumphierend fest: „Das ist offenkundig nicht der Fall“, und weiter geht’s im Text. Fürs nächste Mal ist eine Klausur angesetzt, und sogleich kommt der frostige Hinweis, dass die Fragen natürlich vorher „nicht bekannt gegeben werden“. „Aber das nehmen Sie ja sicher als Herausforderung“, fügt der Professor angesichts der schweigenden Studenten gönnerhaft hinzu, und in diesem Augenblickt drängt sich er Gedanke auf, dass iTunes U nicht zuletzt eine Art Stiftung Warentest für den berühmt berüchtigten „Lehrkörper“ sein könnte – weltweit.

Kostenlose Schnupperkurse an Universitäten, die man sich mal näher anschauen möchte. Denkbar wäre auch, dass Studenten im Hörsaal sich aus der quälend langweiligen Vorlesung akustisch ausklinken und parallel auf iTunes U einem besseren Angebot folgen, irgendwo zwischen Singapur und Siegen. Der Trend zur Optimierung kennt keine Grenzen.

In jedem Fall aber bietet die App ein ethnokulturelles Studium Generale frei Haus, eine intellektuelle Sittengeschichte in Echtzeit. Bevor er seinen Vortrag über „Middle East Problems“ hält, bittet etwa Dr. Graham Leonard erst einmal alle anwesenden Veteranen des ersten Irak-Kriegs darum, aufzustehen. Das ist amerikanischer Praxisbezug at it’s best.

Doch auch an der „New Mexico State University“ orientiert man sich an einem durchaus praktischen Wissensbegriff. Im Lehrfilm „Healthy Eating for a healthy Baby“ geht es um ebenso einfache wie existenzielle Wahrheiten, während angehende Mütter über „the most wonderful experience of my life“ schwärmen.

Handfest und wunderbar anschaulich präsentieren sich auch „The Art Institutes“ mit ihren unzähligen amerikanischen Dependancen. Im Kursus „Basics of Culinary“ wird in angemessener Ernsthaftigkeit das fachgerechte Schmoren von Rindfleisch demonstriert. Dass die Fleischstücke selbst Wagners Riesen Fasolt an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gebracht hätten, versteht sich von selbst. Hier geht es um das große Ganze, um die Grundlagen des Geschmacks.

Zur geistigen Erholung wechseln wir ins „Museum of Modern Art“ nach New York, wo die deutschen Expressionisten von Kandinsky über Pechstein bis Otto Dix fast ehrfürchtig gefeiert werden. Beim „Institut Francais de la Mode“ sehen wir kurz darauf einen eleganten Designer, der gestenreich seine Profession skizziert.

Leider läuft beim Versuch, die „Thunderbird School of Global Management“ zu erreichen, irgendetwas schief, und das passiert uns, zugegeben, ein paar Mal. So ist die Vorlesung „Organic Agriculture Theory and Practice“ an der „Iowa State University“ optisch etwas statisch ausgefallen. Man hört, doch es bewegt sich nichts, und wenn, dann nur verschwommen.

Probleme mit der Aufnahmetechnik

Noch arbeiten nicht alle mit der besten Aufnahmetechnik, und auch für uns ist es eine Premiere, der allererste Versuch mit ITunes U – und das mehrere Jahrzehnte nach jener analogen Uni-Zeit, als man mit einem Ringbuch über den Campus lief und abends in die Männergruppe ging.

Dennoch: Ein Gefühl à la Feuerzangenbowle stellt sich nicht ein beim Anblick all der Hörsäle, eher schon die Befürchtung, dass man aus Versehen irgendwann bei einem Vortrag von Richard David Precht landen könnte. Dann doch lieber rasch nach Cambridge, wo es in der Reihe „Naked Scientists“ um das Phänomen „Mind meets Machine“ geht.

Und genau das ist die Dialektik aus Maschinisierung des Geistes und Vergeistigung der Maschine, eine gegenseitige Durchdringung, die auch ein Machtkampf ist. Sein Ausgang ist kaum zu prophezeien. Das Staunen aber über die schier unbegrenzten technischen Möglichkeiten, sich von jedem Ort der Welt aus an jeden anderen Ort der Welt zu begeben, um dort Informationen aufzunehmen, konkurriert mit der Ahnung, dass es am Ende immer einen Ort geben muss, an dem das alles noch irgendwie zusammenläuft.

Trotz der Computerisierung unserer Welt bleibt immer noch der Kopf des Menschen – seine Denkfähigkeit und Orientierungskraft – jene letzte Instanz, auf die es ankommt. So beeindruckend das Angebot von ITunes U ist – letztlich ist es auch nur ein weiterer Strom in der überwältigenden Informationsflut unserer Tage.

Man muss wirklich nicht die Philosophie des deutschen Idealismus von Kant bis Fichte bemühen, um festzustellen: Denken muss der Mensch immer noch ganz alleine.