Proteste im sozialen Netz

Russlands Facebook trotzt dem Geheimdienst

Das russische soziale Netzwerk "VKontakte" wird zur Protest-Organisation genutzt. Der Geheimdienst ist alarmiert, doch der Gründer lässt sich nicht einschüchtern.

Foto: http://vkontakte.ru

Einen niedlichen Hund ließ Pawel Durow ausrichten, was er vom russischen Geheimdienst FSB hält. Aus einem blauen Kapuzenpullover blickt das Tier in die Kamera und zeigt seine rosa Zunge in voller Länge.

„Meine offizielle Antwort an die Geheimdienste auf ihr Ersuchen, Benutzergruppen zu blockieren“, schrieb Durow, Chef von Russlands größtem sozialem Netzwerk VKontakte („Im Kontakt“), am 8. Dezember in sein Internetprofil. Daneben platzierte er den Brief des Geheimdiensts an ihn und eine Vorladung der Staatsanwaltschaft.

Zugleich stellte Durow aber klar: Dass er die Diskussionen im Netzwerk nicht abschalte, habe nichts mit politischer Überzeugung zu tun, sondern nur mit seinem Geschäft. Es wäre schließlich dumm, die Plattform gerade jetzt zu blockieren, wo sie am besten läuft.

Angesichts des Booms sozialer Netzwerke findet sich der 27-jährige, gewöhnlich schwarz gekleidete Russe plötzlich ungewollt in der Politik wieder. Die Massenproteste am 10. Dezember gegen Wahlfälschungen wurden vielfach über Plattformen wie VKontakte organisiert. Und auch Berichte über den Widerstand finden Internetnutzer vor allem hier.

Internet soll reguliert werden

Die traditionellen Medien hat Premier Wladimir Putin längst weitgehend auf seine Linie gebracht. Kein Wunder also, dass der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Nikolai Patruschew, dieser Tage laut über eine „vernünftige Regulierung des Internets“ nachdachte und als Beispiel China nannte, das Netzwerke wie Facebook blockiert.

Noch sind die Russen im Internet aber frei – und das nutzen sie auch. 25 Millionen Besucher zählten die Marktforscher von TNS Global im Monat Oktober auf VKontakte. Die Nummer zwei im Land, Odnoklassniki („Mitschüler“), kam auf 20, die russische Seite von Facebook auf 13 Millionen. An vielen Tagen zählt VKontakte acht Mal mehr Besucher als das Original.

Für Durow ist der gleichaltrige Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nicht nur ein Konkurrent, Facebook diente dem St. Petersburger auch als Blaupause. Der Sohn eines klassischen Philologen und einer Lehrerin hatte bereits als Teenager Studentenforen im Internet gegründet und Führungsqualitäten entwickelt. Als sich 2006 ein alter Schulkollege beim ihm meldete, dessen Vater das nötige Startkapital beisteuerte, adaptierte Durow Facebook für russische Bedürfnisse und ergänzte den Dienst durch Apps, Spiele und Musik. Unter den vielen Facebook-Klonen weltweit zählt sein Projekt zu den erfolgreichsten.

Durow hat ausgesorgt

Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens den nachlässigen Umgang mit Urheberrechten für Musik und Videos – den Durow durch Kooperationen mit Kinoproduzenten zu beheben beginnt. Zweitens das Geld des berühmtesten russischen Internetinvestors Juri Milner, eine Milliarde Dollar schwer, der 39,99 Prozent an VKontakte hält. Gemeinsam haben die beiden jetzt einen Fonds gegründet, der Start-up-Unternehmen mit je 25.000 Dollar unterstützen soll.

„Hätte VKontakte 2006 diese 25.000 Dollar gehabt, hätten wir mit unserem eigenen Geld mehrere Millionen User erreicht“, sagte Durow dem US-Magazin „Forbes“. So freilich muss er sich mit zwölf Prozent an seinem eigenen Unternehmen, das im Vorjahr 94 Millionen Dollar umsetzte, begnügen. Immerhin sind auch die fast eine Viertelmilliarde wert, denn Analysten taxieren das Unternehmen auf zwei Milliarden Dollar.

Wie sein Vorbild Zuckerberg hat der Jungunternehmer finanziell also ausgesorgt. „Für mich ist Geld eine absolut virtuelle Einheit“, sagt Durow. „Eine Teilnahme am Wettbewerb, es zur Schau zu stellen, erscheint als objektiv unnütze Beschäftigung. Wiewohl es nicht die schlechteste aller Sportarten ist.“