Gebrauchtwagenmarkt

Diese Fallen lauern beim Autokauf im Internet

Das Internet hat den Gebrauchtwagenmarkt völlig umgekrempelt. Doch noch immer passieren vielen Autokäufer die gleichen vermeidbaren Fehler.

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So richtig gewundert hat sich Andreas Krieger nicht mehr, dass eine Italienerin bei ihm im Autohaus auftaucht und eine Feilscherei wie auf dem Basar beginnt. 33.900 Euro sollte der Audi A5 kosten. Sie wollte 1500 Euro weniger zahlen.

„Sie hat im Internet verglichen, sich ein Preislimit gesetzt und davon wollte sie nicht mehr runter“, sagt Krieger, der seit elf Jahren Autos verkauft und im Autohaus Zellmann am Rande Berlins den Titel des „Gebrauchtwagen-Teamleiters“ führt. Die Leute kommen zu ihm aus Süddeutschland, Norddeutschland, Westdeutschland und manchmal aus Italien. Spanier waren auch schon mal da. Meistens haben sie genaue Preisvorstellungen, wie die Italienerin. Sie haben sich ja vorher im Internet informiert.

Viel und oft ist die Rede davon, wie sehr das weltumspannende Netz den Alltag durcheinander gewirbelt hat. Die Menschen kommunizieren anders, sammeln auf neue Weise Wissen an, sortieren ihr Freizeitverhalten neu und kaufen anders ein. Das Internet hat ganze Branchen durcheinander gerüttelt, Marktmacht neu verteilt.

Die kleine Episode des Gebrauchtwagenhändlers Andreas Krieger zeigt beispielhaft, wie sehr sich ein althergebrachter Geschäftszweig durch das Internet grundlegend verändert hat – und das nur innerhalb weniger Jahre. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Gebrauchtwagenmarkt aber auch, dass es die Kunden durch mehr Informationen nicht unbedingt klüger macht.

Krieger verbringt jetzt viel Zeit damit, Fotos zu machen und auf Internetseiten hochzuladen. Für mobile.de und Autoscout24 , die größten deutschen Portale. Mittlerweile gibt es bei Auto-Zellmann einen Raum für Lichtbildaufnahmen. Denn Händler, die wahrgenommen werden wollen, müssen wahrgenommen werden. „Fünf sind bei den Portalen das Minimum. Wir machen 16 pro Wagen“, sagt Krieger.

Alle sind im Netz zu sehen. Praktisch jeder Kunde hat sich vor her mal vor einen Computer gesetzt und Erkundungen gemacht. Selbst ein Kiezhändler wie Zellmann, seit Jahrzehnten in Altglienicke beheimatet, muss sich jetzt der Konkurrenz von Häusern in Stuttgart, Hamburg oder Köln stellen. „Früher“, sagt Krieger, „war der Handel mit Gebrauchten ein rein lokales Geschäft.“

Händler inserierten damals in Tageszeitungen und Anzeigenzeitschriften. Die Summe aller Gebrauchten in einer Stadt war im Großen und Ganzen der Markt mit dem sich Interessenten zu begnügen. Bis die Zeit von Firmen wie Autoscout24 und mobile.de begann. Im Jahr 2010 wurde jeder vierte Gebrauchtwagenkauf aufgrund von Internetangeboten getätigt. So steht es im DAT-Report Autohaus 2010, dem Jahresbericht der Deutschen Automobil Treuhand. Das wären bei knapp 6,5 Millionen Besitzumschreibungen von Autos im Jahr mehr als 1,6 Millionen Internet-Autokäufe.

Informationen holt sich heute praktisch jeder über das Internet, bevor er losgeht. Marktführer in Deutschland ist Mobile.de, ein Tochterunternehmen von Ebay, das kurz hinter der Berliner Stadtgrenze im Gewerbepark Europarc Dreilinden sitzt. Martin Tschopp heißt der Chef, ein Schweizer mit kurzen Haaren und einer der mächtigen Menschen im Autogeschäft in Deutschland.

„90 Prozent aller Gebrauchten sind bei uns registriert“, sagt Tschopp und rattert die Zahlen herunter. 35.000 Händler haben sich registriert, alle neun Sekunden wird ein Auto verkauft, Fahrzeuge im Wert von 32 Milliarden Jahr werden pro Jahr gehandelt, 64 Millionen Mal im Monat klicken Menschen auf der Internetrepräsentanz von Mobile.de herum. Rund eine Million Fahrzeuge hat stehen jederzeit auf den Seiten zu Verkauf.

Im Durchschnitt kostet ein Gebrauchter 18.000 Euro. „Wir haben dem Kunden ein Instrument an die Hand gegeben, durch das für ihn der Markt transparenter wird“, sagt Tschopp. Das ist die große Verheißung im Internethandel. Mit ein paar Klicks verschafft man sich einen Überblick.

Große Auswahl überfordert die Kunden

Allerdings ist es oft nur eine gefühlte Transparenz. Denn zeitgleich mit dem Aufstieg der Portale begannen die Hersteller damit, die Zahl ihrer Ausstattungsvarianten auf mitunter groteske Art in die Höhe zu treiben. Lackierung, Motorisierung, Karosserieform, Ledersitze, ESP, integriertes Navigationssystem, Leichtmetallfelgen und, und, und…

Das überfordert viele und wird nur unzureichend berücksichtigt. Filtermöglichkeiten bei der Suche via Mobile.de oder Autoscout werden oft nicht ausgenutzt. Preis, Kilometerstand, Kombi oder Limousine, Benzin oder Diesel, viel mehr würden viele nicht eingeben, sagt Verkaufsprofi Andreas Krieger – der davon natürlich im Zweifel profitiert.

Noch mehr profitieren davon Werkstätten und Händler , die daraus ein Geschäftsmodell gemacht haben. Die große Auswahl und treibt die Menschen dann zum Beispiel zu Anselm Lotz, der in Berlin die Firma „Carparts & Promoter“ besitzt. Die Leute von Lotz suchen und prüfen bei Wunsch Gebrauchte aus dem Internet – oder sie schicken Sachverständige zu Wagen, die ein Kunde über das Netz gefunden hat. Das kann je nach Aufwand bis zu 60 Euro kosten und Lotz hofft natürlich, dass er so vor allem neue Kunden für seine Werkstatt gewinnt. „Die Transparenz im Internet ist in vielerlei Hinsicht eine gefühlte“, sagt er.

Und der Gebrauchtwagenmarkt, von Natur aus mit dem Makel der Zwielichtigkeit behaftet, treibt auch im Netz unseriöse Blüten. Eine beliebte Masche sind Scheinangebote. Klassischerweise wird dabei ein beliebter Fahrzeugtyp mit guter Ausstattung und vorteilhaftem Preis präsentiert.

Nur existiert das Auto gar nicht. Vielmehr will der Händler an der Zahl der Internetklicks sehen, wie begehrt das Angebot ist. Das dient ihm zur Preisfindung. Zudem kann der Interessent dann vielleicht für ein anderes Angebot begeistert werden. Im schlechtesten Fall wird der Kunde durch das fast unbegrenzte Angebot im Internet fahrig und trifft deswegen eine unvernünftige Kaufentscheidung.

Klassische Tricksereien bleiben nicht aus

Diese Gefahr sieht auch Michael Bergmann, Geschäftsführer von Eurotax Schwacke, jenem Unternehmen, das mit seiner Liste die Deutungshoheit über Gebrauchtwagenwerte in Deutschland besitzt. „Wir haben erhöhte Komplexität und darüber deutlich mehr Daten“ Mehr Informationen bedeuteten aber nicht automatisch, dass man eine bessere Entscheidung treffe, sagt Bergmann.

Das können die Leute vom Technikzentrum des ADAC nur bestätigen. Wie ein Mantra trägt Helmut Klein, der Leiter, seinen Merksatz vor: „Vor einem Kauf sollte sich jeder darüber klar werden, was ihm für das Auto wirklich wichtig ist.“ Zudem sollte man stets darauf dringen, die Historie eines Fahrzeugs präsentiert zu bekommen, beispielsweise durch Informationen über Wartungsintervalle, die dokumentiert wurden.

Allerdings: Die klassischen Tricksereien der Gebrauchtwagenhändler sind auch im Internetzeitalter nicht ausgemerzt. „Manipulationen am Tachostand sind heute oft in 30 Sekunden über die Elektronik möglich“, sagt Klein. Er schätzt, dass bei rund einem Drittel aller Gebrauchten der Kilometerstand geschönt ist – das wären mehr als eine Million Fahrzeuge. Diesen Missstand konnte auch das Internet nicht beheben.

Aber der ADAC will es sich zu nutze machen: mit einem Geschäftsmodell, das Deutschlands größter Automobilklub starten will. Der Zeitpunkt steht noch nicht fest. Juristische Details sind noch zu klären. Klein zufolge soll es aber so aussehen, dass Gebrauchtwagenkäufer die Dienste der 330 Sachverständigen des Klubs in Anspruch nehmen können. Diese würden dann – gegen einen Obolus – Autos beim Händler anschauen, die der Kunde vor dem Computer für interessant befunden hat.