Es gab kein "one more thing", kein Steve Jobs auf der Bühne und kein iPhone 5. Üblicherweise hält die Technologie-Welt den Atem an, wenn der Apfel-Konzern seine neusten Produkte präsentiert. Doch dieses Mal musste die Apple-Gemeinde einen sehr langen Atem haben.
Über mehr als eineinhalb Stunden hat der neue Apple-Chef Tim Cook mit seinen Kollegen am Dienstagmorgen Ortszeit in Cupertino Neuigkeiten präsentiert - und dabei niemanden wirklich überrascht. Das neue iPhone heißt 4S, sieht aber aus wie das alte, hat eine bessere Kamera und Spracherkennung. Punkt.
Apple hat die Erwartungshaltung mit seinen Produkten in der Vergangenheit immer wieder hochgeschraubt. Diesmal aber schossen die Spekulationen im Vorfeld wohl weit über das Ziel hinaus. Ein Volks-iPhone will der Konzern nicht anbieten. Diese Funktion müssen ältere Modell übernehmen, die meist günstiger verkauft werden.
Auch das Display will der Konzern nicht vergrößern und weder am Gewicht noch am Design etwas ändern. Der bisherige Erfolg mag Tim Cook recht geben, wenn er mit seinem iPhone 4S das alte Modell pflegt. Doch überzeugt das die iPhone-Nutzer, sich ein neues Modell zuzulegen?
Neues Modell ist schneller
Tatsächlich kann das neue Gerät einiges mehr als sein Vorgänger. Es bekommt den schnelleren Prozessor A5 verpasst, der auch im iPad 2 steckt. Damit öffnen sich Programme noch schneller und Spiele lassen sich grafisch anspruchsvoller darstellen. Die Kamera hat nun eine Auflösung von acht Megapixel, fotografiert schärfer und filmt nun in HD.
Sogar eine Bildstabilisierung soll es geben, die vor allzu großen Wackeleien schützen soll. Die Geschwindigkeit, mit der das iPhone im Internet unterwegs ist, verdoppelt sich in den schnellen Mobilfunknetzen auf 14,4 Megabit pro Sekunde.
Ob es Apple am Ende gelingt, die Nutzer dazu zu bringen, mit ihrem iPhone zu sprechen, ist fraglich. Apple hatte im vergangenen Jahr das Unternehmen Siri Inc. übernommen und in den vergangenen Monaten die Zusammenarbeit mit dem Spracherkennungssoftware-Anbieter Nuance verstärkt. Ausführlich präsentierte Apple dann auch am Dienstag die Spracherkennung auf der Bühne.
Wer sein Handy fragt, wie das Wetter wird, bekommt ebenso eine Antwort wie auf die Frage nach dem aktuellen Währungswechselkurs und Aktienwert. Bereitwillig bittet das iPhone in Zukunft zum Diktat. So ganz sicher ist sich wohl auch Apple bei dem neuen Dienst nicht und sieht ihn noch im "Beta-Stadium".
Neuerungen funktionieren auch auf alten Geräten
Viele der Neuerungen, die auf die iPhone-Nutzer zukommen, funktionieren auch auf älteren Geräten, weil sie Bestandteil der neuen Betriebssystem-Version iOS 5 sind. Wer künftig ein Song oder eine TV-Show im iTunes Store kauft, kann die Einkäufe automatisch auf allen seinen Apple-Geräten synchronisieren.
Auch iPhone-Fotos werden in Zukunft über die iCloud synchronisiert, Apple nennt das Photo Stream. Die Fotos tauchen auch auf dem iMac oder auf der Apple-TV-Box auf. Mit iOS 5 entkoppelt Apple sein iPhone von den Computern, die bislang zur Einrichtung nötig waren.
Das Apple kein günstigeres iPhone einführt, ist möglicherweise dem Selbstbewusstsein des Konzerns geschuldet. Dabei hat sich im vergangenen Jahr viel verändert auf dem Smartphone-Markt. Die Smartphones mit dem kostenlosen Google-Betriebssystem Android dringen in immer niedrigere Preiskategorien vor. Zuletzt hatte der chinesische Hersteller Huawei ein solches Gerät in Deutschland für 99 Euro auf den Markt gebracht. In Westeuropa und den USA mag Apple damit leben können, doch in den Wachstumsmärkten wie Indien und China werden die günstigen Android-Handys hohe Stückzahlen erreichen. Schon innerhalb eine Jahres hat sich für Apple viel verändert.
Stückzahlen der Android-Geräte uneinholbar hochgeschnellt
Lagen vor einem Jahr die Apple- und Google-Telefone noch annähernd gleichauf, sind die Stückzahlen der Android-Geräte inzwischen uneinholbar hochgeschnellt. Nach Angaben von Google werden täglich mehr als eine halbe Million Android-Geräte aktiviert. Ohne eine billigere iPhone-Alternative könnte Apple noch weiter zurückfallen. Zumindest das alte iPhone 3GS will der Konzern noch weiter verkaufen.
Tim Cook absolviert seine erste Präsentation als Apple-Chef solide und ohne Pannen. Er bittet Kollegen auf die Bühne und hält sich – im Vergleich zu seinem Vorgänger - weitestgehend im Hintergrund. Am Ende verabschiedet er sich höflich mit einem "Ich bin so unglaublich stolz auf dieses Unternehmen". In jedem normalen Konzern wäre es damit getan.
Doch Apple ist anders. Der Konzern hat mit seinen Produkten mehrere Industrien revolutioniert, darunter die Musikbranche ebenso wie die Mobilfunkwelt. Von einem Apple-Chef werden Visionen erwartet. Steve Jobs hat diese Visionen geliefert. Tim Cook hingegen muss sich als Visionär noch beweisen.




